Experten haben jüngst kritisch über Omega-3-Kapseln berichtet und damit einer weit verbreiteten Skepsis Auftrieb gegeben: Sind die millionenfach verkauften Fischöl-Präparate nur teure Placebos? Als Orthopäde und Sportmediziner kann ich diese pauschale Antwort nicht teilen. Die Antwort ist deutlich differenzierter – und für Arthrose- und Rheuma-Patienten höchst relevant.
Das Problem mit den großen kardiovaskulären Studien
Die Experten beziehen sich vor allem auf große amerikanische Studien wie ASCEND und VITAL, die zeigten, dass Standard-Fischölkapseln herzgesunden Menschen nicht viel bringen. Das ist wissenschaftlich korrekt – aber es ist auch nicht das volle Bild.
Diese Studien hatten ein fundamentales methodisches Problem: Sie kontrollierten nie, ob die Testpersonen die Omega-3-Fettsäuren überhaupt aufnahmen. Die Spiegel der Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA, die der Körper nicht in ausreichenden Mengen herstellen kann und die über die Ernährung oder Nahrungsergänzungsmittel aufgenommen werden müssen, im Blut wurden nicht gemessen.
Das Resultat? Bis zu 80 Prozent der Versuchspersonen in Omega-3- und Placebo-Gruppen hatten identische Blutfettsäure-Spiegel – wie soll eine Intervention funktionieren, wenn man gar nicht weiß, wer sie erhalten hat?
Stellen Sie sich vor, eine Studie würde prüfen, ob Insulin bei Diabetes hilft, ohne jemals den Blutzucker zu messen. Genau das ist hier passiert.
Orthopädische Evidenz ist viel robuster
Aber es gibt ein ganz anderes Feld, wo Omega-3-Fettsäuren nachweislich funktionieren: die Gelenkgesundheit.
Eine chinesische Metaanalyse untersuchte neun hochwertige klinische Studien mit insgesamt 2070 Arthrose-Patienten. Das Ergebnis: Omega-3-Supplementierung reduzierte Arthrose-Schmerzen deutlich und verbesserte die Gelenkfunktion – sicher und ohne erhöhte Nebenwirkungen. Die Schmerzreduktion lag zwischen 41 und 56 Prozent, vergleichbar mit etablierten Schmerzmitteln.
Bei rheumatoider Arthritis ist die Evidenz noch überzeugender. Forscher analysierten 18 hochwertige Studien mit über 1000 Rheuma-Patienten: Omega-3-Supplementierung senkte die Krankheitsaktivität messbar, reduzierte die Anzahl schmerzhafter Gelenke und verbesserte sogar die Blutfettwerte. Das ist keine Propaganda – das sind Daten aus renommierten medizinischen Journalen.
Warum Omega-3 bei Arthrose wirkt
Der biologische Mechanismus ist elegant: Arthrose ist im Grunde ein chronischer Entzündungsprozess. Die Gelenke schmerzen, weil Entzündungsstoffe (Prostaglandine und Leukotriene) kontinuierlich Knorpel abbauen und Schmerz verstärken.
Hier greifen EPA und DHA ein, die Langketten-Omega-3-Fettsäuren aus Fischöl. Sie verdrängen eine Substanz namens Arachidonsäure aus Zellmembranen und blockieren so die Produktion dieser entzündungsfördernden Botenstoffe. Gleichzeitig fördern sie die Bildung von Resolvinen und Protectinen – spezialisierte Moleküle, die Entzündungen aktiv beenden. Das ist nicht Schmerzunterdrückung, sondern Entzündungsauflösung.
Besonders interessant: Wenn Arthrose-Patienten Omega-3 zusammen mit Glucosamin nahmen, war die Wirkung überlegen als jeweils einzeln. Nach 26 Wochen zeigten Patienten mit der Kombination nicht nur mehr Schmerzreduktion, sondern auch deutlich bessere Beweglichkeit.
