Deutschland kämpft mit anhaltender Wirtschaftsschwäche. Branchenvertreter identifizieren zahlreiche selbstverschuldete Herausforderungen. Gibt es Perspektiven?
Berlin – Das Handwerk blickt besorgt ins kommende Jahr. „Ich möchte keinen Alarmismus betreiben. Aber die Stimmung ist sehr schlecht“, erklärte Jörg Dittrich, Vorsitzender des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Er mahnte Strukturreformen für verstärktes Wirtschaftswachstum an.
„Die Demokratie hat immer geliefert, wenn sie musste. Jetzt ist wieder so ein Moment, in dem wir liefern müssen, wenn wir unsere Freiheit und unsere Demokratie erhalten wollen.“ Die deutsche Volkswirtschaft durchlebt bereits seit Jahren eine Schwächeperiode. Auch für das neue Jahr zeichnet sich keine merkliche Erholung ab.
Quo vadis, deutsche Wirtschaft? Handwerks-Präsident schlägt Alarm
Die Merz-Regierung startete mit hohen Erwartungen und großem Vertrauenskredit, so der Handwerkspräsident. „Von dieser Euphorie ist, vorsichtig formuliert, viel verloren gegangen. Wir sind in der Mühe der Ebene angekommen. Umso wichtiger ist es, dass sich Politik und Gesellschaft bewusst machen, dass die Dringlichkeit von Reformen nicht nachgelassen hat.“ Deutschland befinde sich in einem harten, globalen Konkurrenzkampf.
„Es geht um ein Gesamtpaket, das wir entschlossen angehen müssen“, betonte Dittrich. „Spätestens 2026 dürfen wir uns nicht länger davor drücken. Wenn wir jetzt nicht handeln, verschärfen sich die Verteilungskonflikte weiter mit spürbaren Wohlstandsverlusten, die wir bereits heute erleben: Arbeitsplätze gehen verloren, und die Finanzierung unserer Krankenkassen gerät zunehmend unter Druck.“
Daher seien alle Verantwortungsträger aufgerufen, ihrer Pflicht nachzukommen und Reformbereitschaft zu demonstrieren. „Wir alle müssen raus aus einer gewissen Bequemlichkeit und Vollkasko-Mentalität. Denn wenn wir nichts ändern, drohen weiterer Abschwung, härtere Verteilungskämpfe“, warnte Dittrich. Dies stärke letztendlich populistische Kräfte.
Merz-Regierung in der Pflicht: Was versprochen wird – und was eingehalten wird
„Für die innere Verfasstheit unserer Gesellschaft und Demokratie ist es wichtig, dass die Wirtschaft wieder ins Wachstum kommt, damit wir die ökonomische Basis haben, um unsere Werte und Ansprüche an ein Sozialsystem umsetzen zu können, erläuterte Dittrich.
„Wir müssen insgesamt flexibler werden. Ein Beispiel ist die Arbeitszeit-Flexibilisierung. Ich kenne die Sorgen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Aber mein Ansatz ist: ‚Lassen Sie es uns einfach mal ausprobieren‘“, sagte der Verbandschef. „Und wenn wir sehen, dass es zu Fehlentwicklungen kommt, dann müssen wir gegensteuern.“
Die Koalition aus CDU, CSU und SPD hatte im Koalitionsvertrag angekündigt, wöchentliche statt täglicher Höchstarbeitszeiten zu ermöglichen. Gewerkschaften widersprachen und befürchten eine Schwächung des Arbeitszeitgesetzes. Dittrich nannte Vertrauen als zusätzlichen Faktor: „Davon wird in der Politik jetzt häufig gesprochen, aber in den Amtsstuben ist es oft nicht angekommen. Dort wird an Kontrollen, Nachweisen und Dokumentationspflichten festgehalten. Wir brauchen wieder mehr Vertrauen in unternehmerisches Arbeiten und Handeln.“
„Stille Sterben von Betrieben“: Experte spricht Klartext
Im Handwerk herrsche momentan eher Stagnation. „Der Beschäftigungsabbau ist nicht so stark wie in der Industrie, aber auch im Handwerk verlieren wir Arbeitsplätze, in der Regel nur leiser und schleichend durch das stille Sterben von Betrieben. Die Sorgenfalten sind in vielen Handwerksbranchen genauso tief.“ Das Handwerk gewinne jedoch weiter an Anziehungskraft. Dies zeigten die im Vergleich zu anderen Wirtschaftssektoren leicht wachsenden Ausbildungszahlen.
Das Lohnniveau werde weiter ansteigen – nicht nur durch den Mindestlohn, sondern auch durch den Fachkräftewettbewerb infolge des demografischen Wandels, prognostizierte der ZDH-Vorsitzende. „.Das wird sich auch auf die Preisentwicklung auswirken. Es ist nicht realistisch zu erwarten, dass Handwerkerleistungen künftig günstiger werden“ (Quellen: dpa) (han)