Terroranschlag am Bondi Beach: Der Höhepunkt einer antisemitischen Welle

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Antisemitische Vorfälle stiegen im vergangenen Jahr in Australien um mehr als 300 Prozent. Aber die öffentliche Debatte folgt einem problematischen Muster.

Sydney – Der 14. Dezember 2025 markiert einen schwarzen Tag in der australischen Geschichte. Am weltberühmten Bondi Beach in Sydney eröffneten zwei Angreifer – Vater und Sohn – das Feuer auf eine jüdische Chanukka-Feier. 16 Menschen starben bei diesem antisemitischen Terroranschlag, darunter einer der Täter.

Eine in eine israelische Flagge gehüllte Mutter tröstet ihre Tochter während einer Chanukka-Veranstaltung auf dem Fed Square in Melbourne.
Eine in eine israelische Flagge gehüllte Mutter tröstet ihre Tochter während einer Chanukka-Veranstaltung auf dem Fed Square in Melbourne. © Jay Kogler/dpa

Was als Feier des jüdischen Lichterfestes beginnen sollte, endete in einem Blutbad, das die australische Nation erschütterte und internationale Bestürzung auslöste.

Dramatischer Anstieg antisemitischer Angriffe seit dem 7. Oktober 2023

Der Anschlag am Bondi Beach ist jedoch kein isoliertes Ereignis, sondern der traurige Höhepunkt einer antisemitischen Welle, die Australien seit dem Hamas-Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 erfasst hat. Die Zahlen sprechen eine erschreckende Sprache: Zwischen Oktober 2023 und September 2024 registrierte der Executive Council of Australian Jewry (ECAJ) 2062 antisemitische Vorfälle – eine Steigerung um mehr als 300 Prozent im Vergleich zu den 495 Vorfällen in den zwölf Monaten zuvor.

Diese dramatische Entwicklung macht Australien laut dem Zentralrat der Juden zum Land mit dem höchsten Anstieg antisemitischer Vorfälle unter den größten jüdischen Diaspora-Gemeinden weltweit. Die Vorfälle reichen von verbalen und körperlichen Angriffen über Schmierereien und Vandalismus bis hin zu Brandanschlägen auf Synagogen und jüdische Einrichtungen.

Bedrohung für die jüdische Gemeinde in Australien

Australiens jüdische Gemeinde umfasst etwa 100.000 Menschen und ist damit laut World Jewish Congress die achtgrößte jüdischen Diaspora-Gemeinde weltweit. Juden machen etwa 0,4 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, aber sie sind Opfer von 33 Prozent aller Hassverbrechen. Viele Familien waren als Kriegsflüchtlinge nach Australien gekommen, in der Hoffnung, den Schatten des europäischen Antisemitismus endgültig hinter sich zu lassen.

Die aktuelle Welle trifft sie besonders hart. Alex Ryvchin, dessen Familie direkt angegriffen wurde, beschreibt in der Jüdischen Allgemeinen, wie antisemitische Vorfälle zu seinem Alltag gehören. Jüdische Schulen werden mit Hassbotschaften beschmiert, Kinder und Erwachsene leben unter ständiger Bedrohung.

Gezielte Angriffe auf Juden in Australien

Die Eskalation begann bereits unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023. Schon am 8. Oktober versammelten sich auf den Stufen des Sydney Opera House Demonstranten, sie riefen wiederholt „Gast die Juden“ und „Tötet die Juden“, wie das Newsportal allisraelnews berichtete.

Wie die Jüdische Allgemeine berichtet, wurden im Januar 2024 in Dover Heights, einem dicht besiedelten jüdischen Viertel Sydneys, mehrere Autos mit „F*** Jews“ besprüht, mit Benzin übergossen und angezündet – direkt vor dem Haus des Co-Vorsitzenden des ECAJ, Alex Ryvchin. Im Dezember 2024 ereignete sich ein Brandanschlag auf die Adass-Israel-Synagoge in Melbourne, der als vom Iran gesteuert eingestuft wurde. Auch jüdische Studierende berichten von anhaltenden Feindseligkeiten. Im Oktober 2024 wurde das Büro eines jüdischen Professors an der Universität Melbourne besetzt und verwüstet.

