Arsenal im Schafspelz: Chinas unscheinbarer Frachter trägt 60 Abschusszellen

In den sozialen Medien kursieren seit Tagen Aufnahmen, die Militäranalysten weltweit aufhorchen lassen. Sie zeigen das chinesische Frachtschiff „Zhong Da 79“ im Hafen von Shanghai – doch statt harmloser Handelsgüter trägt der knapp 100 Meter lange Zubringer-Frachter eine Bewaffnung, die selbst moderne Fregatten in den Schatten stellt.

Das Fachportal „The War Zone“ identifizierte auf dem Deck des Schiffes eine massive Ansammlung von Waffensystemen, die hinter einer Fassade aus Standard-Containern versteckt sind.

Strategie der „Zhong Da 79“: Ein Arsenal-Schiff im Schafspelz

Die Analyse der Bilder offenbart das enorme Offensivpotenzial des Umbaus. Laut „The War Zone“ ist das Deck mit insgesamt 60 vertikalen Abschusszellen (VLS) bestückt. Zum Vergleich: Das entspricht etwa zwei Dritteln der Kapazität eines US-Zerstörers der Arleigh-Burke-Klasse.

Die Bewaffnung ist modular in Containern untergebracht:

  • 60 Raketenstartrohre: Aufgeteilt in Blöcke, die tief im Rumpf oder hinter Containerwänden sitzen.
  • Nahbereichsabwehr: Am Bug thront ein Typ 1130 CIWS (Close-In Weapon System) – eine 30mm-Gatling-Kanone zur Abwehr von Marschflugkörpern.
  • Sensortechnik: Ein großes, rotierendes Phased-Array-Radar sowie Täuschkörperwerfer (Typ 726) wurden auf Containerstapeln installiert.

Hybrid-Kriegführung: Chinas Griff nach der maritimen Vorherrschaft

Die „Welt“ zieht historische Parallelen zu einer deutschen Strategie aus dem Zweiten Weltkrieg: den sogenannten Handelsstörern wie der „Atlantis“. Diese Schiffe tarnten ihre Geschütze hinter Blenden, um unerkannt Jagd auf gegnerische Handelsschiffe zu machen.

China modernisiert dieses Konzept nun radikal. Die „Zhong Da 79“ verwischt die Grenze zwischen ziviler Schifffahrt und militärischer Operation. Für die USA und ihre Verbündeten stellt dies ein enormes Problem dar: Im Konfliktfall, etwa um Taiwan, könnte theoretisch jeder der tausenden chinesischen Frachter eine tödliche Bedrohung darstellen. Dies zwingt den Gegner zur „Überreaktion“ und bindet massive Aufklärungskapazitäten.

Militärische Bedeutung: Mehr als nur eine Attrappe?

Obwohl die Installationen laut Militärbloggern teilweise provisorisch wirken – etwa durch die Platzierung von Radarantennen auf Containerstapeln – ist die Botschaft Pekings klar. Die „Zhong Da 79“ könnte als „Picket Ship“ zur Luftverteidigung oder als mobile Raketenfalle fungieren.

Kritiker geben jedoch zu bedenken, dass ein Frachter keine echte Fregatte ersetzen kann. Ihm fehlen die strukturelle Härtung, redundante Systeme gegen Treffer und eine spezialisierte Crew zur Schadensbekämpfung. Dennoch zeigt der Umbau, wie effizient China seine riesige kommerzielle Flotte in die militärische Strategie integriert.

Technologisches Wettrüsten: Auch die USA setzen auf Container-Raketen

Interessanterweise ist die Idee der „Rakete im Container“ keine rein chinesische Exklusivität. Auch westliche Rüstungskonzerne wie Lockheed Martin haben mit dem MK 70 Payload Delivery System bereits Lösungen entwickelt, um Tomahawk-Marschflugkörper von herkömmlichen Lastwagen oder Schiffen aus zu starten. Mit der ‚Zhong Da 79‘ zeigt China eine neue Dimension der Gefahr: Noch nie wurde ein so kleines, harmloses Schiff mit einer so gewaltigen Menge an Raketen vollgestopft.

Hintergrund: Chinas Machtdemonstration vor Taiwan

Die technologische Aufrüstung erfolgt zu einem Zeitpunkt höchster diplomatischer Spannungen. Als Reaktion auf ein neues milliardenschweres US-Rüstungspaket für Taiwan lässt Peking mit dem Großmanöver „Mission Gerechtigkeit 2025“ militärisch die Muskeln spielen. In Luft- und Seegebieten rund um die Inselrepublik probt die Volksbefreiungsarmee dabei gezielt die Blockade wichtiger Häfen sowie das Erlangen der umfassenden Gefechtsüberlegenheit.

Kampfflugzeuge des Ostkommandos der chinesischen Volksbefreiungsarmee (PLA) führen während gemeinsamer Kampfübungen um die Insel Taiwan Operationen durch. China hat eine weitere Übung um Taiwan angekündigt.
Kampfflugzeuge des Ostkommandos der chinesischen Volksbefreiungsarmee (PLA) führen während gemeinsamer Kampfübungen um die Insel Taiwan Operationen durch. China hat eine weitere Übung um Taiwan angekündigt. Li Bingyu/Xinhua/dpa

Ein Sprecher des chinesischen Militärs bezeichnete die Übungen als „ernste Warnung“ gegen „separatistische Kräfte“. Während Taiwan das Vorgehen als „offene Herausforderung für das internationale Recht“ scharf verurteilt, untermauert China seinen Machtanspruch mit angekündigten Schießübungen in mehreren Zonen. Die Botschaft ist unmissverständlich: Peking betrachtet die Einverleibung der demokratisch regierten Insel als „legitime Maßnahme“ zur nationalen Einheit und erhöht den Druck auf die Region sowie die USA fast täglich.