Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana bleiben viele Fragen. Die Opfer-Anwälte wollen vor allem wissen, was der Barbesitzer nach dem Feuer tat.
Crans-Montana – Als sich das Feuer rasant ausbreitete, raste die Zeit. Kaum Minuten, allenfalls Dutzende Sekunden entschieden in der Bar „Le Constellation“ in Crans-Montana über Leben und Tod. Mehr Zeit blieb den Besuchern nicht, nachdem sich der verheerende Brand, der auf ein Tischfeuerwerk zurückgehen soll, ausbreitete. 40 Menschen starben bei dem Unglück, 116 erlitten teils schwerste Verletzungen.
Barbesitzer Jacques Moretti hatte später deutlich mehr Zeit. Zehn Stunden sollen zwischen dem Zeitpunkt, als der Franzose am Unglücksort auftauchte und dem Beginn seiner Vernehmung durch die Polizei vergangen sein. Nicht nur die Familien der Opfer stellen sich die Frage: Was machte der Betreiber in der Zwischenzeit? Offenbar hegen sie einen brisanten Verdacht.
Brandkatastrophe von Crans-Montana: Laut Barbesitzer viele Unterlagen weggeworfen
Wie La Repubblica schreibt, verschwanden in diesen Stunden die digitalen Spuren des Lokals. Zunächst vergebens habe Rechtsanwalt Romain Jordan die Staatsanwaltschaft darum ersucht, eine Verfügung gegen Facebook zu erlassen, um alle Daten zu sichern.
Moretti soll den Verlust der Unterlagen über die Renovierung aus dem Jahr 2015, als der brennbare Schaumstoff installiert wurde, so erklärt haben: Die Dokumente seien während zweier „Überschwemmungen“ – während der Corona-Krise und vor drei Monaten – verloren gegangen. Sie hätten „eine Menge beschädigter Buchhaltungsunterlagen weggeworfen“.
In der Brandnacht will er von seiner Frau Jessica Moretti alarmiert worden sein. Mit zwei weiteren Personen sei es ihm gelungen, den verschlossenen Personaleingang aufzuhebeln, nachdem sich ein Riegel verschoben hatte. „Wir fanden fünf oder sechs Personen am Boden“, schilderte er die ersten Eindrücke.
Retter über Brandnacht in Bar: Opfer sollten nicht angefasst werden
Paolo Campolo, der zu den Rettern zählt, habe die Situation ähnlich geschildert. Allerdings soll sich der Italiener auf eine andere Tür beziehen: eine Glastür der Galerie neben der Bar, die zu dem erwähnten Notausgang führt. Er erinnert sich: „Ich sah Leichen im Inneren, die gegen das Glas gedrückt waren.“ Gemeinsam mit einem anderen Mann habe er die Tür geöffnet, den Griff aufgebrochen.
Eine andere Person habe sie auf Italienisch angesprochen und gewarnt, sie dürften die Opfer nicht anfassen. Im Inneren will Campolo einen Tisch bemerkt haben, der „den Durchgang versperrte. Für mich war er dort hingestellt worden, um die Evakuierung der Verletzten zu verhindern.“
Moretti taucht in den Schilderungen des Zeugen nicht auf. Er führte weiter aus, dass er seine Frau nach Hause geschickt habe, um sie zu beschützen. Daneben habe er nur zu einem Mitarbeiter Kontakt gehabt: Jean-Marc Gabrielli, den er als „Adoptivsohn“ ansieht. Dessen Partnerin war die beim Feuer ums Leben gekommene Kellnerin.
Auch er gilt offenbar als eine zentrale Figur in dem Geflecht. Laut den italienischen Zeitungen Corriere della Sera und Il Messaggero leitet der 33-Jährige das ebenfalls den Morettis gehörende Restaurant „Le vieux chalet“ in der nahe Crans-Montana gelegenen Gemeinde Lens.
Feuer in Crans-Montana-Bar: Pikante Aufnahmen an zweitem Lokal des Barbesitzers
An jenem Lokal machte ein Kamerateam der italienischen Nachrichtensendung TG1, die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk RAI ausgestrahlt wird, Aufnahmen, die im Zusammenhang mit dem Unglück Fragen aufwerfen. Denn zu sehen sind drei Männer, die Möbel und Kisten aus dem Hinterzimmer des Gasthauses in einen schwarzen Lieferwagen laden. Verwiesen wird von La Repubblica sowie RAI zudem auf eine anonyme Anzeige im Zusammenhang mit „Le vieux chalet“. Dabei gehe es um die „Finanzierungsquelle“.
