Außenminister Johann Wadephul ist nach China gereist – ein zweiter Anlauf nach der kurzfristigen Absage seines ursprünglich für Oktober geplanten Besuchs. Die Erwartungen sind verhalten. Emmanuel Macron war erst vor wenigen Tagen mit einer großen Minister- und Wirtschaftsdelegation in China unterwegs, besuchte Peking, Chengdu und die Pandas.
Es hab schöne Fotos, doch ein diplomatischer Durchbruch blieb aus. Peking signalisiert längst andere Prioritäten: mehr Handel mit ASEAN, Lateinamerika und dem Golf, neue Initiativen im Globalen Süden – zuletzt die „Global South Think Tank Alliance“ in Schanghai – und eine Außenpolitik, die europäische Stimmen selektiver einbindet.
In diesem Umfeld versucht Wadephul nun, die Gesprächskanäle offen zu halten und verlorenes Momentum zurückzugewinnen.
Zwischen EU-Divergenzen und Pekings wachsender Skepsis
Während China seine globalen Beziehungen diversifiziert, verliert die EU an strategischer Relevanz. Der Anteil des EU-China-Handels am chinesischen Außenhandel sinkt seit Jahren, während der ASEAN-China-Handel stark zunimmt.
Zudem kürzen viele EU-Staaten, darunter Deutschland, Budgets für internationale Zusammenarbeit – ein Kontrast zu Chinas aktiv expandierenden diplomatischen und entwicklungspolitischen Initiativen. Das europäische Auftreten gegenüber Peking zersplittert.
Macron betont „strategische Autonomie“, Deutschland sucht pragmatische Stabilisierung, während die baltischen und nordischen Staaten einen härteren Kurs fahren. Estlands Premierministerin Kaja Kallas stellt öffentlich die Glaubwürdigkeit europäischer China-Politik infrage.
Offene Meinungsverschiedenheiten über Russland
Die EU-Außenbeauftragte verärgerte Peking zuletzt mit unglücklichen Äußerungen zur chinesischen Rolle im Zweiten Weltkrieg – ein Beispiel für kommunikative Fehler, die Peking registriert.
Der EU-China-Gipfel im Juli verlief bereits holprig; später kam es zwischen Wang Yi und der EU-Chefdiplomatin zu offenen Meinungsverschiedenheiten über Russland. Die Lage ist komplex – und genau deshalb heikel für Wadephul.
Wirtschaft, Rohstoffe, Sicherheit: Die Kernpunkte des Besuchs
Wadephul trifft in Peking seinen Amtskollegen Wang Yi sowie Wirtschaftsminister Wang Wentao. Offizielle Schwerpunktsetzung: Sicherheit im Indopazifik, Chinas Haltung zum russischen Angriffskrieg, sowie die „großen Menschheitsfragen“ wie Klimawandel – eine Formulierung, die bewusst auf Kooperation abzielt.
Doch im Zentrum stehen wirtschaftliche Risiken. Deutschland bleibt hochgradig abhängig von kritischen Rohstoffen, insbesondere Seltenen Erden, bei denen China nicht nur über große Vorkommen, sondern vor allem über weltbeherrschende Verarbeitungskapazitäten verfügt. Jahrelang wurde diese Abhängigkeit in Brüssel unterschätzt.
China hat nicht vergessen, was Wadephul in Japan gesagt hat
Wadephul kündigte an, Handelsbeschränkungen, Überkapazitäten bei Elektromobilität und Stahl sowie die Sorgen deutscher Unternehmen „klar und direkt“ anzusprechen. China wiederum dürfte sich an Wadephuls Aussagen, die er bei seinem Besuch in Japan tätigte, erinnern: Dort hatte er Peking für seine Rolle im Indopazifik kritisiert – in China wurde dies als wenig diplomatische Äußerung wahrgenommen.
Nach den Gesprächen in Peking reist Wadephul nach Guangzhou, dem Herzen der boomenden Hightech-Region Guangdong. Shenzhen gilt als „Epizentrum“ von Chinas Innovationskraft – ein bewusst gesetztes Signal, dass Deutschland bei Zukunftstechnologien vorne mitspielen will.
Wadephul betont, dass nur Länder, die „bei Halbleitern und KI führend sind“, langfristig Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit sichern können.
Ein Gegenbesuch – doch das Timing bleibt schwierig
Der aktuelle Besuch ist auch ein Gegenbesuch: Wang Yi war Anfang Juli in Berlin. Eine hochrangige Fortsetzung des Dialogs innerhalb von sechs Monaten entspricht diplomatischen Gepflogenheiten.
Seither hat sich jedoch vieles verschoben. Macrons Besuch dominierte die europäische Präsenz in China – auch wenn er in Brüssel kaum wahrgenommen wurde und primär symbolische Wirkung hatte.
Peking nimmt Europas innere Zerstrittenheit zunehmend als Schwäche wahr. Die Erwartung vieler chinesischer Beobachter war, dass zuerst Bundeskanzler Merz nach Peking reisen würde, bevor ein deutscher Außenminister nachlegt. Der Eindruck eines unscharfen Timings ist daher nicht ganz von der Hand zu weisen.
Gleichzeitig drängen sicherheitspolitische Signale von außen: Die USA haben kürzlich eine sicherheitspolitische Strategie mit deutlicher EU-Kritik veröffentlicht. In Beijing wiederum wächst der Eindruck, dass die EU Gefahr läuft, zum Spielball zwischen den wirtschaftlichen Supermächten zu werden.
Vor diesem Hintergrund versucht Wadephul, Deutschlands Handlungsfähigkeit sichtbar zu machen – und die Beziehungen zu stabilisieren, ohne europäische Grundpositionen zu verwässern.
Das Ziel ist bescheiden, aber realistisch: Gesprächskanäle offen halten, Verständnis für europäische Interessen einfordern und in einer Phase globaler Verschiebungen diplomatische Präsenz zeigen.
Dr. Berthold Kuhn ist Politikwissenschaftler mit Promotion in Leipzig und Habilitation in Berlin. Er berät internationale Organisationen und Denkfabriken zu nachhaltiger Entwicklung. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.