Der russische Ex-Diplomat und Politik-Wissenschaftler Alexander Baunow kennt den Kreml-Despoten Wladimir Putin ziemlich gut. Er war von 1999 bis 2003 als Diplomat des Riesenreiches in Athen stationiert. In dieser Zeit fand der Machtwechsel von Boris Jelzin auf Putin statt. Baunow schrieb dann auch Reden für Putin.
Putin-Kenner: "Er war ein Versager"
In einem Interview mit der „Welt“ teilt Baunow, der mittlerweile in Berlin lebt, seinen Blick auf Putin, dessen Veränderungen im Amt und die Fehler des Westens. Den jüngeren Putin vor seiner Zeit als Politiker beschreibt Baunow als „kleines Licht“. Und weiter: „Er war ein Versager. Man sagte, seine Frau habe sich ständig beklagt deswegen, und Putin habe sie dafür gehasst.“
Baunow sagt der Zeitung, Putin habe zu Beginn seiner Amtszeit die jahrzehntelange Herrschaft nicht geplant. Auch die Zerstörung der Beziehungen mit dem Westen sei damals „undenkbar“ gewesen. Putin sei sogar sehr prowestlich eingestellt gewesen und habe nichts gegen ein demokratisches Russland gehabt. Vor allem habe Putin die Vorteile des Kapitalismus gesehen. „Er verstand, dass das verschlossene Sowjetsystem und seine Wirtschaft nicht funktioniert hatten, während das demokratische System dem Westen zum Sieg im Kalten Krieg verholfen hatte.“
„Versehentliche Autokratisierung“
Baunow zeichnet nach, wie erfolgreich Putins Wirtschaftspolitik gewesen sei. Das habe ihn sehr beliebt gemacht. Dann habe es eine „versehentliche Autokratisierung“ gegeben. Aus einer Anti-Kommunismus-Stimmung heraus sei in Russland der Wunsch nach einem harten Führer entstanden, der einen effektiven Kapitalismus aufbaue. Baunow zur „Welt“: „Gepaart mit den zusätzlichen Bedrohungen durch organisierte Kriminalität und Terrorismus begann damit die ‚versehentliche Autokratisierung‘: Der Staat sah immer mehr Bedrohungen, gegen die er meinte, vorgehen zu müssen.“ Daraus habe sich ein Kampf gegen die Oligarchen und die freie Presse entwickelt. „Und ehe man sich versah, war auch der Westen zur Bedrohung lanciert.“
Der „endgültige Bruch“ fand laut Baunow 2012 statt. Damals war Putin, nach einer Amtszeit als Ministerpräsident, wieder ins Amt des Präsidenten gewählt worden. „Es war der Übergang von einer autoritären Modernisierungsdiktatur zur Repressionsdiktatur“, sagt Baunow der Zeitung. Der Westen habe damals den Fehler gemacht, Putins Wiederwahl, die wohl manipuliert war, zu akzeptieren und den Kreml-Herrscher zu hofieren.
Und nun habe der Westen keinen Plan, wie man mit einem Russland nach dem Krieg in der Ukraine, um dessen mögliches Ende gerade gerungen wird, umgehe. „Die Europäer interessieren sich nicht für die Opposition, sie wollen Machthaber, die nach dem Krieg die Uhren zurückdrehen und wieder zur alten Tagesordnung übergehen. Aber diese Zeiten sind unwiederbringlich verloren.“
Das Putin-Paradox
Ein anderer Putin-Experte, der russische Soziologe Oleg Zhurawlew, hatte jüngst gesagt, dass die russische Bevölkerung ihrer Regierung treu ist, liege insbesondere am wirtschaftlichen Aufschwung in den frühen Kriegsjahren, am Zusammenhalt in dieser schweren Zeit und an der Alternativlosigkeit. Das paradox anmutende Gefühl der Russen gegenüber Putin beschrieb Zhurawlew so: „Wer außer ihm könnte den Krieg beenden? Wenn Putin weg ist, könnte es noch schlimmer werden."
Der Westen als Gegner und die verhängten Sanktionen verstärken demnach die Loyalität. Damit Proteste in der russischen Bevölkerung hochkochen können, braucht es laut Zhurawlew politische Mobilisierung, weniger staatliche Unterdrückung und die Hoffnung, dass diese Proteste überhaupt erfolgreich sein könnten.