Diese einfache Testfrage verbessert Ihre Kommunikation im Job sofort

Ein Wochenende in Hamburg. Vier Paare, die sich seit Jahren kennen, zusammengewachsen über Kinder, die längst erwachsen sind. Wir hatten Spaß, gute Gespräche, gemeinsame Erlebnisse – und diese besondere Leichtigkeit, die entsteht, wenn niemand sich verstellen muss. Am Montag ging jeder zurück in seinen sehr unterschiedlichen Beruf. Und einer von uns schrieb einen Artikel. Diesen hier.

Denn während wir durch Ottensen schlenderten, am Hafen saßen, lachten und über Sorgen sprachen, wurde mir erneut bewusst, wie tief Kommunikation sein kann, wenn der Rahmen stimmt. Und wie schwer sich Unternehmen damit tun, genau diese Qualität im Alltag zu erreichen. Dabei zeigt die Forschung erstaunlich klar, was unter Freund:innen passiert – und was in vielen Organisationen fehlt.

Tiefe entsteht dort, wo Menschen etwas von sich zeigen

Das Interpersonal Model of Intimacy beschreibt Nähe als Zusammenspiel zweier Komponenten: Selbstoffenbarung und eine warmherzige, verständnisvolle Reaktion. Unter Freund:innen geschieht das beiläufig: „Ich weiß nicht, ob ich im Job noch richtig bin.“ – „Verstehe ich. Was macht dir am meisten Druck?“ Ein Satz, ein Blickkontakt, eine offene Haltung. Genau das macht Gespräche ehrlich und emotional – ohne schwer zu werden.

Hinzu kommt, was die Social-Penetration-Theory als „Zwiebelstruktur“ beschreibt: Beziehungen vertiefen sich, wenn Menschen nicht nur über Äußerliches sprechen, sondern Stück für Stück über Werte, Zweifel, Brüche. In Freundschaften geschieht das organisch. Im Unternehmen wird es oft zu einem Kraftakt.

Warum Freundschaftsgespräche so leicht sind

Es liegt weniger an den Personen, sondern am Rahmen:

  1. Psychologische Sicherheit: Niemand rechnet damit, für Gedanken, Fragen oder Zweifel bewertet zu werden.
  2. Keine Agenda: Gespräche folgen nicht dem Kalender, sondern der Situation.
  3. Rollenpause: Niemand ist Vorgesetzter, niemand Stellvertreter, niemand „von oben“.
  4. Responsives Zuhören: Es geht nicht darum, Recht zu behalten, sondern zu verstehen.

In diesem Umfeld entsteht eine kommunikative Qualität, die in den meisten Unternehmen fehlt: Es darf menschlich sein. Und gerade deshalb wird es produktiv.

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Was Unternehmen daraus lernen können

Ein Unternehmen ist kein Freundeskreis – aber es kann Prinzipien übernehmen, die tiefe, klare Kommunikation möglich machen.

1. Psychologische Sicherheit bewusst bauen

Freundschaften wachsen, Unternehmen müssen gestalten. Teams, in denen Menschen frei sprechen können, handeln früher, lernen schneller, melden Probleme, bevor sie eskalieren. Das beginnt bei Führung. Wer selbst keine Fehler zugibt, braucht von anderen kaum Ehrlichkeit erwarten.

2. Informelle Räume schaffen

Innovation entsteht selten im Meetingraum. Sie entsteht beim Kaffee, im Spaziergang, im offenen Gespräch. Formate ohne Agenda – Walk-and-Talks, offene Frühstücke, Offsites mit Luft – schaffen den Raum für echte Gedanken.

3. Dosierte Selbstoffenbarung

Keine emotionalen Abladeflächen, aber ein klarer menschlicher Anteil: „Dieses Thema beschäftigt mich gerade.“ – Solche Sätze machen Führung glaubwürdiger. In Teams helfen kurze Check-ins oder kleine Reflexionsrunden, ohne Grenzen zu überschreiten.

4. Responsives Zuhören trainieren

Nicht jeder Rat ist hilfreich, aber jedes Verstehen ist es. Paraphrasieren, Nachfragen, Emotionen spiegeln – Kleinigkeiten mit hoher Wirkung. Zuhören ist kein Soft Skill, sondern ein Führungsinstrument.

5. Rollen zeitweise parken

In Workshops kann Hierarchie bewusst ausgesetzt werden: zuerst sprechen die Leisen, dann die Lauten. Ideen anonym sammeln. Redezeit begrenzen. Wer das ernst meint, bekommt ehrlichere Gedanken und bessere Entscheidungen.

Der Test für moderne Unternehmenskultur

Nach dem Hamburg-Wochenende blieb mir ein Gedanke: Wenn Organisationen verstehen würden, warum Freundschaften funktionieren, würden sie anders kommunizieren. Nicht „privater“, sondern menschlicher. Nicht „weicher“, sondern klarer.

Deshalb eine einfache Testfrage für jede Führungskraft: "Wie viel Freundes-Wochenende steckt in unserer Art, miteinander zu sprechen?" Nicht im Sinne von: alle müssen beste Freund:innen werde, sondern im Sinne von:

  1. Darf ich Zweifel äußern?
  2. Darf ich Fehler zugeben?
  3. Fühle ich mich gehört?
  4. Darf es leicht sein?

Wenn darauf immer öfter ein „Ja“ folgt, bewegt sich eine Organisation in Richtung einer Kultur, die nicht nur effizient arbeitet – sondern verbindet. Genau dort entstehen bessere Entscheidungen, mehr Kreativität und ein Arbeitsumfeld, in dem Menschen bleiben wollen.

Michael Ehlers ist Rhetoriktrainer, Bestsellerautor und Geschäftsführer der Institut Michael Ehlers GmbH. Er coacht Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Sport und Medien. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.