Das Risiko an einem Schlaganfall oder einer Demenz zu erleiden nimmt mit steigendem Alter zu. Beide Erkrankungen können das Leben stark einschränken und sind nicht nur für Betroffene, sondern auch für Angehörige eine große Belastung.
Weltweit beschäftigen sich daher viele Hirnforscher mit der Frage, wie sich Schlaganfall und Demenz effektiv vorbeugen lassen. Erst im Dezember 2025 hat ein britisches Team eine Studie publiziert, in der sie Daten von fast einer halben Million Menschen ausgewertet haben. Sie wollten wissen, wie sich Bewegung, Muskelkraft, Schlaf und Sitzzeiten gemeinsam auf das Krankheitsrisiko auswirken.
Die im Fachjournal "BMC Public Health" publizierten Ergebnisse sind klar und machen Mut: Wer mehrere gesunde Gewohnheiten kombiniert, lebt nicht nur gesünder, sondern schützt auch sein Gehirn.
Demenz und Schlaganfall: Dramatischer Anstieg der Fälle erwartet
Derzeit leben in Deutschland etwa 1,8 Millionen Menschen mit einer diagnostizierten Demenz. Doch Experten erwarten in den nächsten Jahren einen dramatischen Anstieg: Nach Angaben des Deutsches Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) könnte diese Zahl
- im Jahr 2030 auf bis zu 1,9 Millionen
- im Jahr 2040 auf bis zu 2,3 Millionen
- und im Jahr 2050 auf bis zu 2,7 Millionen
ansteigen.
Beim Schlaganfall sieht es ganz ähnlich aus. Jährlich erleiden in Deutschland rund 270.000 Menschen ein solches Ereignis, bei dem die Blutzufuhr zu einem Teil des Gehirns plötzlich unterbrochen oder stark reduziert wird. Die Folgen können vielfältig sein und von Lähmungen über Sprach-, Seh- und Schluckstörungen und Epilepsie bis hin zu Persönlichkeitsveränderungen reichen. Jeder Schlaganfall ist anders, genauso wie die Art und Schwere der Folgen.
Gemäß dem Report der "Stroke Alliance for Europe" (SAFE) wird die Zahl der Menschen, die mit den Folgen eines Schlaganfalls leben müssen, zwischen 2017 und 2040 um 35 Prozent ansteigen.
Neue Studie: Lebensstil als entscheidender Präventionsfaktor
Um den Einfluss des Lebensstils auf das Risiko von Schlaganfall und Demenz zu untersuchen, hat das Forscherteam Daten aus der UK Biobank, einer großen Gesundheitsdatenbank aus Großbritannien, analysiert. Über 470.000 Menschen im Alter von 37 bis 73 Jahren schloss die Studie ein, zu Beginn der Studie war weder ein Schlaganfall noch eine Demenz bekannt.
Das Team schaute sich durchschnittlich über zehn Jahre vier Gewohnheiten an:
- Regelmäßige Bewegung
- Kräftiger Händedruck (über dem geschlechtsspezifischen Medianwert, als Zeichen für Muskelkraft)
- Ausreichend Schlaf (7–8 Stunden pro Nacht)
- Wenig Sitzen (weniger als 6 Stunden am Tag)
Für jede "erfüllte" gesunde Gewohnheit gab es einen Punkt, sodass alle Teilnehmenden einen "Lebensstil-Score" zwischen null und vier Punkten erhielten.
Regelmäßige körperliche Aktivität wurde dabei definiert als mindestens 150 Minuten moderate Aktivität oder 75 Minuten intensive Aktivität pro Woche (oder eine gleichwertige Kombination aus beidem). Alternativ galt auch eine moderate Aktivität an mindestens fünf Tagen pro Woche oder intensive Aktivität an mindestens drei Tagen pro Woche (jeweils mindestens zehn Minuten am Stück).
