Forschende machen eine erstaunliche Entdeckung im Magen eines uralten Wolfs. Der Fund verändert unser Wissen über das Aussterben der Eiszeit.
Stockholm – Ein winziger Wolfswelpe aus den eisigen Weiten Sibiriens wird zum Schlüssel für eines der größten Rätsel der Eiszeit. Schwedische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben im Magen des im Permafrost konservierten Wolfs Gewebe eines Wollnashorns gefunden. Die Analyse der mehr als 14.000 Jahre alten Überreste deutet darauf hin, dass die Tiere nicht durch menschliche Jagd ausgerottet wurden, sondern vermutlich im Zuge des Klimawandels ausstarben.
„Das vollständige Genom eines Eiszeittieres, das im Magen eines anderen Tiers gefunden wurde, zu sequenzieren, ist noch nie zuvor gelungen“, sagt Camilo Chacón-Duque, bis vor Kurzem Forscher am Zentrum für Paläogenetik, einer Kooperation zwischen der Universität Stockholm und dem Schwedischen Naturhistorischen Museum, in einer Mitteilung. Die zugehörige Studie wurde am Mittwoch (14. Janaur) in der Fachzeitschrift Genome Biology and Evolution (GBE) veröffentlicht.
Eiszeit-Wolf birgt genetischen Schatz aus verdautem Gewebe
Der im Permafrost eingefrorene Wolfswelpe wurde nahe dem Dorf Tumat im nordöstlichen Sibirien gefunden. Im Magen fanden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein kleines Gewebefragment, das laut DNA-Analyse von einem Wollnashorn stammt. Eine Bestimmung mithilfe von Kohlenstoffisotopen ergab ein Alter von 14.400 Jahren. Das Wollnashorn lebte offenbar wenige Jahrhunderte vor dem Aussterben der Art vor rund 14.000 Jahren, bevor es von dem Wolf verspeist wurde.
Die Herausforderung war immens: Alte DNA ist typischerweise stark abgebaut und kommt nur in winzigen Mengen vor. Hinzu kam die DNA des Raubtiers selbst, die die Analysen zusätzlich erschwerte. „Es war wirklich aufregend, aber auch sehr herausfordernd, ein vollständiges Genom aus einer so ungewöhnlichen Probe zu extrahieren“, erklärt Sólveig Guðjónsdóttir, Hauptautorin der Studie, die die Arbeit im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Universität Stockholm durchführte.
Für Forschende sind gut erhaltene DNA-Proben besonders wertvoll, weil sie einzigartige Einblicke in Abstammung, Evolution und biologische Prozesse ermöglichen. So legte zuletzt eine genetische Analyse nahe, dass Hitler an einer seltenen Entwicklungsstörung gelitten haben soll. Ferner zeigte seine DNA ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen.
Wollnashorn soll bis zum plötzlichen Ende kerngesund gewesen sein
Das Forschungsteam verglich das Genom des Tumat-Nashorns mit zwei anderen hochwertigen Genomen älterer Exemplare von vor etwa 18.000 und 49.000 Jahren. Diese Vergleiche ermöglichten es, die Entwicklung der genetischen Vielfalt, des Inzuchtgrads und der Anzahl schädlicher Mutationen über die Zeit zu untersuchen. Das Ergebnis war überraschend.
„Unsere Analysen zeigten ein erstaunlich stabiles genetisches Muster ohne Veränderung des Inzuchtgrades über Zehntausende von Jahren vor dem Aussterben der Wollnashörner“, sagt Edana Lord, frühere Postdoktorandin am Zentrum für Paläogenetik. Die Forschenden fanden keine Anzeichen genetischer Verschlechterung, als sich die Art dem Aussterben näherte. Dies deutet darauf hin, dass das Wollnashorn bis dato wahrscheinlich eine relativ große Population aufrechterhielt.
So ist das Wollnashorn wahrscheinlich ausgestorben
Die Forschenden fanden im Genom keine Anzeichen für einen langfristigen, allmählichen Populationsrückgang. Das Aussterben scheint daher relativ schnell erfolgt zu sein – vermutlich verursacht durch die globale Erwärmung am Ende der letzten Eiszeit. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Wollnashörner 15.000 Jahre nach der Ankunft der ersten Menschen in Nordostsibirien eine überlebensfähige Population hatten. Das legt nahe, dass die Klimaerwärmung und nicht die Jagd durch den Menschen das Aussterben verursachte“, erklärt Love Dalén, Professor für evolutionäre Genomik am Zentrum für Paläogenetik.
Die Studie liefert damit nicht nur Einblicke in die Vergangenheit, sondern auch Lehren für die Gegenwart: „Die Gewinnung von Genomen von Individuen, die kurz vor ihrem Aussterben lebten, ist eine Herausforderung, kann aber wichtige Hinweise darauf liefern, was zum Verschwinden der Art geführt hat“, so Chacón-Duque. Die Erkenntnisse könnten demnach für den Schutz gefährdeter Arten heute relevant sein. Eine gute Nachricht: Forschende kamen in der Untersuchung von 2025 zu dem Schluss, dass das Artensterben weltweit stagniert. (Quellen: Universität Stockholm, Genome Biology and Evolution) (cln)