Das Jahr 2025 markiert einen Meilenstein der deutschen Energiewende: Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik sind Solar- und Windenergie die zwei größten Erzeugungsquellen für Strom, die Braunkohle liegt nur noch auf Platz drei. Das zeigt die jährliche Auswertung der Datenplattform „Energy Charts“ des Fraunhofer-Instituts für Solar Energiesysteme (ISE) in Freiburg; die Auswertung lag FOCUS online Earth vorab vor. Was sagen die Daten also zum Stand des deutschen Stromsystems?
1. Wind und Solar bilden die neue Doppelspitze
Der Anteil von Wind und Solar an der gesamten Nettostromerzeugung (also abzüglich des Eigenverbrauchs von Kraftwerken) lag im abgelaufenen Jahr bei 59,0 Prozent, das entspricht einer leichten Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 0,4 Prozentpunkte. Der Anteil der Windenergie lag bei insgesamt 27,4 Prozent, der Anteil der Solarenergie lag mit 18,2 Prozent erstmals vor der Braunkohle (14,0 Prozent). Der gesamte deutsche Stromerzeugung sowie der Stromverbrauch sind im Vergleich zu 2024 leicht gestiegen, beide Werte liegen aber weiter deutlich unter den Vor-Corona-Jahren.
Bemerkenswert: Die Deutschen erzeugen immer mehr Strom in ihren eigenen Haushalten. Der Eigenverbrauch von PV-Anlagen auf Haus- und Hallendächern beträgt mittlerweile 16,9 Terawattstunden (Twh), das entspricht 3,5 Prozent der gesamten deutschen Stromerzeugung. Der „wahre“ Eigenverbrauch liegt vermutlich noch einmal höher, weil die ebenfalls beliebten Balkon- und Steckersolaranlagen in der Statistik nur unvollständig erfasst werden.
Eine Zahl zeigt vielleicht am besten, wie rasant der Ausbau von Wind und Solar in den letzten Jahren erfolgt ist: Seit 2022 ist so viel erneuerbare Leistung zugebaut worden wie von 7,3 durchschnittlichen Kernkraftwerken. Was die reine Leistung angeht, ist der Ausstieg aus den letzten drei verbliebenen Atomkraftwerken von 2023 also bereits mehr als kompensiert – in der Praxis jedoch lassen sich die Erzeugungsformen nur schwer vergleichen, was ihre Rolle im Energiesystem angeht.
2. Die Kohle verschwindet aus dem Stromsystem
Der Siegeszug von Wind und Solar geht zu Lasten vor allem eines Energieträgers: Der Kohle. Die gesamte Stromerzeugung aus Braun- und Steinkohle inklusive dem Eigenverbrauch in der deutschen Industrie lag im abgelaufenen Jahr bei 107 Terawattstunden, das ist der niedrigste Wert seit 1956.
Dadurch wird Deutschlands Strom auch immer „sauberer“: Im Jahr 2025 war die deutsche Stromerzeugung für 160 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich, im Jahr 1990 waren es noch 366 Millionen Tonnen – ein Rückgang um 56,3 Prozent. Allerdings stagnierte die Menge der ausgestoßenen Emissionen im Vergleich zu 2024.
3. ... aber ohne Gas und Kohle geht es nicht
Gleichzeitig zeigen die Daten aber auch, wo Deutschlands Energiewende noch an ihre Grenzen stößt. Denn noch immer ist die Bundesrepublik auf fossile Energieträger angewiesen. Der Anteil von Erdgas am deutschen Strommix ist im Vergleich zum letzten Jahr von 9,3 auf 10,9 Prozent gestiegen. In der öffentlichen Nettostromerzeugung – also der Teil, der ins öffentliche Netz eingespeist wird – ist sogar der Anteil der Steinkohle leicht gestiegen.
Das kleine Gas-Comeback hat drei Ursachen. Zum ersten wechseln mehr und mehr Erzeuger von Braunkohle zu Erdgas: Gesunkene Gaspreise und gestiegene CO2-Preise machen den sogenannten „Fuel Switch“ finanziell attraktiv. Paradoxerweise ist der gestiegene Gas-Anteil also gut fürs Klima, weil das Gas zum Teil einen noch schmutzigeren Energieträger ersetzt.
Zum zweiten mussten die fossilen Energieträger für Wind und Wasserkraft in die Bresche springen, die in diesem Jahr weniger Strom erzeugten als erhofft. Der Wasserkraft machten die niederschlagsarmen Wetterverhältnisse zu schaffen, der Windkraft verhagelten vor allem die Monate Februar bis April die Bilanz: In der Regel gelten die Wintermonate als verlässlichste Periode für Windstrom, das Jahr 2025 bildete hier allerdings eine Ausnahme.
Zum dritten hinkt der deutsche Ausbau der Erneuerbaren Energien den selbstgesteckten Zielen hinterher. Bei der Solarenergie hat die Bundesrepublik in diesem Jahr seine Ausbauziele im Großen und Ganzen erreicht, der Pfad in den nächsten Jahren wird jedoch anspruchsvoller.
Bei der Windenergie schwächelt Deutschland jedoch seit Jahren. Sowohl an Land („Onshore“) als auch zur See („Offshore“) wurden die Ausbauziele 2025 klar verfehlt.