Gabrielli äußerte sich derweil in einem Interview mit dem französischen Sender BFM TV, sitzt dabei mit dem Rücken zur Kamera. Ihm zufolge war es Jessica Moretti, die als erste die Feuerwehr alarmierte. Jacques Moretti habe dabei geholfen, Menschen aus der Bar zu retten. Über Fluchtmöglichkeiten sagte er: „Es gab einen Notausgang im Lokal. Ein Notausgang kann nicht verschlossen sein, er war eindeutig offen.“ Feuerlöscher seien ebenfalls vorhanden gewesen.
Zum Zeitpunkt des Unglücks habe er sich auf der Terrasse am Eingang aufgehalten. Um zu helfen, habe er einen Teil des Verandafensters geöffnet, durch das mindestens eine Frau der Flammenhölle entkam.
Viele Tote bei Brand in Crans-Montana-Bar: Kellner soll Gäste schon vor Jahren gewarnt haben
Wie der französischsprachige öffentlich-rechtliche Rundfunk der Schweiz, RTS, berichtet, räumte Moretti den Ermittlern gegenüber ein, dass die Servicetür im Erdgeschoss von innen verschlossen gewesen sei. Dies habe er in der Brandnacht bemerkt. Eine Erklärung dafür habe er nicht.
Den Deckenschaumstoff habe er im Baumarkt gekauft und selbst ausgetauscht, erklärte Moretti weiter. Dem Bericht zufolge soll ein Kellner die Gäste bereits in der Silvesternacht von 2019 auf 2020 vor der Brandgefahr durch die Schalldämmung der Decke gewarnt haben. Demnach waren sich die Angestellten des Risikos bewusst.
Notausgang in Crans-Montana-Bar: Tür laut Ex-Mitarbeiter von Vorhang verdeckt
In einem weiteren RTS-Artikel ist zu lesen, dass ein ehemaliger Angestellter von „Le Constellation“ bemängelte, zu Arbeitsbeginn keine Sicherheitseinweisungen erhalten zu haben. In jedem anderen Betrieb seien ihm die Sicherheitssysteme samt Feuermelder und Feuerlöscher gezeigt worden. Weiter stellte er fest: „Der Notausgang war mit einem schwarzen Vorhang verdeckt. Darüber prangte noch das kleine grüne Logo, das auf den Ausgang hinwies. Es war jedoch nutzlos, da es veraltet war.“
Der Zeuge, der anonym bleiben wollte, will Moretti darauf angesprochen haben. Dieser habe auf die Frage, ob der Notausgang genutzt werden könne, geantwortet: „Nein, im Moment ist er abgesperrt.“
Opfer-Anwalt über Barbesitzer: „Wollen Beweise vernichten“
Der Barbesitzer soll während der Anhörung durch die Staatsanwaltschaft „zwei oder drei Brandschutzprüfungen“ durch die Feuerwehr während der zehnjährigen Betriebszeit erwähnt haben. Es habe „keine Aufforderungen zu Renovierungen oder baulichen Veränderungen am Gebäude“ gegeben. Vor ein oder zwei Monaten habe eine Elektroüberprüfung lediglich auf ein defektes Notausgangsschild aufmerksam gemacht. Doch nach einer Reparatur habe dieses wieder funktioniert.
Derzeit befindet sich Moretti wegen Fluchtgefahr hinter Gittern. Seine Frau darf zwar auf freiem Fuß bleiben, musste aber ihren Pass abgeben. Die Anwälte der Angehörigen der Opfer hegen laut La Repubblica den brisanten Verdacht: „Sie versuchen, Beweise zu vernichten.“
Der Anwalt Albert Habib macht demnach deutlich: „Für die Opfer ist eine vollständige Untersuchung entscheidend. Es ist unerlässlich, dass die Ermittlungen unter allen Umständen vor Vernichtung von Dokumenten oder Manipulation geschützt werden. Nur so können wir der Wahrheit näherkommen.“ Dafür muss also auch geklärt werden, was Moretti in den zehn Stunden unternahm, ehe die Vernehmung begann. (Quellen: La Repubblica, Corriere della Sera, Il Messaggero, TG1, RAI, BFM TV, RTS) (mg)