SB-Kassen in Supermärkten und Discountern sorgen für hitzige Diskussionen. Während die einen Effizienz schätzen, sehen andere Jobabbau. Ein Experte klärt auf.
Kassel – Selbstbedienungskassen (SB-Kassen) gelten als Versprechen von Tempo und Technik – und fühlen sich für viele trotzdem an, als würden Supermärkte und Discounter Kunden heimlich zu Mitarbeitern machen. Statt freundlichem Smalltalk an der Kasse gibt es kaltes Piepen, Warnmeldungen und den Blick in die Kamera über dem Scanner. Für die einen ist das längst ein effizienter Service, für die anderen ein Symbol für Sparzwang, Jobabbau und Misstrauen gegenüber ehrlichen Kunden.
Wie sehr dieses Thema polarisiert, zeigt sich derzeit unter einem Facebook-Beitrag der Fuldaer Zeitung von Ippen.Media. „Was haltet ihr von den SB-Kassen?“, fragt die Redaktion ihre Nutzer. Verlinkt ist – wie sollte es auch anders sein – ein Artikel zur Debatte um SB-Kassen. In der Kommentarspalte prallen Befürworter, die sich über kürzere Schlangen und mehr Kontrolle freuen, auf Kritiker, die SB-Kassen als Schritt in eine unpersönliche, durchrationalisierte Einkaufswelt sehen.
Debatte um SB-Kassen entbrennt – „Der Markt spart Personal, der Kunde übernimmt die Arbeit“
„Ich lehne Selbstbedienungskassen bewusst ab“, kommentiert ein Facebook-Nutzer unter dem Beitrag. Seine Begründung: „Das ist für mich keine Innovation, sondern Rationalisierung auf Kosten der Kunden und der Beschäftigten. Der Markt spart Personal, der Kunde übernimmt die Arbeit – zahlt aber weiterhin den vollen Preis.“ Wenn er selbst kassiere, erwarte er einen echten Vorteil – etwa einen Preisnachlass. „Solange dieser ausbleibt, mache ich nicht den Job des Marktes“, erklärt er.
Mit dieser Meinung ist er nicht allein: Zu lesen sind Kommentare wie „Da verschwindet bald die letzte Verkäuferin“, „Ich habe das Gefühl, ich nehme Mitarbeitern den Arbeitsplatz weg“ und „Ich bin doch kein Angestellter in dem Laden“. Ein Nutzer arbeitet nach eigenen Angaben selbst im Verkauf, deshalb unterstütze er die SB-Kassen nicht. Unabhängig verifizieren lässt sich diese Information nicht. Er möchte gern bedient werden und „die Arbeitsplätze an den Kassen erhalten“.
Nehmen SB-Kassen wirklich die Arbeitsplätze weg? Das sagt ein Experte
Fakt ist: Händler bauen die Anzahl ihrer SB-Kassen aus, weil Personal fehlt. Die Einführung von SB-Kassen entlaste die Mitarbeiter und mache die Personalplanung flexibler, sagt Frank Horst, Experte vom Handelsforschungsinstitut EHI, der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Der Vorwurf, dadurch würden Jobs abgebaut, stimme nicht. „Durch SB-Kassen fallen keine Arbeitsplätze weg. Wenn der Handel ausreichend Personal finden würde, gäbe es nicht so einen großen Boom bei SB-Kassen.“
Die Baumarktkette Obi hat nach eigenen Angaben bereits die meisten ihrer Märkte mit SB-Kassen ausgestattet. Lidl will bis zum Frühjahr jede zweite Filiale ausrüsten. Der Discounter hatte erst im Jahr 2023 und damit verhältnismäßig spät damit begonnen, die Kassen einzuführen. „Einige Unternehmen wie dm, Rossmann, Aldi Süd und Lidl, die sich früher zurückgehalten haben, investieren jetzt stark“, erklärt Horst. Der Einrichtungskonzern Ikea nutzt bereits seit 2008 SB-Kassen.
SB-Kassen in Supermärkten und Discountern erhöhen Diebstahlrisiko
Ein Nachteil sei laut Horst, dass an SB-Kassen häufiger geklaut werde. Mit der zunehmenden Verbreitung steige demnach das Diebstahlrisiko. Die Händler nutzen technische Hilfsmittel, um die Gefahr zu senken, wie etwa Kameraüberwachung. Dabei kommt auch Software mit künstlicher Intelligenz zum Einsatz, die bei verdächtigem Kundenverhalten Alarm schlägt.
Die Zahl der Diebstähle im Einzelhandel ist trotzdem in den vergangenen Jahren gestiegen. Das liegt aber nicht nur an SB-Kassen, so der EHI-Experte. Deren Anteil sei noch zu gering. Die Händler selbst äußern sich zum Thema nur zurückhaltend. „Wir sehen keinen signifikanten Einfluss von Selbstbedienungskassen auf die Diebstahlquote“, sagt ein Rewe-Sprecher.
Kunde zieht die Reißleine bei SB-Kassen-Debatte – „wird wegdiskutiert“
Weiter unten in der Kommentarspalte tauchen Befürworter der SB-Kassen auf, die eher die Vorteile sehen. „Ich nutze das, ich bin begeistert“, schreibt einer. Eine Kundin meint: „Ich liebe die SB-Kassen, eben auch ruckzuck fertig, während andere in der Schlange warten.“ Wieder ein anderer Facebook-Nutzer beschwichtigt: „Ich hab selbst ne Weile im Einzelhandel geschafft und kann euch sagen, ihr nehmt niemandem den Arbeitsplatz weg. Es gibt mehr als genug Arbeit im Laden.“
Ein Nutzer bringt seine Gedanken zu dem Thema SB-Kassen auf den Punkt. Laut ihm schimpfen die Leute immer auf die Politik, dass Deutschland in vielen Dingen so rückständig sei. „Dabei sind es die Bürger, die Innovationen ständig ablehnen. Sei es bargeldlose Bezahlung, Datenaustausch zwischen Behörden oder Ärzten oder halt auch moderne Kassensysteme und SB-Kassen. Andere Länder lachen uns da aus, was bei uns ‚verhindert‘ und wegdiskutiert wird.“ (Quellen: dpa, Facebook) (cln)
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