So privat wie fast nie: Edmund Stoiber spricht über Merkel, Fußball und seine große Liebe

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Bei alkoholfreiem Bier unterhielten sich sich Dr. Edmund Stoiber und unsere Autorin Clara Wildenrath im Biergarten des Wirtshauses Flößerei in Wolfratshausen. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Edmund Stoiber hat‘s derzeit so ruhig wie selten in seinem Leben. Im Biergarten spricht der 83-Jährige so offen und privat wie selten.

Wolfratshausen - Er wolle sich nicht über Politik äußern, betonte er im Vorfeld des Gesprächs. Doch Politik war Dr. Edmund Stoibers Leben – und ist es noch immer. So spricht er beim abendlichen Treffen im Wirtshaus Flößerei in Wolfratshausen dann doch ausführlich über sein Lieblingsthema: Von seinem Rausschmiss bei einer Studentenkundgebung mit Rudi Dutschke, der letztendlich den Ausschlag zum aktiven Engagement in der Jungen Union und später in der CSU gab, über seine Zeit als bayerischer Ministerpräsident und Kanzlerkandidat bis zum stetigen Austausch mit heutigen Politikgrößen wie Markus Söder und Friedrich Merz.

Serienstart: „30 Minuten mit...“ Dr. Edmund Stoiber

Und von Franz Josef Strauß, der ihn mit seiner Leidenschaft und seinem Kampfgeist bis heute prägt – „als Mensch ebenso wie als Politiker“. Von Angela Merkel, Wladimir Putin und vielen anderen bekannten Namen. Der 83-Jährige formuliert geschliffen, ein jahrzehntelang geübter Redner. Manchmal kneift er kurz die Augen zusammen und überlegt: „War das jetzt 1971 oder 1972?“

Fußball nimmt der Ex-Ministerpräsident sehr ernst

18 Jahre nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik ist sein Terminplan immer noch voll. Kurz vor dem Treffen eine Schaltkonferenz mit ProSiebenSat.1, wo er als Beiratsmitglied über die Zukunft der Medienlandschaft in Deutschland diskutierte. Am Vortag ein langes Telefonat mit Uli Hoeneß, mit dem er im Aufsichtsrat der FC Bayern München AG sitzt. „Fußball nehme ich sehr ernst“, sagt Stoiber. Seit 60 Jahren ist er FCB-Mitglied, 2009 übernahm er den Vorsitz im Verwaltungsbeirat des Vereins. In der Allianz-Arena ist er bei fast jedem Bayernspiel dabei, in der Aufsichtsratsloge mit Hoeneß und Rummenigge, „bei Auswärtsspielen überlege ich mir das heute etwas länger als früher“.

Jeder Tag beginnt mit Zeitungslesen: „Mein ganzes Leben lang“

Darüber hinaus engagiert er sich ehrenamtlich als Vorsitzender zahlreicher Gremien, etwa im Stiftungsrat der Buchheim-Stiftung und im Kuratorium der Ludwig-Maximilians-Universität. Der Ehrenvorsitzende der CSU besucht jeden Parteitag, fast alle Landesvorstandssitzungen und „noch zu viele Wahlveranstaltungen als Redner“, wie er leicht schmunzelnd sagt. Hin und wieder berät er als Rechtsanwalt „ausgewählte Fälle“. Und er nimmt sich jeden Tag zwei bis drei Stunden Zeit, sich zu informieren, was in Bayern, Deutschland und der Welt passiert. „Ich habe meinen Tag immer mit dem Münchner Merkur angefangen, mein ganzes Leben lang“, erzählt er. Danach geht es weiter: FAZ, Handelsblatt, Spiegel und vieles mehr – alles klassisch in Papierform und bis zur letzten Seite.

Butter ist immer noch etwas Besonderes für mich.

Neben Politik und Fußball ist ihm vor allem eines wichtig: seine Familie. Stolz erzählt er von seinen neun Enkeln, die jüngste zwei, der älteste fast 26 Jahre alt. Er sieht sie oft, sagt er, und diskutiert mit den größeren gern über aktuelle politische Fragen – wie etwa eine neue Wehrpflicht. Als seine beiden Töchter und sein Sohn klein waren, habe er zu wenig Zeit für sie gehabt, gibt er zu. Wegen ihres bekannten Nachnamens wurden sie oft mit Anfeindungen konfrontiert von Menschen, die politisch auf einer anderen Linie als ihr Vater lagen. „Jahrzehntelang konnten wir uns nur mit mehreren Leibwächtern gemeinsam in der Öffentlichkeit bewegen, auch in den Urlauben. Das war für die Kinder nicht angenehm.“

Ich war auch in politisch schwierigen Zeiten immer überzeugt, dass das, was ich tue, das Richtige ist.