Solar auf Kurs, Wind hechelt hinterher: Der spezielle deutsche Ausbau-Pfad macht die Energiewende wackliger. Denn Solar und Wind ergänzen sich gut: Wenn wenig Wind weht, scheint die Sonne – und wenn die Sonne nicht scheint, ist es meistens windig. Je stärker aber der Ausbau der Windkraft hinterherhinkt, desto eher müssen fossile Energieträger an sonnenarmen Tagen in die Bresche springen.
4. Deutschland importiert seinen Strom – aber womöglich nicht mehr lange
Jahrelang war Deutschland vor allem dank seiner großen Kohlekraftwerke ein sogenannter Nettoexporteur von Strom, verkaufte also mehr Strom ins Ausland als es von dort importierte. Das hat sich im Zuge der Energiewende geändert: 2023 markierte das erste Jahr, in dem Deutschland plötzlich mehr Strom aus dem Ausland einkaufte als dorthin verkaufte. Aus dem Netto-Exporteur ist ein Importeur geworden.
Auch 2025 war Deutschland ein Netto-Importeur von Strom, allerdings: Der Import-Anteil wurde kleiner. Statt 26,3 Terawattstunden (Twh) importierte die Bundesrepublik nur noch 21,3 Terawattstunden, das entspricht 4,8 Prozent des deutschen Stromverbrauchs. Der Grund liegt im deutschen Ausbau der Erneuerbaren Energien, sagt Energie-Experte Leonhard Gandhi vom Fraunhofer ISE zu FOCUS online Earth: „Der Ausbau senkt das Importsaldo, solange der weitere Ausbau ins Stromnetz integriert werden kann.“
Aber warum ist Deutschland plötzlich Importeur geworden? Produzieren wir nicht mehr genug Strom, um uns in den kalten Wintermonaten selbst zu versorgen – Stichwort Dunkelflaute? Der Gedanke ist naheliegend, doch die Daten zeigen etwas anderes. Tatsächlich importierte Deutschland den meisten Strom in den Sommermonaten, nicht im Winter.
Der Grund: Importstrom ist in den warmen Monaten besonders günstig, weil der Verbrauch dort stärker sinkt als die Produktion. Die französischen Kernkraftwerke zum Beispiel lassen sich nur schwer drosseln und produzieren gewissermaßen „zu viel“ Strom, auch die dänischen Windräder in der Nordsee und die Wasserkraftwerke in Norwegen sind in den Sommermonaten dankbar für Abnehmer. Die Konsequenz sind Niedrigpreise, mit denen ein deutsches Kohlekraftwerk nicht mehr mithalten kann.
Die Import-Umkehr hat ihre Ursache also im Markt, nicht in den deutschen Produktionskapazitäten. Die Bundesrepublik könnte jederzeit ihre eigenen Kohlekraftwerke anwerfen und die fehlenden 4,8 Prozent selbst produzieren. In vielen Fällen ist es nur günstiger geworden, andere die Arbeit machen zu lassen.
5. Die Strompreise steigen – und sinken
Aber was bedeutet das jetzt für die Strompreise? Zunächst einmal die schlechte Nachricht: Die sogenannten Börsenstrompreise sind im letzten Jahr gestiegen, von 78,01 Euro pro Megawattstunde (Mwh) auf 86,55 Euro pro Megawattstunde. Die Ursachen liegen vor allem in den gestiegenen CO2-Preisen sowie der stärkeren Nachfrage nach Gas.
Der Strompreis an der Börse hat jedoch nur wenig mit dem Endpreis zu tun, den Haushalte zahlen müssen. Nach Angaben des Verbraucherportals Verivox sind die Verbraucherpreise im letzten Jahr sogar gesunken und liegen jetzt auf dem Niveau von Januar 2021.
Strom wird billiger und gleichzeitig teurer – wie passt das zusammen? „Die Verbraucherpreise zeigen einen sehr deutlichen Verzug zu den Börsenstrompreisen“, erklärt Gandhi. „In 2025 sind die Endkundenpreise aufgrund der stark gesunkenen Börsenstrompreise in 2024 gesunken.“
Sprich: Die gestiegenen Erzeugungs- und Börsenpreise von 2025 werden bei Haushalten erst später durchschlagen. Zumal der Endkundenpreis auch in hohem Maße abhängig ist von steuerlichen und politischen Rahmenbedingungen, sagt Gandhi: Der Wegfall der EEG-Umlage etwa, die zukünftig aus Steuermitteln finanziert wird, „zeigt natürlich Wirkung und senkt die Endkundenpreise direkt.“
Prinzipiell hilft der Ausbau der Erneuerbaren Energien bei den Strompreisen: Wind und Solar haben die niedrigsten Erzeugungskosten aller Energieträger und verdrängen zusätzlich die teureren fossilen Energien aus dem Strommix. Auch die Daten zeigen: Je mehr Solar- und Windstrom im System sind, desto niedriger sind die Börsenstrompreise.
Ob dieser Preisvorteil dann bei den Kundinnen und Kunden ankommt, hängt von vielen Faktoren ab: Etwa ob Deutschland es schafft, seine Netze auszubauen, die Stromnetze zu digitalisieren, Batterien und andere Speicher zu integrieren. Hier gibt es noch einiges zu tun – aber die Daten verdeutlichen auch: Die Fortschritte bei der Energiewende sind unübersehbar.
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