Korallenriffe weltweit sterben ab. Sogar der erste Klima-Kipppunkt wurde gerissen, das Überleben für viele Korallenriffe gilt aus ausgeschlossen – doch in Indonesien gibt es ermutigende Zeichen der Erholung.
Seit 2011 forscht das "Mars Sustainable Solutions-Team" des Nahrungsmittelkonzerns Mars an Methoden zur Riff-Wiederaufforstung. Das Mars Assisted Reef Restoration System (MARRS) nutzt sechseckige Stahlgerüste („Reef Stars“), die mit Korallensand beschichtet und mit lebenden Korallenfragmenten besetzt werden, um zerstörte Riff-Areale wiederherzustellen.
Meeresbiologin Dr. Ines Lange untersuchte die restaurierten Riffe. Ihre Studie zeigt, dass die Riffe nicht nur Korallenbedeckung, sondern auch volle ökologische Funktionen – wie Karbonatproduktion – wiederherstellen, vergleichbar mit gesunden Riffen. Im Interview mit FOCUS online Earth schildert sie, wann Aufforstungsprojekte gelingen können – und warum sie weiter optimistisch bleibt.
FOCUS online Earth: Der globale Kipppunkt für Korallenriffe ist bereits gerissen – lohnt sich Hilfe für Korallen überhaupt noch?
Dr. Ines Lange: Es ist ja so, dass die Auswirkungen der Erwärmung nicht überall gleich sind auf der Welt. Es gibt immer wieder Regionen, die ein bisschen besser angepasst sind an hohe Temperaturen. Oder Korallen, die in einer Umgebung wohnen, wo ab und zu mal ein bisschen kaltes Wasser von unten kommt, das ihnen beim Überleben einer Hitzewelle hilft. Das heißt, es werden jetzt nicht alle Korallen auf einmal aussterben.
Es lohnt sich daher immer, die Korallenriffe zu schützen. Zum Beispiel kann man durch geschützte Gebiete versuchen, lokale Einflüsse wie Verunreinigungen von Land oder Überfischung zu vermeiden, damit die Riffe möglichst widerstandsfähig sind gegen die nächste Hitzewelle. Und es lohnt sich weiter zu forschen, wie man zerstörte Riffe am besten wieder aufforsten kann.
Ein Kritikpunkt ist, dass die Größe von solchen Aufforstungsprojekten sehr klein, ist im Vergleich zu dem, was verloren geht.
Dr. Ines Lange: Das ist natürlich ganz klar, trotzdem kann es lokal einen riesengroßen Unterschied machen, zum Beispiel wenn man jetzt das Riff in Indonesien sieht. Das macht einen riesengroßen Unterschied als Küstenschutz für diese Insel selbst und für die lokalen Fischer als Nahrungs- und Einnahmequelle.
Wie verändern sich Korallenriffe durch den Klimawandel?
Dr. Ines Lange: Die Veränderungen sind stark und in vielen Regionen schon deutlich zu sehen. Es gibt zwar manche Arten, die nicht ganz so empfindlich sind gegenüber der Erwärmung. Das sind zum Beispiel massive oder krustenartig wachsende Korallen. Die wachsen allerdings langsamer als die empfindlichen verzweigten Korallen.
In einem gesunden Riff braucht man die Kombination von vielen Korallen, weil sozusagen jede Korallenart eine bestimmte Funktion erfüllt. So wie verschiedene Gebäude in der Stadt. Durch die Erwärmung gehen manche Arten und damit die Diversität verloren. Und man hat dann viel weniger Lebensraum für Fische und andere Tiere.
Welche Tierarten könnten aussterben, wenn es keine Korallen mehr gäbe?
Dr. Ines Lange: Die Tiere, die direkt von den Korallen als Nahrung oder Schutzort abhängen. Wir haben im Projekt in Indonesien zum Beispiel auf Falterfische geschaut. Die sind sehr an bestimmten Korallen als Nahrung interessiert und reagieren daher sensibel auf Änderungen in der Korallengemeinschaft. Wir haben gesehen, dass die restaurierten Riffe den Fischen im Gegensatz zu zerstörten Arealen wieder Lebensraum bieten.
Wie können Aufforstungsprogramme gelingen?
Dr. Ines Lange: Ich glaube, der Ort macht sehr viel aus. Wenn aus einem bestimmten Grund Korallen sterben, bringt es nichts, diese einfach wieder einzubringen, wenn man das Problem nicht löst. Manchmal ist das Problem lokale Verschmutzung oder die Zerstörung der Riffstruktur durch Bombenfischerei wie in Indonesien – das kann man gut lösen. Wenn das Problem die Korallenbleiche durch den Klimawandel ist, dann kann man das lokal nicht besonders gut lösen. Das muss man global angreifen. Und ein weiteres wichtiges Thema ist die Methode.
Inwiefern?
Dr. Ines Lange: Ort und Methode spielen so ein bisschen zusammen. Bei einem Ort, wo immer noch ganz viele Larven hinkommen und die Umgebungsbedingungen perfekt sind, wo einfach die Struktur fehlt, kann man auch ein paar Steine reinschmeißen, und das würde schon helfen. In anderen Orten reicht das aber nicht. Das heißt, Methode und Ort müssen wirklich aufeinander abgestimmt sein.
Methodenmäßig gibt es ganz viele verschiedene Sachen. Es werden zum Beispiel Strukturen aus dem 3D-Drucker ausgebracht, aus verschiedenen Materialien. Das kann erfolgreich sein, weil es vielfältige Lebensräume bietet. Oder die Riffsterne, die bieten den befestigten Korallen viel Platz, Wasserbewegung und Nährstoffe, den Fischen eine schützende Umgebung, und sie befestigen gleichzeitig das lose Material auf dem Boden. Diese Riffsterne sind auch lokal ziemlich günstig zu bauen. Ich glaube, das sollte immer beachtet werden, dass man die Aufforstung relativ günstig machen kann, damit man die Projekte auch auf einer relativ großen Größe stemmen kann.
Gab es in Ihrer Laufbahn auch mal einen Moment, an dem sie sich gedacht haben: „Das macht alles keinen Sinn?“
Dr. Ines Lange: Nein, hatte ich tatsächlich nicht, Gott sei Dank. Ich habe zum Beispiel in einem Gebiet im Indischen Ozean geforscht, das sehr stark betroffen war von der Korallenbleiche 2015/2016. Die ersten Male, als ich die Riffe gesehen habe, 2018, waren die Korallen eigentlich komplett tot und mir wurden immer erzählt, dass es die schönsten Riffe überhaupt gewesen seien. Ich habe gedacht, „Wow, das ist deprimierend“.
Aber jedes Jahr, wenn ich wieder hingegangen bin, wurde ich überrascht: Die Regeneration war unheimlich schnell, weil es keine lokalen Einflüsse gab. Und es hat mir immer mehr Mut gegeben, die Natur in Aktion zu sehen und zu wissen, die kann sich erholen, wenn ihr die Gelegenheit dazu gegeben wird.
Ich glaube, ich bin immer mehr auf der Seite der „Ocean-Optimism-Vertreter“. Also man muss genau hingucken, natürlich realistisch sein, was gerade passiert, aber auch den Mut nicht verlieren, um positive Veränderungen zu ermöglichen.