LATE wird häufig mit Alzheimer verwechselt – jeder Zehnte über 65 betroffen

Rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland haben Alzheimer, eine Form von Demenz. Bei dieser Erkrankung lagern sich die Proteine Beta-Amyloid und Tau im Gehirn ab und provozieren das Absterben von Nervenzellen. In der Folge baut die betroffene Person geistig ab.

Doch hinter kognitiven Beeinträchtigungen muss sich nicht immer eine Alzheimer-Erkrankung verbergen. Auch LATE kann die Ursache sein. 

LATE wird häufig mit Alzheimer verwechselt – was es damit auf sich hat

Dabei handelt es sich um Limbisch-prädominante altersbedingte TDP-43-Enzephalopathie, also eine neurologische Störung und Unterform der Demenz. Bei der Erkrankung lagert sich das TDP-43-Protein im Gehirn ab, insbesondere im Bereich des limbischen Systems, das mehrere Regionen im Gehirn verbindet und bei der Steuerung von Emotionen und Lernprozessen eine tragende Rolle spielt.

LATE kann gemeinsam mit einer Alzheimer-Erkrankung auftreten oder auch allein. Weil es ähnliche Symptome verursacht, wird es häufig mit Alzheimer verwechselt. Erst vor wenigen Jahren rückte LATE weiter in den Fokus der Forschung; in diesem Jahr entwarfen Fachleute erstmals Richtlinien, wonach behandelnde Ärzte diese Unterform der Demenz diagnostizieren können. 

Experten schätzen, dass zehn Prozent der Menschen über 65 Jahren sowie zwei Drittel aller Über-85-Jährigen von LATE betroffen sind. Sie vermuten, dass einige Patienten LATE statt Alzheimer haben. 

Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Alzheimer und LATE

Das bestätigte kürzlich auch Greg Jicha, Neurolge des University of Kentucky’s Sanders-Brown Center on Aging, im Gespräch mit der "New York Times": "Ungefähr jeder fünfte Patient, der in unsere Klinik kommt und bei dem eine Alzheimer-Erkrankung vermutet wird, ist tatsächlich von LATE betroffen."

LATE ist einer Alzheimer-Erkrankung zunächst ähnlich; so treten bei beiden Demenzformen anfänglich Gedächtnisprobleme auf. Im weiteren Verlauf unterscheiden sie sich jedoch. 

So schrumpft bei LATE der Hippocampus schneller, allerdings ist es weniger schwerwiegend und schreitet langsamer voran. Außerdem sind die Anzeichen sehr begrenzt und umfassen im Weiteren lediglich Wortfindungsschwierigkeiten, betont David Wolk im Gespräch mit der "New York Times". Er ist Neurologe und Direktor des Alzheimer’s Disease Research Center an der University of Pennsylvania.

Alzheimer hingegen ruft Probleme beim

  • Orientieren
  • Planen
  • Organisieren
  • und Bewältigen von alltäglichen Handlungen hervor. 

Außerdem sind Stimmungsschwankungen und Verhaltensänderungen mögliche Begleiterscheinungen.

Die meisten älteren Patienten leiden sowohl an LATE als auch an Alzheimer

In der Praxis komme es jedoch häufig vor, dass hochbetagte Menschen sowohl von LATE als auch von Alzheimer betroffen sind. Das sei bei der Hälfte der Über-85-Jährigen der Fall. Die Kombination beider Demenz-Unterformen ist für Betroffene besonders hart, da sie die Symptome verschlimmert und den kognitiven Abbau beschleunigt, sagt Pete Nelson, stellvertretender Direktor des Sanders-Brown Centers. 

"Alzheimer allein ist schlimmer als LATE allein", erklärt er. "Allerdings ist Alzheimer plus LATE schlimmer als jede der beiden Formen für sich – schneller, schwerwiegender, mit einem brutaleren Endpunkt."

Betroffene hätten dementsprechend ein größeres Risiko, an "haarsträubenden, schrecklichen Symptomen wie Psychosen oder an Inkontinenz" zu leiden.

US-Wissenschaftler forschen derzeit an erstem LATE-Medikament

Eine Möglichkeit, LATE früh zu erkennen, gibt es anders als bei Alzheimer bislang nicht. Doch die Forschung macht Fortschritte: Waren TDP-43-Protein-Ablagerungen zunächst erst nach dem Tod einer Person durch Autopsien des Gehirns nachweisbar, können mittlerweile kognitive Einschätzungen, MRT-Scans und die Analyse von Nervenwasser Aufschluss über eine mögliche LATE-Erkrankung geben.

Auch bei der Behandlung von LATE steht die Forschung noch am Anfang. Die kürzlich zugelassenen Alzheimer-Medikamente, die sich gegen die Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn richten, wirken bei dieser Form der Demenz nicht.

Bei einer Kombination beider Demenzformen ist der Einsatz von Anti-Amyloid-Medikamenten unter Experten strittig, da Nutzen und Risiken womöglich nicht verhältnismäßig sind.

Aktuell forschen Wissenschaftler der University of Kentucky in einer ersten klinischen Studie mit 64 Probanden an einem Medikament gegen LATE. Dieses enthält Nicorandil – ein Arzneimittel, das in Europa und Asien zur Therapie von Brustschmerzen zugelassen ist, die durch einen reduzierten Blutfluss zum Herzen verursacht werden.

"Es handelt sich um ein Herzmedikament, aber es scheint bei den genetischen Abnormalitäten zu wirken, die mit LATE in Verbindung gebracht werden", sagt Jicha, der die Studie leitet. Da Nicorandil die Durchblutung in den kleinen Blutgefäßen erhöht, besteht die Hoffnung, dass es das Schrumpfen des Hippocampus verhindert und Gehirngewebe schützt. 

Wie die Experten betonen, kann die zunehmende Erforschung der LATE-Erkrankung dabei helfen, Patienten in Zukunft besser und differenzierter zu diagnostizieren und zu behandeln. "Eine konkrete alternative Diagnose kann Patienten und Familien helfen zu verstehen, warum die Gedächtnisveränderungen auftreten und wie sie angemessen für die Zukunft planen können", bekräftigte Kimiko Domoto-Reilly, Professorin der Neurologie an der University of Washington, in einer Pressemitteilung. 

Wie Sie Demenz vorbeugen können

Um Demenz im Rahmen der Möglichkeiten vorzubeugen, empfehlen sich verschiedene Maßnahmen. Dazu zählen:

  1. Regelmäßige Hörtests
  2. Regelmäßige körperliche Aktivität
  3. Cholesterinarme Ernährung
  4. Vermeidung von Hirntraumata
  5. Einholen von ärztlicher Hilfe bei wochenlang anhaltenden depressiven Verstimmungen

Was das Demenz-Risiko weiter senken kann, erfahren Sie in diesem Artikel.