Mit Toms Café hat der Prozess der Inklusion in der evangelischen Gemeinde Holzkirchen seinen Anfang genommen. Jetzt soll die gesamte Gemeinde ein barrierefreies Begegnungszentrum werden.
Kian von Düring kassiert gerade einen Cappuccino. Der 20-Jährige mit Down-Syndrom hat alle Hände voll zu tun an diesem Mittwochvormittag in Toms Café. Fast alle Tische sind reserviert, und weitere Gäste strömen in den Thomassaal der evangelischen Gemeinde an der Holzkirchner Haidstraße.
Bereits am Vorabend hatten freiwillige Helfer den leeren Saal in ein Café umgebaut. Es gibt eine attraktiv dekorierte Theke, an der Kian von Düring die Bestellungen für Waffeln, Muffins, herzhaft belegte Laugenstangerl, heiße Schokolade und andere Genüsse entgegennimmt. Sitzgruppen strukturieren den Saal mit seinen bodentiefen Fenstern. Mütter mit Kinderwagen, Väter, die gerade ihre Sprösslinge in den Kindergarten nebenan gebracht haben, Berufstätige, die einen schnellen Koffeinkick brauchen und Senioren kommen hierher. Zum Ratschen, Kaffee trinken und verweilen.
Blaupause für das Wir-Quartier
Doch nur auf den ersten Blick ist Toms Café ein normaler gastronomischer Betrieb. Tatsächlich handelt es sich um ein Projekt, dem der Inklusionsgedanke zugrunde liegt: Café-Leiterin Anne Langhirt arbeitet mit den Oberlandwerkstätten, Regens Wagner, der Eingliederungshilfe Anthojo und dem Asylhelferkreis zusammen, die Menschen mit Inklusionsbedarf als Mitarbeiter in Toms Café entsenden. „Die ursprüngliche Idee war, Menschen mit Behinderung sichtbar zu machen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen“, erklärt Langhirt.
Inzwischen umfasst der Inklusionsgedanke nicht mehr nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Flüchtlinge, psychisch Kranke, Einsame und Arme. Das vor 15 Jahren gegründete Toms Café ist die Blaupause für das sogenannte Wir-Quartier, das die evangelische Gemeinde schaffen will. Ziel ist, Inklusion an allen Tagen und in allen Bereichen der evangelischen Gemeinde selbstverständlich zu leben – und eben nicht nur temporär. „Aus unserem Gemeindehaus soll ein Begegnungszentrum werden“, erklärt Pfarrerin Ulrike Lorentz.
Inklusion setzt Mobilität voraus
Um das zu realisieren, ist die Gemeinde auf großes ehrenamtliches Engagement angewiesen – und auf Spenden, nicht zuletzt aus der Aktion „Leser helfen Lesern“. Der Thomassaal braucht eine bessere Ausstattung, beispielsweise mit schalldämmenden Gastronomiesofas, damit auch Hörgeschädigte sich unterhalten können. Die Stelle einer Quartiersmanagerin muss finanziert werden, die das Miteinander koordiniert. Fahrdienste beispielsweise zu den Flüchtlingsunterkünften müssen verbessert werden: „Inklusion setzt Mobilität voraus“, erklärt Pfarrerin Lorentz. Ideal wäre ein eigenes Fahrzeug.
Dass die Abläufe in Toms Café reibungslos funktionieren, liegt an einem durchdachten Konzept. Dazu gehören glatte Preise ohne Kommastellen, damit Mitarbeiter mit kognitiven Einschränkungen leichter kassieren können. Dazu gehört die Koordination des zwölf Köpfe zählenden Teams, das sich aus Ehrenamtlichen und Menschen mit Inklusionsbedarf zusammensetzt. Jeweils fünf arbeiten in zwei Schichten, darunter immer zwei Mitarbeiter mit Inklusionsbedarf. Dazu gehört ein System mit Bildkärtchen, auf denen die einzelnen Speisen und Getränke dargestellt sind. Jeder – Kinder, Analphabeten und Menschen ohne Sprachkenntnisse – kann diese Kärtchen verstehen.
Gerade bestellt eine junge Frau ein belegtes Laugenstangerl und einen Filterkaffee an der Theke. Kian von Düring legt die entsprechenden Kärtchen auf ein Tablett, fragt nach der Tischnummer und legt ein Kärtchen mit der Tischnummer ebenfalls darauf. Anschließend bringt eine Mitarbeiterin das Tablett zu Gisela Wagner. Die 65-Jährige mit Inklusionsbedarf bestückt das Tablett dann mit den gewünschten Speisen – und serviert es den Gästen am Tisch mit der entsprechenden Nummer. „Diese Arbeit macht mir viel Spaß“, sagt Gisela Wagner. „Viele unserer Gäste sind Stammgäste, und ich freue mich, sie zu sehen.“ Doch auch hinter den Kulissen ist sie tätig, räumt zum Beispiel Geschirr in die Spülmaschine und leert diese.
Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt
Für manche der Mitarbeiter mit Inklusionsbedarf ist Toms Café ein Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt. Anne Langhirt erzählt von einem jungen Mann, der nach längerem Praktikum in Toms Café jetzt eine Ausbildung im Altenheim macht. Nicht immer funktioniert das langfristig: Manche kehren zurück, weil ihnen die Anpassung an die reguläre Arbeitswelt zu viel abverlangt. Aber darauf kommt es gar nicht an. „Das Miteinander so vieler verschiedener Menschen schafft ein offenes Klima, ein Gefühl von Verbundenheit und Toleranz“, sagt Anne Langhirt. Für die 58-jährige Heilpädagogin können Toms Café – und das künftige Wir-Quartier – deshalb vor allem eines leisten: Einen Beitrag zum Frieden.