Am Sonntag erneuern die Wolfratshauser das Sebastiani-Verlöbnis. Die Tradition geht auf die Pestzeit im 14. Jahrhundert zurück.
Es ist ein besonderer Gottesdienst, wenn die Gebirgsschützen mit Fackeln den Prozessionszug begleiten. Am kommenden Sonntag, 18. Januar, erneuern die Gläubigen in Wolfratshausen das Sebastiani-Verlöbnis. Was es damit auf sich hat – und warum der ganze Tag im Zeichen des heiligen Sebastian steht, erklärt Gebirgsschützenhauptmann Rainer Lorz im Interview.
Völlig einzigartig in Bayern: Durch die Altstadt zieht am Sonntag eine besondere Fackel-Prozession
Herr Lorz, Menschen ziehen mit Fackeln durch die Altstadt: Was genau ist da los am Sonntagabend?
Das Sebastiani-Verlöbnis ist eine jahrhundertealte Tradition in Wolfratshausen – und in dieser Form ganz einzigartig. Der Brauch ist eine Wolfratshauser Besonderheit und einer der ältesten Bräuche, die ich kenne. Seinen Ursprung hatte das Gelöbnis in der Pestzeit – sehr wahrscheinlich im Zusammenhang mit der großen Welle von 1349. Danach wurde es erneuert und ist gegen 1634 nach weiteren Pestzeiten öffentlich gefestigt worden. Das Gelübde stammt aus dem 14. Jahrhundert, 1620 haben die Wolfratshauser eine Bruderschaft gegründet, um gemeinsam dafür zu beten, dass die Seuche nicht zurückkehrt. Seit dieser Zeit haben die Bürger von Wolfratshausen jedes Jahr den heiligen Sebastian geehrt, weil er uns vor der Pest beschützt hat. Ein 400 Meter langer Wachsstock, so lang war damals der Markt, wird wegen des Gelöbnisses auch bei jedem Gottesdienst in der Kirche angezündet – seit dem 14. Jahrhundert. Diese Tradition ist etwas total Eigenes für die Stadt Wolfratshausen.
Die Gebirgsschützen wurden erst deutlich später gegründet. Wieso tragen sie diese Tradition so engagiert mit?
Der heilige Sebastian ist in Wolfratshausen seit Jahrhunderten durch das Pestverlöbnis und die Sebastiani-Bruderschaft tief verwurzelt und deshalb auch unser Schutzpatron. Seine Geschichte steht für Standhaftigkeit, Zusammenhalt und die Bereitschaft, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Genau das bewegt uns als Gebirgsschützen, wir tragen diese Tradition mit großem Respekt weiter. Als Hauptmann ist es mir ein persönliches Anliegen, dass dieses Gelübde als gemeinschaftliche Verpflichtung lebendig bleibt. Die Sebastianiprozession ist für uns kein Brauch, sondern ein sichtbares Zeichen dafür, dass eine Gemeinschaft auch heute noch zusammensteht und ihre Geschichte nicht vergisst. In Wolfratshausen haben sich normale Bürger zusammengetan, um gemeinsam zu beten. In anderen Städten waren das vor allem die Zünfte, darauf beruhen noch viele Traditionen. Dass es in Wolfratshausen die normalen Bürger waren, macht das Verlöbnis besonders.
Für die Gebirgsschützen ist der kommende Sonntag ein richtiger Marathon.
Es wird ein langer, besonderer Tag im Zeichen von Erinnerung, Gedenken und Verantwortung. Wir begehen bereits am Vormittag unseren Jahrtag und am Abend das Verlöbnis. Der Jahrtag ist das zentrale Ereignis unseres Jahres. Da gedenken wir der verstorbenen Kameraden und wollen unserem Schutzpatron, dem heiligen Sebastian, die Ehre erweisen. Da das Sebastiani-Amt samt der Prozession auch stattfindet, haben wir einen vollen, aber sehr stimmungsvollen Tag.
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Dass das Verlöbnis in Wolfratshausen ein weltweites Unikat sein könnte, wissen die wenigsten. Woran liegt das?
Ich glaube, dass sich heute einige Menschen nicht viel denken, wenn sie die Prozession sehen, und deshalb gar nicht nachfragen. Es ist halt einfach eine Prozession wie an Fronleichnam – dabei steckt da so viel Tradition dahinter. Wir Gebirgsschützen tragen das gerne weiter und erzählen auch die Geschichte dieses Verlöbnisses.