Experte erhebt schwere Vorwürfe gegen Betreiber: So wurde die Bar zur Todesfalle

Nach dem Flammeninferno in Crans-Montana in der Schweiz erhebt der Berliner Experte für Notfallmanagement, Philipp Cachée, gegenüber FOCUS online schwere Vorwürfe gegen die Betreiber der Unglücks-Bar. Mehr als 40 Menschen wurden dort in der Silvesternacht bei einem Feier getötet. "Die Betreiber trifft rechtlich die Hauptschuld", so Cachée. 

Tropfender, brennender Kunststoff brannte Opfern Kleider vom Leib

Der Experte hat sich die bereits verfügbaren Videos und Augenzeugenberichte der Feuerkatastrophe angesehen. So sei, wie auch schon der Brandschutzexperte Markus Knorr im Gespräch mit FOCUS online festgestellt hatte, die wahrscheinlich durch Partyfontänen in Flammen gesetzte Kunststoffverkleidung ausschlaggebend für die extrem schnelle Brandentwicklung gewesen. 

"Der brennend abtropfende Kunststoff aus der Deckenverkleidung setzt Kleidung und Haare sofort in Flammen und führt schnell zu sehr schweren Verbrennungen bei den Opfern und entzündet andere Einrichtungsgegenstände"; so Cachée, der auch Dozent an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht ist. In einem Interview, auf das sich Schweizer Medien beziehen, hatte Betreiber Jacques Moretti angegeben, das Lokal fast vollständig selbst renoviert zu haben.

Doch es kamen wohl noch andere Aspekte hinzu. "Bei Silvesterpartys tragen viele Menschen Kostüme vorwiegend aus billigem Kunststoff. Viele der jungen Leute werden auch ihre Haare gestylt gehabt haben was die Haarstruktur austrocknet und so leichter entzündbar macht ", so der Sachverständige weiter. Das deckt sich auch mit Augenzeugenberichten, dass vielen Opfern die Kleidung vom Körper gebrannt sei oder diese sich mit den Körpern verschmolzen habe. Auch von weggebrannten Haaren sprachen Ersthelfer vor Ort.

Der Berliner Notfallmanagementexperte Philipp Cachée.
Der Berliner Notfallmanagementexperte Philipp Cachée. Privat

Fehlender Brandschutz in Videos und Augenzeugenberichten offensichtlich

Für Cachée ist das fehlende Brandschutzkonzept der Bar offensichtlich. "Auf keinem der Videos ist ein Rauchmelder zu hören. Auch erkennt man, dass das Personal keine sichtbaren Löschversuche mit zum Beispiel Feuerlöschern unternimmt", erklärt der Experte. Dies lässt auch vermuten, dass das Personal womöglich nicht ordnungsgemäß für Arbeitsschutz und Brandschutz unterwiesen war.

Laut dem Schweizer Feuerwerksexperten Erich Frey müssten die Partyfontänen, die wahrscheinlich das Feuer entzündet haben, bei Verwendung immer mindestens einen Meter von Oberflächen entfernt gehalten werden. "Das war hier klar nicht der Fall", so Frey zu "Blick". "Die Kombination aus den Partyfontänen und flammbarem Material war höchst fahrlässig", so der Experte.

Zuvor hatte auch FOCUS online schon berichtet, dass es nur einen Fluchtweg gab. "In Deutschland ist das so baurechtlich nicht möglich", sagte Frey. Er sei aber verwundert, dass dies in der Schweiz abgesegnet wurde. "Eigentlich ist die Schweiz beim Brandschutz sehr streng", so der Experte. Diese sind laut Informationen von FOCUS online detailliert in den Brandschutzrichtlinien der "Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen" geregelt, die durch zahlreiche Regelungen ergänzt werden. 

Dort ist unter anderem festgelegt, dass für Räume, die mehr als 100 Personen aufnehmen, mindestens zwei voreinander unabhängig nutzbare Fluchtwege vorhanden sein müssen. Diese müssen demnach die direkt ins Freie oder in ein geschütztes Treppenhaus führen. Offenbar gab es in "Le Constellation" jedoch nur einen Fluchtweg. 

Flüchtende Menschen verkeilten sich in Panik an einziger Tür

Doch der fehlende zweite Fluchtweg führte wohl mit zur Katastrophe, die die Menschen in der Bar gefangen hielt. "Auf Videos ist zu erkennen, dass sich die Menschen am Eingang verkeilt haben. An der Türe spricht man von einem sogenannten Menschenbogen", so Notfallmanagement-Experte Cachée. Die Flüchtenden sind vermutlich in der Panik zudem gestolpert und haben sich so noch stärker verkeilt, dass es kein "Vor oder Zurück mehr" gegeben habe. Die Tür sei somit blockiert gewesen, während der Raum bereits in Flammen stand und die Eingesperrten die giftigen Gase einatmen mussten. "Das ist das schlimmste, was passieren kann", so der Experte weiter. 

Das Problem: Um die Verkeilung zu lösen müssten die Flüchtenden in Richtung des Brandherdes zurückgehen, eine Reihe formieren und so abströmen - in einer Panikreaktion nicht mehr möglich. Menschen schlugen daraufhin die Fenster sogar mit Tischen ein und versuchten so aus der Bar zu gelangen.

Cachée richtet daher einen drastischen Appell an Betreiber anderer Bars und Clubs: "Funktionierende Fluchtwegeplanung ist nichts, was man aus dem Ärmel schüttelt und immer geradeaus laufen sollte. Sicherheit kostet zudem Geld und darf keine Kann-Option sein, sie ist gesetzlich ein Muss." Das gelte für die Schweiz wie Deutschland. Er fordert die zuständigen Aufsichtsbehörden auf, die vorhandenen Gesetze prüfen und Verstöße konsequent zu ahnden.