Niedersachsen und andere Bundesländer streichen das schriftliche Dividieren aus dem Grundschullehrplan. Ex-Lehrerpräsident Kraus sieht darin einen „kapitalen Bock“ – mit Folgen für ganz Deutschland.
2580 geteilt durch 4: Eine Rechenaufgabe, die einem auf den ersten Blick vor Probleme stellt und zum Griff an den Handytaschenrechner verleitet. Unlösbar ist sie freilich auch ohne Rechenmaschine nicht, werden derartige Aufgaben doch schon in der Grundschule gelehrt. Mit dem Prinzip des schriftlichen Dividierens kommen auch Zehnjährige auf das richtige Ergebnis: 645. Mehrere Bundesländer wollen diese Art des Rechnens nun aus dem Grundschullehrplan streichen. Im Kern deshalb, weil es zu kompliziert sei. Ein „Irrsinn“, findet der ehemalige Lehrerpräsident Josef Kraus.
„Niedersachsen hat beim Abbau von Anforderungen an Grundschüler einen kapitalen Bock geschossen“, sagt Kraus gegenüber dem Münchner Merkur von Ippen.Media. Das Acht-Millionen-Einwohner-Bundesland will schriftliches Dividieren künftig erst in der fünften Klasse unterrichten. Ähnlich verfahren Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Bremen und Brandenburg: Bundesländer, die in Mathematik zu den schlechteren zählen. Die drei Letztgenannten landeten beim jüngsten IQB-Bildungstrend für die Grundschule auf den letzten drei Plätzen, Mecklenburg-Vorpommern belegte Rang zehn (Top 3: Sachsen, Bayern, Thüringen).
Ex-Lehrerpräsident rechnet mit Mathe-Reform ab: „politisch gewollte Rechenschwäche“
Geht es nach Kraus, werden Schülerinnen und Schüler aus diesen Bundesländern wohl auch künftig nicht zur Mathe-Elite des Landes zählen. Ohnehin seien deutsche Grundschüler im EU-Vergleich „bestenfalls Durchschnitt“, was Mathematikkenntnisse betrifft. „Niedersachsen setzt alles daran, dass Deutschland hier noch mehr abstürzt“, meint Kraus, der das deutsche Bildungssystem seit Jahren kritisiert. „Was hier geschieht, ist die politisch gewollte Förderung von Rechenschwäche und rechnerischer Unmündigkeit“, so Kraus, der von 1987 bis Juni 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes war. „Was hier herangezüchtet wird, sind rechnerisch unmündige Menschen“, meint der gebürtige Oberbayer und fragt: „Sollen sie rechnerisch unmündig sein, um der Politik, etwa einem Finanzminister, nicht mehr auf die Finger schauen zu können?
Kraus spricht von Mathasthenie, in Anlehnung an Legasthenie (Lese-/Rechtschreibschwäche). „Man fragt sich unwillkürlich: Wie haben unsere Ur- und Großeltern es geschafft, rechnen zu lernen – und das ganz ohne moderne Didaktik.“ Der ehemalige Lehrer meint: „Die weiterführenden Schulen können in den Eingangsklassen nicht mehr das verlangen, was sie vor zwei oder drei Schülergenerationen verlangen konnten“. Auch Kraus’ Nachfolger Stefan Düll sieht den niedersächsischen Weg kritisch. Er könne sich „auf der weiterführenden Schule rächen“, so der amtierende Lehrerpräsident in der Bild-Zeitung.
Niedersachsen verteidigt Mathe-Reform – „komplexestes Rechenverfahren“
Das niedersächsische Kultusministerium erklärte den Schritt mit didaktischen Überlegungen: Die schriftliche Division stelle „das komplexeste aller schriftlichen Rechenverfahren“ dar, erklärte eine Sprecherin. Schriftliches Dividieren erfordere das sichere Zusammenspiel des Teilens, Multiplizierens und Subtrahierens und sei besonders anfällig für typische Fehlerquellen. Zudem würden Kinder das Prinzip auswendig lernen, statt die Rechenwege zu verstehen. „Solche Defizite können langfristige Folgen haben“, so die Sprecherin. „Denn Mathematik baut aufeinander auf.“
Unterstützung kommt von Susanne Prediger, Professorin für Mathematikdidaktik an der TU Dortmund. „Anscheinend sehen viele die Welt untergehen, wenn Viertklässler nicht mehr schriftlich dividieren können, doch das beurteilt die Mathedidaktik schon seit sehr langer Zeit anders“, sagte Prediger dem Spiegel. „Der Lehrplan wird an den richtigen Stellen entschlackt, um Zeit zu schaffen, damit Kinder besser die Grundlagen lernen.“ So sollte man eher auf halbschriftliches Rechnen setzen. Hier werden die Zahlen in Blöcke gegliedert. Statt direkt 2580 : 4 zu rechnen, teilt man die Zahlen auf. Also etwa 2000: 4, 400:4, 160:4 und 20:4. Oder auch 2400:4 und 180:4. Anschließend addiert man die Ergebnisse. Dadurch entstünden weniger Fehler. Eine Argumentation, der sich die Gesellschaft für Didaktik für Mathematik auf Merkur-Anfrage anschließt.
Durch die Anpassung würden die Kinder nicht weniger lernen, auch der Bildungsanspruch werde nicht gesenkt, erklärte das niedersächsische Kultusministerium. „Auch in den Grundschulen lernen die Kinder künftig bereits Teilschritte der schriftlichen Division, endgültig gelernt wird es dann in der weiterführenden Schule“, hieß es. Einen Alleingang sieht das niedersächsische Kultusministerium in seinem Vorgehen außerdem nicht. Die Anpassungen orientierten sich an den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz (KMK) für das Fach Mathematik von Juni 2022. Diese wiederum setzen aber nicht alle Bundesländer um.
Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Bayern etwa haben bereits angekündigt, am schriftlichen Dividieren in der Grundschule festhalten zu wollen. In Bayern sieht der Lehrplan bis zur vierten Klasse das Teilen bis einschließlich 10 vor. „Änderungen an diesen Vorgaben sind derzeit nicht vorgesehen“, teilt das Ministerium gegenüber unserer Redaktion mit. (Quellen: Kultusministerien aus Niedersachsen, Bayern, NRW und Sachsen, IQB-Bildungstrend, Josef Kraus, Gesellschaft für Didaktik für Mathematik, Stefan Düll, Susanne Prediger).