Trotz Behördenhürden: Verein aus Hohenpeißenberg betreut 120 Kinder in Namibia

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Für Monika Bitzl gehören die Wochen in Namibia, in denen sie in der integrativen Kinderbetreuungseinrichtung von Taking Hands mitarbeitet, inzwischen zum Jahresablauf. © privat

Der Verein Taking Hands Namibia-Deutschland hat in fünf Jahren viel erreicht. Jetzt plant Monika Bitzl den Bau von Lehrwerkstätten.

Hohenpeißenberg - Vor ziemlich genau fünf Jahren wurde in Hohenpeißenberg der Verein „Taking Hands Namibia -Deutschland“ gegründet, mit dem kühnen Plan, eine integrative Kinderbetreuungseinrichtung im informellen Viertel – so werden Armenviertel oder Slums offiziell genannt – von Omaruru zu eröffnen. Schon wenige Monate später wurde dieser Plan Wirklichkeit.

Seitdem hat sich viel getan, wie die Vorsitzende des Vereins, Monika Bitzl, im Interview mit dieser Zeitung berichtet. Die Osteopathin mit eigener Praxis in Hohenpeißenberg ist gerade aus Namibia zurückgekommen, wo sie, wie jedes Jahr, mehrere Wochen in der Einrichtung des Vereins mitgearbeitet hat.

Seit fünf Jahren gibt es „Taking Hands Namibia-Deutschland“, hat die Arbeit für diesen Verein Ihr Leben verändert?

Vor meiner Arbeit bei „Taking Hands Namibia-Deutschland“ habe ich zehn Jahre Asylarbeit im Ehrenamt geleistet. Das war eigentlich schon ein ehrenamtlicher Rund-um-die-Uhr-Job. In dieser Zeit durfte ich schon sehr viel über Menschen aus anderen Ländern, über fremde Kulturen und Traditionen lernen. Schon diese zehn Jahre haben mein Leben verändert. Die fünf Jahre hier in Namibia haben dem Ganzen noch einiges draufgesetzt. Die viele Armut der Familien, Kinder, die nicht zur Schule gehen können, weil sie auf die kleineren Geschwister aufpassen müssen, oder nicht das Geld für die Schulkleidung haben. Völlig überfüllte Schulen, in denen die Kinder nicht die Chance haben, etwas zu lernen ...

Was hat das mit Ihrer Sicht auf das Leben gemacht?

All das und vieles mehr hat mich sehr dankbar dafür gemacht, in einem Land leben zu dürfen, in dem jeder, wenn er will, alle Bildungschancen hat– auch, wenn es für manche viel schwerer ist als für andere. Ein Land, in dem niemand Hunger leiden muss, in dem man Strom, Wasser und Zugang zu ärztlicher Versorgung hat. Mein Engagement für „Taking Hands Namibia-Deutschland“ wurde zu meinem neuen Rund-um-die-Uhr-Job im Ehrenamt. Ich bin seit dieser Zeit wesentlich dankbarer geworden und habe meine Bedürfnisse um ein Vielfaches zurückgeschraubt. Ich arbeite wesentlich weniger in meiner Praxis, um mehr Zeit für die Arbeit im Verein zu haben. Ohne die Unterstützung meiner Familie wäre das alles nicht möglich.

Was hat der Verein auf die Beine gestellt in dieser Zeit?

Begonnen haben wir im Jahr 2021 mit zwölf Kindern in einem kleinen angemieteten Kirchenraum. Im Januar 2024 konnten wir unser eigenes Zentrum, das „Taking Hands Educational Centre“, eröffnen und 120 Kinder mit und ohne Beeinträchtigung kommen seit der Zeit täglich dorthin. Zehn Angestellte und zwei bis vier Volontäre aus Deutschland oder Österreich unterstützen unsere Arbeit. Mittlerweile sind wir so weit, dass wir mit dem Bau der ersten Lehrwerkstatt beginnen können. Damit dann auch die Kinder, die keinen Schulabschluss erreichen können, Fähigkeiten an die Hand bekommen, um später ein eigenständiges Leben leben zu können.

Spenden

Wer den Hohenpeißenberger Verein „Taking Hands Namibia-Deutschland“ unterstützen will: Es gibt ein Konto bei der Sparkasse Oberland, IBAN: DE 7370 3510 3000 3260 3151. Nähere Informationen erhalten Interessierte online unter www.taking㈠hands.com.

Was war beschwerlich oder ärgerlich?

Immer wieder ist es sehr mühsam, mit den örtlichen Behörden zusammenzuarbeiten. Die laufenden Lebenshaltungskosten steigen auch in Namibia rasant und der gestiegene Personalbedarf kommt noch dazu. Diese laufenden Kosten, können fast nur über private Spenden abgedeckt werden, denn die großen Stiftungen und Vereine geben meist nur Gelder für abgeschlossene Projekte zum Beispiel für einen Bau, nicht aber für den Unterhalt der Einrichtungen.

Was ist erfreulich gewesen?

Über die Hilfe und Unterstützung, die wir in den vergangenen Jahren von verschiedensten Seiten erfahren durften, haben wir uns gefreut. Wir danken den vielen Vereinen und Stiftungen für diese Unterstützung. Mein besonderer Dank gilt allen Privatpersonen, die uns regelmäßig oder einmalig bedenken. Mit diesen Geldern können wir die laufenden Kosten decken. Besonders erfreulich ist natürlich, mit welcher Dankbarkeit die Kinder unsere Arbeit annehmen. Der Austausch auf Augenhöhe mit den Mitarbeitenden und die Wertschätzung gegenüber unserer Arbeit aus dem informellen Viertel lässt die Mühen wieder vergessen.

Gibt es weitere Pläne für den Verein in Namibia?

Wir haben das Nachbargrundstück dazu gekauft. Auf diesem sollen Ende des kommenden Jahres Lehrwerkstätten für handwerkliche Berufe entstehen. So können auch Jugendliche, die keinen Schulabschluss erreichen können, die Chance auf eine selbstbestimmte Zukunft bekommen.

Wieso ist die Arbeit von „Taking Hands“ wichtig?

Bildung ist die Zukunft – hier wie dort. Das Schulsystem ist in Namibia sehr schlecht. Mit der Nachmittagshausaufgabenhilfe erhöhen wir die Bildungschancen. Ein hungriger Körper kann nicht lernen. Die gesunde Mahlzeit im Zentrum ist für viele Kinder die einzige am Tag. Nicht zu vergessen ist auch der kulturelle Austausch durch die Begegnung der jungen Volontäre mit den Namibianern. Die deutsch-namibische Begegnung ist sehr wichtig. Die jungen Leute, die das Leben der Leute aus dem informellen Viertel kennengelernt haben, kehren mit einem neuen Geist nach Deutschland zurück. Da das Zentrum auch für Kinder mit Beeinträchtigung offen ist und bisher behinderte Kinder in Namibia versteckt wurden, eröffnet unser Zentrum zusammen mit der Öffentlichkeitsarbeit in diesem Bereich ganz neue Perspektiven für diese Kinder und ihre Familien.