Der Albtraum wird real. „Mir geht es ganz scheiße. Ich bin seit zwei Tagen nur am Weinen“, sagt eine Frau, als sie in Gelsenkirchen-Buer vor den verschlossenen Türen der Sparkasse steht. Sie zählt zu den rund 2500 Betroffenen, deren Schließfächer von unbekannten Tätern aufgebrochen wurden, um die Wertsachen zu stehlen.
Für die Gelsenkirchnerin droht damit ein Lebenstraum zu platzen. „Meine ganzen Goldsachen von der Hochzeit und was ich für die Kinder dazu gekauft habe, waren in dem Schließfach“, erzählt sie entsetzt.
Eine Begleiterin erläutert, dass in der von der Gastarbeitergeneration geprägten Ruhrmetropole viele türkischstämmige Bewohner den Schmuck als Wertanlage in den Schließfächern aufbewahrten. So kam auch ihre Freundin auf ein Vermögen von rund 70.000 Euro. „Ich hatte den Traum, ein Haus zu kaufen. Den haben sie mir weggenommen“, sagt sie.
Ein Gütesiegel wie ein Hohn
An dem verschlossenen Eingang steht noch ein dritte Frau, trägt ebenfalls Kopftuch, und liest den Aushang. Das Siegel auf dem Briefkopf liest sich für sie wie ein Hohn. „Beste Bank 2023 vor Ort – 1. Platz Gelsenkirchen – Privatkundenberatung“ steht auf dem Stempel am oberen rechten Rand. „Das ist ein Vertrauensbruch bis zum Gehtnichtmehr“, wütet die Sparkassen-Kundin.
Auch sie hatte offenbar höhere Vermögenswerte in ihrem Schließfach gelagert. „Sie müssen leider davon ausgehen, dass auch Ihr Fach aufgebrochen wurde“, liest sie nun auf dem Zettel, und: „Der Inhalt des Faches ist bis zu 10.300 Euro versichert.“ Benötigt wird dafür eine belegte Inventarliste. „10.000 Euro – was soll man damit anfangen?!“, empört sie sich angesichts des entstandenen Schadens: „Wir sind einfach fassungslos. Man kann das irgendwie nicht realisieren.“
Schadenssumme nur grober Schätzwert
Zumal das Ausmaß noch nicht klar ist. Denn beim nun kommunizierten Schätzwert von 30 Millionen Euro Schaden handelt es sich lediglich um die Versicherungssumme. Die Gespräche am Tatort zeigen, dass einige Gelsenkirchener über deutlich größere Vermögenswerte verfügen. Gerüchte gehen bis hin zu fünf Kilogramm Gold und 300.000 Euro Bargeld in einem der mehr als 3000 Schließfächer.
Auch der Informationsfluss der Sparkasse lässt offenbar zu wünschen übrig. Betroffene, mit denen FOCUS online gesprochen hat, erfuhren von dem Einbruch nur aus den Medien. Anschließend mussten sie sich selbst an eine Hotline wenden. Ein Passant hält den Reporter zunächst für einen Filialmitarbeiter und hofft auf Informationen. „Meine Schwester ist fix und fertig“, sagt er. Sie habe zwar ihr Schließfach versichert, doch wisse sie noch nicht einmal, ob sie betroffen sei: „Wir konnten noch keinen erreichen und wissen gar nicht, wo wir uns melden können.“
Handwerker verblüfft über Vorgehen
Norbert Waller ist aus Gladbeck angereist, um sich einen Eindruck vor Ort zu verschaffen. Er hat selbst ein Schließfach bei einer anderen Bank. „Dass so etwas passiert, hätte ich nie gedacht. Wie denn? Mit so was rechnet man nicht“, sagt der Senior verwundert. Mit den neuen Eindrücken grübelt er nun, ob er sein Schließfach nicht doch zusätzlich versichern sollte: „Man denkt doch, dass das Geld bei der Bank sicher liegt.“
Gleichzeitig wirft der Einbruch Fragen auf. „Ich habe selbst einen 400er-Kernbohrer. Der ist nicht laut. Man hört das Schleifen, aber keine großen Geräusche“, sagt Waller. Trotzdem wundert nicht nur er sich, wie jemand unbemerkt und ohne Alarm auszulösen vom Parkhaus die Wand zum Raum der Sparkasse aufbohren konnte. Zumindest mit seinem 400er-Kernbohrer wäre das Loch noch nicht groß genug gewesen, um da durchzukommen. „Es ist schon hart, dass die so was gebracht haben“, sagt der Handwerker mit einem Anflug von Bewunderung für das Vorgehen.
Viele offene Fragen
Vor dem Sparkassen-Gebäude bleiben am zweiten Tag des Bekanntwerdens mehr Fragen als Antworten. Wieso wurde der Einbruch erst am Montag durch einen Brandmeldealarm bemerkt? Wieso nicht bei einem weiteren Alarm am Samstag? Woher wussten die Täter, wie sie über das Parkhaus Zugang zu den Schließfächern bekommen? Die betroffenen Gelsenkirchener hoffen, dass die Ermittler und die Sparkassen-Führung ihnen schnell Antworten liefern – und ihre Wertsachen zurückbringen - wird.
Frank Krallmann aus dem Vorstandsstab der Sparkasse hat sich im Gespräch mit der "Bild" für die schleppende Kommunikation entschuldigt und das unter anderem mit den Ermittlungsarbeiten begründet. Betroffene finden weitere Informationen auf der Internetseite der Sparkasse Gelsenkirchen.
Unterdessen kann sich zumindest ein Gelsenkirchener glücklich schätzen. In einem weiteren Aushang informiert die Sparkasse, dass ein Schlüsselbund gefunden wurde. Er kann in einer benachbarten Buchhandlung abgeholt werden.