Linksfraktionschefin Heidi Reichinnek spricht offen über ihre Migräne-Erkrankung und die damit einhergehenden Einschränkungen. "Ich habe diese Erkrankung und sie belastet mich massiv. Viele Termine kann ich trotz Migräne nicht absagen und muss mir dann mit Medikamenten helfen", sagt die 37-Jährige der "Rheinischen Post". In diesen Fällen nehme sie "ein sehr starkes Mittel, das dazu führt, dass man sich nicht mehr so gut konzentrieren kann".
Reichinnek hatte Ende April in der ZDF-Talkshow "Markus Lanz" auf eine Sachfrage erklärt, dass sie die Antwort nicht parat habe, auch weil sie aktuell unter Migräne leide. Von Kritikern war dies als Ausrede gewertet und spöttisch kommentiert worden. Doch Migräne ist eine ernstzunehmende neurologische Erkrankung, die Betroffene stark einschränkt.
Nicht bloß Kopfschmerzen: Migräne ist eine neurologische Erkrankung
Migräne ist eine Erkrankung des Gehirns. Sie zeigt sich meist in Form dumpfer und drückender Kopfschmerzattacken, die bei körperlicher Belastung stechend, pochend oder pulsierend werden können.
Hinzu kommt eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen und Gerüchen sowie Übelkeit bis hin zum Erbrechen. Laut der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) ist die Intensität im Regelfall so hoch, dass sie Betroffene im Alltag relevant einschränkt.
Laut Robert Koch-Institut (RKI) sind
- 14,8 Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer in Deutschland betroffen.
- Weitere 13,7 Prozent der Frauen und 12 Prozent der Männer hätten wahrscheinliche Migräne, so die Erhebung von 2020.
Eine Migräneattacke kann wenige Stunden bis hin zu drei Tagen andauern. Dabei laufen im Gehirn komplexe Prozesse ab, die zu den teils heftigen Symptomen führen. So werden unter anderem schmerzvermittelnde Botenstoffe ausgeschüttet. Sie führen dazu, dass es an den Blutgefäßen der Hirnhäute zu einer Entzündungsreaktion kommt. Die pulsierenden Blutgefäße dehnen die entzündete Gefäßwand – so entstehen die typischen pulsierenden Kopfschmerzen, erklärt die DMKG.
Kopfschmerzen oder Migräne – so erkennen Sie den Unterschied
Ob es sich bei Ihren Kopfschmerzen um eine Migräne handelt, können Sie anhand der Symptome abschätzen. So zeichnet sich eine Migräne vor allem darüber aus, dass die Kopfschmerzen wiederkehrend sind und anfallsartig auftreten. Laut der DMKG weisen folgende Symptome auf eine Migräne hin:
- dumpfer und drückender Schmerz, der bei körperlicher Belastung stechend, pochend oder pulsierend wird
- Übelkeit
- Erbrechen
- Licht-, Geräusch– und Geruchs– Überempfindlichkeit
- erhöhtes Ruhebedürfnis
- Blässe und eine deutliche Rückzugstendenz
Bei 15 bis 25 Prozent der Betroffenen kündigen sich die Kopfschmerzen über eine sogenannte Aura an. Diese neurologische Funktionsstörung zeigt sich über
- Sehstörungen mit Flimmersehen
- Gesichtsfelddefekte (Teile des Sichtfelds erscheinen als dunkle Flecken, verschwommenes Sehen oder garnicht)
- Gefühlsstörungen auf einer Körperseite
- Sprachstörungen
Wie die Sehstörung für Betroffene aussehen kann, zeigt eine Demonstration der Schmerzklinik Kiel:
Häufig treten auch schon Tage vor einer Attacke erste Hinweise auf. "Die Zündschnur der Migräne glimmt quasi schon", schreibt die Schmerzklinik. Auffällig seien zum Beispiel:
- gesteigerte Aktivität
- innere Unruhe
- Reizbarkeit
- erhöhte Leistungsfähigkeit und Kreativität
- Müdigkeit
- mangelnde Belastbarkeit
- depressive Stimmungsveränderungen
Sollten Sie den Verdacht haben, an Migräne zu leiden, suchen Sie unbedingt einen Arzt auf.
Plötzlich Migräne: Was tun und wie vorbeugen?
Bei einer akuten Migräneattacke hilft Betroffenen in der Regel Ruhe und Dunkelheit. Viele schwören auf Hausmittel wie
- Kaffee mit Zitrone (Koffein verengt die Blutgefäße)
- kühlende oder wärmende Kompressen
- Auftragen von Pfefferminzöl auf die Schläfen
Ob diese wirklich wirken, ist jedoch nicht klar.
Je nach Schwere können im Akutfall Schmerzmittel oder spezifische, verschreibungspflichtige Mittel wie Triptane zum Einsatz kommen. Mittlerweile gibt es sogar Triptane, die ohne Rezept in der Apotheke erhältlich sind.
Ein wichtiger Faktor bei der Behandlung von Migräne ist es, den Attacken vorzubeugen. Denn häufig reagiert das Gehirn von Migränepatienten auf individuelle Auslösefaktoren oder Überlastungen. Welche das sind, lässt sich beispielsweise mit einem Kopfschmerztagebuch nachvollziehen.
Viele Patienten berichten auch von Migräne-Auslösefaktoren wie:
- Schlafentzug
- Auslassen von Mahlzeiten
- unzureichende Flüssigkeitszufuhr
- Stress
Die DMKG verweist außerdem auf Studien, die positive Effekte auf die Erkrankung durch regelmäßigen Ausdauersport und Muskelentspannungsverfahren nachweisen.
Wer hier sein Verhalten anpasst, kann laut der Fachgesellschaft in der Regel die Zahl der Migräneattacken senken.
Reichinnek wünscht sich einen offeneren Umgang mit Erkrankungen
Reichinnek plädiert für einen offeneren Umgang mit Krankheiten oder Schwächen in der Politik. Sie kritisiert, dass der Bundestag die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht nicht repräsentiere, auch nicht mit Blick darauf, wer chronische Krankheiten oder Behinderungen habe. Umso wichtiger finde sie es, darüber zu sprechen.
"Ich würde niemanden dazu auffordern, weil es eine sehr private Entscheidung ist, solche Sachen öffentlich zu machen. Aber natürlich ist es ein wichtiges Zeichen, das für Sichtbarkeit sorgt. Gerade bei Migräne", sagt sie der "Rheinischen Post".
Die Krankheit betreffe vor allem Frauen. "Und wie oft werden Frauen nicht ernst genommen, wenn sie sagen, dass sie massive Kopfschmerzen haben", kritisiert die Politikerin.