Anders als aktuell im Tegernseer Tal sorgt das Thema Wildfütterung im Winter in Bad Tölz-Wolfratshausen für keine größeren Konflikte. Dennoch ruft der Kreisjagdverband zur Notzeit-Überprüfung auf.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Bei der Wildfütterung in Vorderriß zuzuschauen, ist im Winter für viele Ausflügler ein schönes Erlebnis. Dass das Thema aber auch Konfliktpotenzial birgt, zeigt sich aktuell im Tegernseer Tal. Der Kreisjagdverband Bad Tölz ruft nun in einer Pressemitteilung „alle Revierinhaber eindringlich auf, ihre Pflicht zur Notzeit-Fütterung zu überprüfen“.
Tierschützer und Jäger hatten sich in diesem Winter über die ausbleibende Fütterung in Rottach-Egern empört. Nachdem Landrat Olaf von Löwis eingeschritten war, stellte die Untere Jagdbehörde in Miesbach offiziell eine „Notzeit“ fest. Damit war der zuständige Jagdvorstand aufgefordert, das Wild mit Futter zu versorgen – was er bis dahin abgelehnt hatte. Letzter Stand: Das Landratsamt Miesbach hat der Jagdgenossenschaft die Zügel aus der Hand genommen und einen Berufsjäger damit beauftragt, die Tiere artgerecht zu versorgen. Dafür wird nun aber die Jagdgenossenschaften zur Kasse gebeten.
Aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen sind solche Streitfälle nicht bekannt. „Im Isarwinkel ist immer schon gefüttert worden, aber auch nicht übermäßig“, sagt Josef Hesslinger, Pressereferent des Kreisjagdverbands. „Jeder Revierinhaber weiß, wann und wie viel er füttern muss.“ Und der Vorsitzende Wolfgang Morlang ergänzt: „Das zeigt, dass die Revierinhaber ihr Handwerk verstehen.“
Für alle Fälle aber verweist der Kreisjagdverband in seiner Mitteilung noch einmal darauf, dass die Revierinhaber laut dem bayerischen Jagdgesetz „grundsätzlich dafür sorgen müssen, dass das Wild auch in der vegetationsarmen Zeit natürliche Äsung findet“. Die Revierinhaber seien verpflichtet, „in der Notzeit für angemessene Wildfütterung zu sorgen“. Es müsse sogar ermöglicht werden, dass das Wild Feistreserven bilden kann – also Fettpolster, um den Winter zu überstehen. Ob derzeit eine Notfütterung angebracht ist, dass solle jeder verantwortliche Revierinhaber im Einzelfall vor Ort überprüfen, empfiehlt der Kreisjagdverband.
Was konkret eine „Notzeit“ ist, das sei tatsächlich die „große Definitionsfrage“, sagt Hesslinger auf Rückfrage. Allein in seinem eigenen Revier am Buchberg bestehe ein großer Unterschied zwischen der schattigen Nordseite und der steileren und sonnigen Südseite. Das Füttern sei prinzipiell dann nötig, „wenn das Wild keine natürliche Äsungsgrundlage hat“, formuliert es Morlang.
Witterungsextreme gebe es heuer im allgemeinen nicht, sagt Morlang. „Es ist ein normaler Winter, weder übermäßig warm noch übermäßig kalt.“ Die Schneemengen seien nicht sehr groß, ergänzt Hesslinger. Leichter tue sich das Wild, wenn es auf lockeren Pulverschneeflächen ein Fleckerl freikratzen könnte, um das darunter liegende Gras zu fressen. Heuer aber würden eher die „vereisten und verharschten“ Wiesen überwiegen, auf denen sich die Tiere schwertun. Aber auch hier seien die Bedingungen natürlich sehr individuell. „Es ist ganz was anderes, ob man in Fall oder Tölz ist.“
Es sind aber auch generelle Entwicklungen, die die Bedeutung der Winterfütterung erhöhen. Früher etwa, so Hesslinger, habe das Rotwild im Winter noch aus den Bergen ins Flachland wandern können, wo es eher Nahrung finde. Doch diese Wege seien den Tieren längst durch Straßen abgeschnitten. Dazu komme, dass das Wild durch den Freizeitdruck, insbesondere Wanderer und Spaziergänger abseits der Wege, kaum noch ungestörte Rückzugsorte habe. Wenn ein Tier aufgeschreckt werde und fliehe, entstehe plötzlich ein enormer Energiebedarf, für den der Körper des Wilds im Winter nicht gemacht sei. Die Energie müsse dann durch Fressen zugeführt werden – und zwar durch häufiges Fressen, weil der Magen im Winter stark verkleinert sei, wie Morlang erläutert.
Nicht zuletzt gehe es beim Füttern nicht allein um eine „Notzeit für das Wild“, sondern auch um eine „Notzeit für den Wald“, sagt Hesslinger. „Die Grundeigentümer sind erpicht, dass im Wald so wenig Schaden wir möglich entsteht“, erläutert er. Zu verhindern, dass das Wild seinen Hunger an Baumrinden stillt, „das kann man nicht allein über den Abschuss regeln“, so Hesslinger. So gehe es bei der Winterfütterung auch um „Lenkungsmechanismen“. Das Wild soll dorthin gelockt werden, wo es weniger Schaden durch Verbiss anrichtet. Um das zu erreichen, setze man heutzutage auch auf eine weit höhere Qualität des Futters, sagt Hesslinger. „Es muss mit der natürlichen Nahrung konkurrieren können.“
Keinesfalls Sinn und Zweck der Winterfütterung sei es hingegen, „einen hohen Wildbestand zu mästen“, betont Morlang. Er sagt: „Fütterung ist praktizierter Wild- und Waldschutz.“