Die richtige Dosis ist entscheidend
Hier liegt ein großes Problem: Die meisten über-den-Tisch-Fischölkapseln enthalten nur 0,5 bis ein Gramm Omega-3 pro Tag. Das ist wie die homöopathische Dosis – wissenschaftlich zu niedrig, um wirksam zu sein.
Für therapeutische Effekte brauchen Sie bei Arthrose mindestens 1000 bis 2000 mg EPA+DHA täglich, mit erhöhtem EPA-Anteil (mindestens 50 Prozent), da EPA die stärkere entzündungshemmende Wirkung hat. Bei rheumatoider Arthritis sollten es sogar 3000 mg täglich sein – das ist etwa drei- bis sechsmal höher als Standard-Kapseln liefern.
Das erklärt auch, warum viele Menschen sagen „Fischöl hat mir nichts gebracht": Sie haben zu niedrig dosiert.
Worauf Sie beim Kauf achten sollten
Die Experten warnem zurecht vor Qualitätsproblemen. Fischöl kann oxidieren, ranzig werden und sogar Schadstoffe enthalten. Was Sie beachten sollten:
- Hochkonzentrierte Präparate wählen: Nicht unter 1200 mg EPA pro Kapsel. Das reduziert die tägliche Kapselanzahl.
- Triglycerid-Form: Das ist die natürliche Darreichungsform mit besserer Aufnahme. Meiden Sie Ethylester-Formen.
- Lagerung ist kritisch: Fischöl muss kühl und dunkel gelagert werden – am besten im Kühlschrank. Nach dem Öffnen verbrauchen Sie es zügig.
- Qualitätssiegel prüfen: Zertifizierungen wie MSC (Marine Stewardship Council) oder Friend of the Sea garantieren nachhaltigen Fischfang ohne Umweltschäden. Laboranalysen sollten Schwermetallfreiheit bestätigen.
- Alternative zu Fischöl: Algenöl-Präparate (gewonnen aus Mikroalgen, nicht aus Fisch) bieten vegane EPA+DHA ohne Fischgeschmack und mit geringerem Verschmutzungsrisiko.
Die Realität des Omega-3-Marktes
Ja, es gibt viele minderwertige Omega-3-Präparate auf dem Markt. Ja, die Dosierungen sind oft zu niedrig. Und ja, bei herzgesunden Menschen ohne manifeste Erkrankung bringen Standard-Dosen nicht viel.
Aber: Für einen Arthrose-Patienten mit Knieschmerzen, für jemanden mit rheumatoider Arthritis oder für einen ambitionierten Sportler mit hohem Trainingsaufwand ist hochdosiertes, qualitativ hochwertiges Omega-3 keine Geldverschwendung – sondern eine evidenzbasierte Therapiekomponente.
Die Empfehlung des Orthopäden
Kombinieren Sie Omega-3 mit dem wichtigsten Faktor – regelmäßige, gelenkschonende Bewegung (Schwimmen, Radfahren, gezieltes Krafttraining). Eine entzündungshemmende Ernährung mit zwei bis drei Portionen fettreichem Fisch pro Woche (Lachs, Makrele, Sardinen) ist ideal; wer das nicht mag, braucht hochwertige Ergänzungsmittel.
Die Skepsis der Experten ist berechtigt – gegen minderwertige, niedrig dosierte Standard-Präparate. Aber sie wird der wissenschaftlichen Realität nicht ganz gerecht, wenn man spezifische Patientengruppen betrachtet, bei denen Omega-3 nachweislich funktioniert.
Als Arzt möchte ich präzise sein: Nicht alle Menschen brauchen Omega-3-Supplements. Herzgesunde Menschen ohne Gelenkprobleme können sparen. Aber Arthrose-Patienten, Menschen mit Rheuma und ambitionierte Sportler? Für sie ist hochdosiertes, hochwertiges Omega-3 ein wichtiger Baustein der Therapie – wenn die Dosierung stimmt und die Qualität passt.
Dr. Markus Klingenberg ist ein erfahrener Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, spezialisiert auf arthroskopische Eingriffe und Fußchirurgie. Er leitet die Abteilung für Arthroskopie an der Beta Klinik in Bonn. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.