Ausgerechnet Klimabremser Orban macht Ungarn jetzt zum Solar-Weltmeister

Bis 2019 dominierten noch Kohl, Gas und Atomkraft bei der Produktion des ungarischen Stroms. Doch Ende 2024 hatte sich der Kohleanteil am Strommix in Ungarn nach einer Studie der Denkfabrik Ember auf sechs Prozent halbiert, der Gasanteil fiel von rund 38 Prozent im Jahr 2008 auf etwa 19 Prozent im Jahr 2024.

Stattdessen sprang eine andere Erzeugungsart in die Bresche: Die Solarenergie. Mittlerweile erzeugt Ungarn 25 Prozent seines Stroms mit Hilfe der Sonne, heißt es in der Ember-Analyse. Damit liegt das Land sogar weltweit an der Spitze – nirgendwo sonst ist der Solar-Anteil so hoch. Zum Vergleich: Deutschland erzeugte im abgelaufenen Jahr nach Angaben der europäischen Übertragungsnetzbetreiber circa 16 Prozent seines Stroms aus der Solarenergie. 

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Rekorde in Mitteleuropa

Noch im Jahr 2019 wies der ungarische Strommix nur einen Solar-Anteil von vier Prozent auf, das Wachstum verlief also rasant. Das Land ist damit prominentester Vertreter eines Solar-Booms, der die gesamte Region Mitteleuropa erfasste. Von 2019 bis 2024 erhöhten Tschechien, Ungarn, Polen und die Slowakei, die zusammen die Visegrád-Gruppe bilden, die Solarproduktion insgesamt um fast das Sechsfache – von fünf Terawattstunden (Thw) auf 29. Die gesamte EU kam lediglich auf einen 2,5-fachen Anstieg (125 auf 308 TWh).

Polen war 2022 das Land mit den dritthöchsten Zuwächsen bei der Solarenergie in der EU, schreibt der Thinktank Ember in seiner Studie. Warschau erhöhte die Energieerzeugung aus Photovoltaik-Anlagen von 0,7 Terrawattstunden (Thw) im Jahr 2019 auf 15 TWh im Jahr 2024, ein Anstieg um mehr als das Zwanzigfache. 

Auch Tschechien ist wieder groß in den Photovoltaik-Markt eingestiegen. 2009 und 2010 galt das Elf-Millionen-Land bereits als früher europäischer Solarenergie-Experte, aber ein verändertes politisches Klima mit einer Anti-PV-Stimmung bremsten die Entwicklung aus. Im Jahr 2024 schloss Prag fast 45.000 erneuerbare und dezentralisierte Energiequellen an das Netz an, viele davon Solar-PV-Systeme, die in der Gesamtkapazität einem Reaktor des Kernkraftwerks Temelín entsprechen. Die Solarleistung stieg von 2,3 Twh im Jahr 2019 auf vier Twh 2024. 

Gleichzeitig zog die Regierung in Prag den Kohleausstieg vor: Bereits 2033 anstatt wie geplant 2038 soll in Tschechien keine Kohle mehr verfeuert werden. Der Anteil der Kohle an der Stromerzeugung sank um sieben Prozent.

Vom Bummelzug zum ICE

Die Visegrád-Staaten galten lange nicht nur als Bummelzüge bei der Dekarbonisierung, sondern sogar als Blockierer. Häufig versuchten sie, die Klimapolitik der EU zu verwässern, wie etwa den europäischen „Green Deal“, für den sich seinerzeit die deutsche EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen stark gemacht hatte. Erst im November stimmten Polen, Tschechien, Ungarn und die Slowakei geschlossen gegen das neue EU-Klimaziel für 2040, konnten sich mit ihrer Position jedoch nicht durchsetzen. 

Doch ausgerechnet seit der Einführung des „Green Deal“ im Jahr 2019 haben die vier Länder die Solarproduktion um mehr als das Doppelte des EU-Durchschnitts erhöht. Sie wurden damit vom Bummelzug zum ICE bei der Solarproduktion.

Solar als Staatsziel

Der Solarboom in Ungarn ist vor allem auf eine Kombination aus einem starken Ausbau von Solaranlagen, staatlichen Förderprogrammen, wachsender privater Beteiligung und einfachen Genehmigungsverfahren zurückzuführen. Das rohstoffarme Land muss einen Großteil seiner fossilen Energieträger importieren, die Regierung in Budapest will sich von diesen Importen unabhängiger machen – vor allem mit Solar. 

So war in Ungarn bis 2023 ein sogenanntes Net-Metering-System in Kraft, bei dem selbst erzeugter Strom vom verbrauchten Strom abgezogen werden konnte. Ein spezielles Einspeisetarifsystem garantierte langfristige, überdurchschnittliche Strompreise und prioritären Netzzugang für Produzenten. In Verbindung mit hohen Energiepreisen schuf dies starke Anreize für Solarinvestitionen. Für die Installation von Solaranlagen auf Haus- oder Hallendächern gab es großzügige Förderungen, etwa mit dem staatlichen „Solar Energy Plus“-Programm.

Allerdings stagniert der Markt derzeit, da Ungarn 2023 sein Net-Metering-System durch ein Nettoabrechnungssystem ersetzte. Die Folge war ein Abschwung im Bereich der Wohn-Solaranlagen, auch der Netzausbau kommt mit dem Solar-Boom nicht hinterher.

„Mitteleuropa hat die Erwartungen übertroffen“, sagt Tatiana Mindekowa, Analystin bei Ember. „Trotz ungünstiger politischer Rahmenbedingungen ist die Region zu einer der Erfolgsgeschichten der Solarenergie in Europa geworden.“

Nächster Halt: Batterien

Der nächste Schritt für die Visegrad-Staaten: Batterien. Besonders in Polen erwarten Experten in den nächsten fünf Jahren einen wahren Batterie-Boom. Das Land gehört bereits zu den drei größten Batterieexporteuren der Welt und verfügt über eine der größten Gigafabrik-Pipelines Europas. In Ungarn entsteht derzeit ebenfalls eine Gigafabrik des chinesischen Weltmarktführers CATL, die das Land zu einem der Zentren in der europäischen Batteriefertigung machen soll.

„Aufbauend auf seiner zunehmenden Stärke als Batteriestandort ist die Region bereit, die nächste Phase der Energiewende anzuführen“, sagt Mindekowa – „vorausgesetzt, es werden die richtigen politischen Maßnahmen ergriffen, um eine dauerhafte Führungsrolle zu sichern.“ Vielleicht hat Ungarn die Welt also nicht zum letzten Mal bei der Energiewende überrascht.