Islamisten im Fokus – Neonazis nutzen das Klima der Polarisierung

Berichten zufolge waren die Bondi-Angreifer pakistanisch-muslimischer Herkunft. Die australische Antisemitismus-Beauftragte Jillian Segal warnte bereits vor dem Bondi-Anschlag, dass aus Forderungen zur „Globalisierung der Intifada“, wie sie auf Anti-Israel-Protesten zu hören waren, nun Realität geworden sei.

Wie in anderen westlichen Gesellschaften auch werden antisemitische Vorfälle oft ausschließlich der islamistischen Szene zugeordnet. Doch die antisemitische Welle in Australien wird nicht nur von islamistischen Gruppen und pro-palästinensischen Aktivisten getragen, sondern auch von einer erstarkenden rechtsextremen Szene, die das aufgeheizte Klima geschickt für ihre Zwecke nutzt.

30 Prozent aller Terrorismusfälle in Australien sind Rechtsextremismus zuzuordnen

Am 8. November 2024 – nur wenige Wochen vor dem Bondi-Anschlag – marschierten etwa 60 schwarz gekleidete Rechtsextreme der Gruppe „White Australia“ vor dem Parlament von New South Wales in Sydney auf. Sie skandierten „Blut und Ehre“ und forderten die „Abschaffung der jüdischen Lobby“. Die Polizei ließ den Aufmarsch zu, was zu scharfer Kritik führte.

Nach Angaben der australischen Sicherheitsbehörde ASIO betreffen etwa 30 Prozent aller Terrorismusfälle in Australien den Rechtsextremismus, wie die Tagesschau berichtet. ASIO-Chef Mike Burgess warnte 2024 vor einer gestiegenen Anzahl von Neonazi-Sympathisanten und hob die Terrorismus-Bedrohungsstufe an.

Der Sündenbock-Mechanismus: Wenn die wahren Täter übersehen werden

Die öffentliche Debatte über den steigenden Antisemitismus in Australien folgt einem problematischen Muster: Während der Fokus reflexartig auf die muslimische Gemeinde gerichtet wird, gerät die wachsende Bedrohung durch organisierte Neonazi-Gruppen aus dem Blickfeld.

Diese Fokussierung verschleiert eine unbequeme Wahrheit: Australiens größte Neonazi-Organisation, das „National Socialist Network“ unter Führung des verurteilten Kriminellen Thomas Sewell, operiert seit 2020 mit explizit nationalsozialistischen und antisemitischen Zielen. Die Gruppe führt regelmäßig Aufmärsche durch, bei denen „Australia for the White Man“ skandiert und Nazi-Symbolik zur Schau gestellt wird.

Das Paradoxe dabei: Indem die Gesellschaft bei antisemitischen Vorfällen den Blick primär auf muslimische Täter richtet, schaffen islamistische Proteste und die daraus resultierende Polarisierung ein Klima, in dem Neonazi-Gruppen ihre eigenen antisemitischen Verschwörungstheorien vorantreiben können. So wird aus berechtigter Sorge vor islamistischem Antisemitismus ungewollt ein Schutzschild für die wahren Architekten des organisierten Judenhasses.

Politik im Angesicht der antisemitischen Bedrohung

Die australische Regierung reagierte auf die Eskalation der antisemitischen Bedrohung mit der Ernennung von einer Sonderbeauftragten gegen Antisemitismus sowie der Gründung einer Spezialeinheit der Bundespolizei.

Antisemitismus-Beauftragte Segal fordert jedoch entschlosseneres Handeln und verweist auf das Versagen, einen umfassenden Plan zur Bekämpfung des Judenhasses rechtzeitig umzusetzen. (Quellen: dpa, AFP, ECAJ, Zentralrat der Juden, allisraelnews, Tagesschau, Jüdische Allgemeine, World Jewish Congress, eigene Recherche) (sot)

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