Von seiner Frau Karin, seiner „großen Liebe auf den ersten Blick“, spricht er mit Hochachtung. „Ich hätte das alles nicht machen können, wenn sie es nicht innerlich mitgetragen hätte.“ In der Bank für Gemeinwirtschaft in Geretsried haben sich die beiden 1963 näher kennengelernt: sie, 19, Sekretärin des Direktors, und er, 21, ein Jurastudent, der sich in den Semesterferien etwas dazuverdiente. Bei der Hochzeit 1968 war ihr Mann Rechtsreferendar, sechs Jahre später Landtagsabgeordneter, 1978 schon Generalsekretär der CSU. „Sie hätte ein beschaulicheres Leben haben können“, meint Stoiber mitfühlend. Auch heute noch nimmt Karin Stoiber als ehemalige First Lady an vielen Repräsentationsterminen teil. Er merke aber, sagt Stoiber, dass es ihr allmählich zu viel werde, und fügt nach einer Pause hinzu: „Mir auch manchmal.“

Kurzvita

Dr. jur. Dr. h.c. Edmund Stoiber (83) war von 1993 bis 2007 Bayerischer Ministerpräsident und von 1999 bis 2007 Parteivorsitzender der CSU. Nach dem legendären „Wolfratshauser Frühstück“ mit Angela Merkel ernannten ihn die Unionsparteien zum gemeinsamen Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl 2002. Er unterlag jedoch knapp gegen Amtsinhaber Gerhard Schröder.

Unter Franz Josef Strauß war er von 1978 bis 1983 Generalsekretär der CSU. Nach seinem Abschied als Ministerpräsident leitete Stoiber bis 2014 in Brüssel eine Arbeitsgruppe der EU-Kommission zum Bürokratieabbau.

Stoiber, geboren in Oberaudorf im Landkreis Rosenheim, ist Träger zahlreicher Auszeichnungen wie dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, Ehrenzeichen verschiedener Staaten und dem Karl-Valentin-Orden.

Seit 1978 lebt er mit seiner Ehefrau Karin in Wolfratshausen.

Mit 83 ist der Ministerpräsident a. D. schlank wie eh und je und „weitgehend gesund“, wie er sagt, „obwohl ich viel zu wenig Sport treibe“. Früher war er begeisterter Skifahrer und aktiver Fußballer beim BCF Wolfratshausen. „Heute bin ich dankbar, noch auf den Berg rauf und wieder runter zu kommen.“ Oft macht er mit seiner Frau lange Spaziergänge durch Wolfratshausen. Dass er dabei oft angesprochen wird, manche Leute ihm sogar Petitionen in die Hand drücken, stört ihn nicht, sagt er. Während er im Biergarten an der Loisach vor seinem alkoholfreien Hellen sitzt und erzählt, bittet ihn ein Passant um ein Foto. „Ja, klar“, meint Stoiber und lächelt freundlich in die Handykamera.

Jahrzehntelang konnten wir uns nur mit mehreren Leibwächtern gemeinsam in der Öffentlichkeit bewegen, auch in den Urlauben. Das war für die Kinder nicht angenehm.

Er bezeichnet sich selbst als Kind des Landes und der bayerischen, landwirtschaftlich geprägten Kultur. Geboren und aufgewachsen ist er in Oberaudorf, nahe der Grenze zu Kufstein. Er erinnert sich noch gut an die Armut der Nachkriegsjahre: „Butter ist immer noch etwas Besonderes für mich“, betont er. Die Eltern, obgleich keine Akademiker, diskutierten mit dem Sohn und seinen zwei Schwestern oft über Politik. Im Gymnasium in Rosenheim musste er wegen Latein die siebte Klasse wiederholen: „Die Faulheit war zu groß“, erklärt er mit einem Schulterzucken und lacht. 1961 zog er mit den Eltern nach Waldram. Bis heute leben seine Frau und er in der 1978 erworbenen Doppelhaushälfte in Wolfratshausen. Dort wuchsen die Kinder auf, dort finden noch immer regelmäßige Familientreffen am Wochenende statt.

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„Ich bin meinem Schicksal dankbar“, resümiert Stoiber. „Ich war auch in politisch schwierigen Zeiten immer überzeugt, dass das, was ich tue, das Richtige ist.“ Er schaut auf die Uhr. Statt 30 Minuten sind fast drei Stunden vergangen; zu Hause wartet das Abendessen. Kurz ruft er seine Frau an und entschuldigt sich: „Ich habe mich verratscht.“ Sie habe es nicht anders erwartet, meint er danach mit einem leisen Lächeln: „Wir kennen uns schon zu lange.“

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