Norwegen rüstet sich für den Ernstfall – mit 13.500 Enteignungsbriefen. Die Regierung plant schon einen weiteren Schritt gegen Russlands Bedrohung. Eine Analyse.
Mein Haus, mein Auto, mein Boot? Tausende Norweger haben in diesen Tagen Post von der Regierung erhalten: Sie sollen sich darauf vorbereiten, dass sie ihren Besitz im Falle eines Falles los sind. Zumindest vorübergehend. Insgesamt 13.500 entsprechende E-Mails und Briefe hat das Verteidigungsministerium versandt.
Diese sogenannten vorbereiteten Bedarfsanforderungen der Streitkräfte gehen auf eine Regelung aus Zeiten des Kalten Kriegs zurück, das sogenannte Militärrequisitionsgesetz von 1951. Das soll seitdem sicherstellen, dass die norwegischen Streitkräfte im Kriegsfall mit den gesamten Ressourcen der Gesellschaft planen können. Tatsächlich werden diese Briefe jedes Jahr verschickt – und doch habe das diesmal viele überrascht, sagt Verteidigungsexperte Robin Allers im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Putin, Trump und Grönland: Jahr der Gesamtverteidigung in Norwegen
Der Professor lehrt an der Hochschule für Verteidigung in Oslo, die Soldaten zu Offizieren ausbildet. Die Sache mit der Bedarfsanforderung sei „hier in Norwegen auch nicht allen klar gewesen“, erzählt er. In diesem Jahr jedenfalls seien die Briefe ein größeres Thema als sonst.
Ein Grund mag sein, dass die Zahl der Bescheide seit Jahren wächst. In den Jahren 2022 und 2023 wurden nach Angaben des norwegischen Verteidigungsministeriums etwa 4000 Requisitionen vor allem für Fahrzeuge verschickt. Inzwischen hat die Regierung auch vermehrt Immobilien und Boote im Blick. Es geht auch darum, die Bevölkerung auf die Notwendigkeit ziviler Verteidigung vorzubereiten.
Das Jahr 2026 ist zum „Jahr der Gesamtverteidigung“ („Totalforsvarsåret“) ausgerufen. Norwegens König Harald war darauf in seiner Neujahrsansprache eingegangen, und Premierminister Jonas Gahr Støre betont seit Wochen bei öffentlichen Auftritten, wie wichtig der Zusammenhalt der Gesellschaft in diesen Zeiten sei. „In diesem Jahr soll es zahlreiche Übungen und Aktionen zum Thema geben“, sagt Allers. Er glaubt: „Die Unterstützung für Maßnahmen, die die Gesamtverteidigung stärken sollen, ist allgemein groß in Norwegen.“
Das gelte auch für die potenziellen Enteignungen. In Friedenszeiten hätten die Requisitionen keinerlei Bedeutung, heißt es aus dem Verteidigungsministerium: Mit der Benachrichtigung würden Eigentümer von Häusern, bestimmten Autos oder Booten erst einmal lediglich darüber informiert, dass ihr Besitz im Falle eines Kriegs beschlagnahmt werden könnte. „Die vorbereitete Bedarfsanforderung ist jeweils ein Jahr gültig, kann aber verlängert werden“, heißt es weiter. Betroffene erhalten im Falle eines Falles Entschädigungen. „Das Ganze passt ganz gut in das norwegische Konzept der Gesamtverteidigung. Auch Menschen außerhalb des Militärs sollen und wollen etwas beitragen zur Sicherheit und Verteidigung des Landes“, sagt Politologe und Nordeuropa-Kenner Tobias Etzold im Gespräch mit dieser Redaktion.
Dass die Zahl der Anforderungen in den vergangenen Jahren gestiegen ist, hängt vor allem mit der akuten Bedrohung durch Putins Russland zusammen. Norwegen hat eine gemeinsame Grenze mit Russland. Und die gesamte russische Atom-U-Boot-Flotte im Hafen von Murmansk liegt gewissermaßen vor der Haustür Norwegens. Der Chef der Logistikorganisation der norwegischen Streitkräfte (FLO), Generalmajor Anders Jernberg, betonte: „Die Bedeutung der Krisen- und Kriegsvorsorge hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Norwegen befindet sich in der schwersten Sicherheitslage seit dem Zweiten Weltkrieg.“ Die Gesellschaft müsse auf Sicherheitskrisen und „im schlimmsten Fall auf Krieg“ vorbereitet sein.
USA unter Donald Trump werden immer unzuverlässiger
Erschwerend kommt hinzu, dass die USA als wichtiger NATO-Verbündeter unter Donald Trump immer unzuverlässiger zu werden scheinen. Die Annexionsambitionen Trumps gegenüber Grönland, das zu Dänemark gehört, nimmt man auch in Norwegen kritisch zur Kenntnis – allerdings im Wissen, dass das Land im Verteidigungsfall immer noch auf die Hilfe der USA angewiesen ist. Derweil gibt es Bestrebungen, sich durch Militär-Kooperationen unabhängiger zu machen. So bauen Norwegen und Deutschland etwa gemeinsam hochmoderne U-Boote. (Quellen: Norwegisches Verteidigungsministerium, Norwegische Botschaft Berlin, Expertengespräch, eigene Recherchen)