Je mehr gesunde Faktoren erfüllt waren, desto höher war der Schutzeffekt
Im Laufe der Studie erlitten knapp 4992 Menschen einen Schlaganfall, 2120 erkrankten an einer Demenz (mit Subtypen wie Alzheimer- und vaskuläre Demenz). Die Auswertung des "Lebensstil-Scores" zeigte: Je mehr Kriterien erfüllt waren, desto geringer war das Risiko an einem der beiden Ereignisse zu leiden:
- Zwei von vier Kriterien erfüllt: Das Schlaganfall-Risiko nahm um 15 Prozent ab, das Demenzrisiko sogar um 26 Prozent.
- Drei von vier Kriterien erfüllt: Das Schlaganfall-Risiko sank um 29 Prozent, das Demenzrisiko um 36 Prozent.
- Alle vier Kriterien erfüllt: Das Schlaganfall-Risiko sank um 35 Prozent, das Demenzrisiko sogar um 57 Prozent.
"Das sind sehr beeindruckende Zahlen", kommentiert Peter Berlit, Neurologe und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. "Wer über zehn Jahre konsequent körperlich aktiv ist, also regelmäßig Sport treibt, am Tag wenig sitzt und darüber hinaus ausreichend schläft, kann dieser aktuelle Erhebung zufolge sein Demenzrisiko mehr als halbieren", kommentiert er die Studienergebnisse der britischen Forscher.
Ein gesunder Lebensstil hilft auch bei Personen, die genetisch vorbelastet sind
Auch einzelne Gewohnheiten machten einen Unterschied. Besonders wichtig waren wenig Sitzen und eine gute Muskelkraft. Aber erst die Kombination aller vier Faktoren brachte den größten Schutz. Die Ergebnisse galten für Männer und Frauen, für verschiedene Altersgruppen und auch für Menschen mit erhöhtem genetischem Risiko.
Letzteres sei laut Berlit besonders aufschlussreich. Denn die Vorteile eines gesünderen Lebensstils auf Schlaganfall und Demenz zeigten sich unabhängig vom Vorliegen der APOE-ε4-Genvariante. Das ist einer der stärksten bekannten genetischen Risikofaktoren für die Entwicklung von Demenz-Erkrankungen. Nach neuen Erkenntnissen soll sie auch mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko bei jüngeren Menschen in Zusammenhang steht.
"Das bedeutet, dass man sein persönliches Erkrankungsrisiko trotz genetischer Prädisposition maßgeblich beeinflussen kann", resümiert Berlit.
"Das sind Stellschrauben, über die jeder sein persönliches Demenzrisiko beeinflussen kann"
Erst im November 2025 hatte eine Studie mit 296 kognitiv unbeeinträchtigten Personen über einen Zeitraum von bis zu 14 Jahren gezeigt, dass sich Bewegung positiv auf die Hirngesundheit auswirkt. Die Ergebnisse hat das Forschungsteam vom Mass General Brigham in Boston (USA) im Fachjournal "Nature Medicine" veröffentlicht. Demnach würden bereits 3000 Schritte am Tag dazu beitragen, dass sich im Gehirn weniger schnell schädigende Tau-Proteinklumpen ansammeln – einen noch größeren Effekt hatten 5000 bis 7500 Schritte.
Im Vergleich zu inaktiven Personen war der kognitive Abbau bei steigender körperlicher Aktivität bis zu 51 Prozent geringer. "Beide Studien zeigen, dass ausreichend Bewegung bereits die halbe Miete in Sachen Demenzprävention ist", fasst Berlit zusammen.
Neben Bewegungsmangel seien aber noch viele weitere Demenzrisikofaktoren bekannt, darunter
- schlechtes Seh- oder Hörvermögen,
- soziale Isolation
- oder ungesunde Ernährung.
"Das alles sind Stellschrauben, über die jeder sein persönliches Demenzrisiko beeinflussen kann. Und die Korrektur vieler dieser Risikofaktoren schützt auch vor anderen neurologischen Krankheiten wie Schlaganfall oder Parkinson. Ein gesunder Lebensstil lohnt sich also für alle!"
mit Pressematerial