Star-Kabarettist Erwin Pelzig fordert sein Publikum heraus

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Mann der deutlichen Worte und zugleich Anwalt der Menschlichkeit: Kabarettist Frank-Markus Barwasser als Erwin Pelzig in Peißenbergs Tiefstollenhalle – hier bei der Parodie eines Gesichtsausdrucks von US-Präsident Donald Trump. © CWiucha

In seiner Paraderolle als Erwin Pelzig begeisterte Frank-Markus Barwasser fast 480 Besucher in der Tiefstollenhalle. Seine zentrale Frage bleibt: Wer werden wir in Krisenzeiten sein?

Er ist ein Star, dieser heftig polternde und doch stets menschenfreundliche Franke, immer noch. Auch wenn er sich im Fernsehen längst rar macht, im Netz kaum aktiv ist und seine Bühnenauftritte wohldosiert: „Pelzig hält sich“, um es mit dem Titel seiner einstigen ZDF-Talk-Reihe zu sagen. Randvoll besetzt war die Peißenberger Tiefstollenhalle am Freitagabend bei einem der höchst seltenen Pelzig-Gastspiele in der Region – und das Publikum beeindruckt von der unglaublichen Präsenz dieses Denkers und Komikers, berauscht von der puren Fülle an Pointen, begeistert sowohl von seiner Kunstfertigkeit als auch von der aufrechten Haltung, die in seiner Kunst zum Ausdruck kommt.

Ganz schön geschafft war man als Zuhörer am Ende auch. Denn Pelzigs rastlosem Wortgewitter, seinen Gedankengängen und -sprüngen zu folgen, das fordert schon anhaltende Konzentration und Denkbereitschaft. Was Frank-Markus Barwasser – wie der Pelzig eigentlich heißt – in seinem neuen Solo „Wer wir werden“ auf die Bühne bringt, ist ebenso tiefschürfend wie tagesaktuell, es ist gut recherchiert und lustvoll weitergedacht, es ist ein Vergnügen und in seiner Konsequenz manchmal auch eine Zumutung. Fast zweieinhalb furiose Stunden lang (die für alle Beteiligten dringend nötige Pause ist dabei noch nicht eingerechnet) lässt der 65-Jährige seine wohlvertraute Bühnenfigur – nur echt mit Cord-Hütli, rot kariertem Hemd und Herrenhandtasche – in atemberaubendem Tempo Gags feuern und zugleich mit Seriosität und Hingabe den Ernst der Weltlage durchmessen.

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Pelzig will nicht den Untergangspropheten das Feld überlassen

Thematisch geht es um Vieles in diesem Programm, ja: Es geht um alles. Um Krieg und Frieden. Um soziale Spaltungen und unsoziale Netzwerke. Um Demokratie und Demagogen, um die Freiheit und all das, was sie bedroht. Um unser Zusammenleben, unsere Zukunft als Menschheit. Aber: Er wolle, den grassierenden Krisen zum Trotz, „nicht die Apokalypse reiten“, verspricht Pelzig zu Beginn, nicht den Untergangspropheten das Feld überlassen, die Lügen verbreiten und Ängste schüren, um sich als Retter inszenieren zu können – während sie zur Rettung doch rein gar nichts beizutragen hätten.

Klar könnte man verzweifeln an der von Algorithmen getriebenen Verdummung und Verrohung, an den Krisen und Unsicherheiten, die eine Zeit grundlegender Veränderungen mit sich bringt, am Projekt der Tech-Milliardäre und Polit-Populisten, die Demokratie zu vernichten. Pelzig bringt all das auf den Punkt, benennt es beherzt mit klaren, deutlichen Worten. Und doch ist er wild entschlossen, den Humor nicht zu verlieren und sich die Hoffnung nicht rauben zu lassen.

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Bei Erwin Pelzig gibt es Fragen und Zweifel statt Zynismus

Er ist kein Zyniker, das unterscheidet diesen Pelzig – und mehr noch seinen Schöpfer Barwasser – von vielen Kollegen der aktuellen Kabarett- und Comedyzunft. Er bricht eine Lanze für die Moral, er bleibt Mensch: voller Fragen, voller Zweifel, voller Größe. Eine Hilfe dabei sind ihm in diesem Programm insbesondere die zeitlos gültigen Gedanken der antiken stoischen Philosophen.

Zur Menschlichkeit lädt auch seine bewährte Methode des Perspektivwechsels ein. Wie immer streitet Pelzig zwischendrin leidenschaftlich am Tisch mit seinen alten Freunden Hartmut und Dr. Göbel – dieses herrlich komische, zutiefst menschliche Trio Infernale ist und bleibt Barwassers Paraderolle. Aber er taucht mit all seinem Einfühlungsvermögen auch mal in die Rolle eines vom Volk verachteten Berufspolitikers ein oder in die Gefühls- und Gedankenwelt eines von den Boomern gern als verzärtelt verachteten Jungspunds der „Generation Schneeflöckchen“. Ach, würden sich doch mehr Menschen auf den Bühnen dieser Welt mal in solchen Perspektivwechseln üben!

Und wie ist das nun mit dem Programmtitel „Wer wir werden“? Wer werden wir, fragt Pelzig, wenn es in unserer Gesellschaft vielleicht allzu bald nötig sein wird, mutig zu sein? Werden wir stumme Zuschauer? Oder Mitläufer? Oder mutige Widerständler? Da kann kein Politiker und auch kein Pelzig die Antwort geben. Da sind wir selbst, da sind wir alle gefragt. Es ist die Frage, die an diesem langen, inspirierenden Abend noch im Raum steht, als die vielen, vielen Lacher schon verklungen sind. Eine Frage, die wohl so einige der fast 480 Zuschauer in Peißenberg noch länger beschäftigen wird.