"Taser, Taser", dann fällt Schuss: Neue Details zur niedergeschossenen 12-Jährigen

Am Freitagmorgen informierten NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) nebst der Staatsanwaltschaft sowie Familienministerin Josefine Paul (Grüne) auf einer Sondersitzung im Landtag über die neuesten Erkenntnisse in dem Fall. Noch immer besteht Lebensgefahr bei dem Mädchen. Eine dritte Operation steht für die nächsten Tage an. Aktuell sei das gehörlose Mädchen "wach und ansprechbar", berichtete Minister Reul. 

Vor den Schüssen habe die Zwölfjährige mit den Messern in der Wohnung auch ihren älteren Bruder in der Küche bedroht, führte Oberstaatsanwalt Benjamin Kluck aus Bochum aus. Dies hatte der ebenfalls gehörlose Bruder der Polizei berichtet.

Vermisste Diabetikerin brauchte dringend Insulin

FOCUS-online-Recherchen sowie die Schilderungen des Oberstaatsanwalts zu den bisherigen Ermittlungsergebnissen zeichnen folgenden Ablauf der Geschehnisse nach:

Gegen 0.30 Uhr am 17. November klingeln vier Streifenbeamte bei einer Wohnung in Bochum. Die Beamten suchen ein zwölfjähriges Mädchen. Vermutlich hält sich das Kind bei ihrer Mutter auf. Betreuer einer Jugendeinrichtung in Münster haben das Kind als vermisst gemeldet.

Die Schülerin ist zuckerkrank, braucht täglich Insulin-Spritzen. Das Familiengericht hat der Mutter das Sorgerecht entzogen. Wie FOCUS online aus Sicherheitskreisen erfuhr, soll sie nicht darauf geachtet haben, ihre Tochter mit Insulin zu versorgen, sodass die Diabetikerin in einem Fall tagelang in einer Klinik wegen einer lebensbedrohlichen Überzuckerung verbringen musste. Zu dem konkreten Vorfall will sich der Anwalt der Tochter nicht äußern.

Am Tag nach der Vermisstenanzeige deuten Hinweise darauf hin, dass die Schülerin zu ihrer Mutter nach Bochum geflohen ist. Zwei Streifenwagen begeben sich zur Wohnadresse. Als niemand die Tür aufmacht, ordern die Einsatzkräfte einen Schlüsseldienst.

Gehörlose Mutter verstand den Einsatz nicht

Gegen 1.30 Uhr öffnet die Mutter dann doch. Die Beamten versuchen, ihr klarzumachen, dass sie das Kind zur Jugendeinrichtung zurückbringen wollen, um eine medizinische Versorgung zu gewährleisten.

Als ihre Mutter den Einsatzkräften den Weg versperrt, holen die Beamten sie raus auf den Treppenflur. Die Frau versucht sich laut Staatsanwaltschaft loszureißen und wird zu Boden gebracht. Der Dienstgruppenleiter soll der serbischstämmigen, ebenfalls gehörlosen Mutter, die kaum Deutsch spricht, einen Zettel vors Gesicht gehalten haben. Darauf steht, dass der Einsatz nur dem Zweck diene, ihre Tochter abzuholen, um sie in das Heim zurückzubringen.

Zwei Polizisten betreten dann die Wohnung und vernehmen laute Geräusche aus der Küche, so als wühle jemand in Schubladen nach Messern. Einsatzkräfte warnen ihre anderen beiden Kollegen, bevor sie wieder die Wohnung verlassen. Die Streifenbeamten verteilen sich auf den oberen und den nach unten führenden Treppenabsatz – drei von ihnen haben die Dienstpistole im Anschlag.

"Taser, Taser, Taser" – dann fiel der Schuss

Während der Einsatzleiter sich noch mit der Mutter beschäftigt, soll in seinem Rücken ein Tumult ausgebrochen sein. Plötzlich soll die Tochter mit zwei Küchenmessern in der linken Hand auf die Beamten zugestürmt sein. Der Dienstgruppenleiter zückt sein Elektroimpulsgerät, als sich die Distanz zur Angreiferin bis auf unter drei Metern verringert.

"Taser, Taser, Taser", warnt er seine Kollegen, dann löst er das Impulsgerät aus. Dabei bekommt er nicht mit, dass einer seiner Kollegen gleichzeitig einen Schuss abgefeuert hat. Das Projektil trifft das Kind in die Brust. Getroffen sackt es zu Boden. Im Hintergrund haben zwei weitere Streifenbeamte ebenfalls ihre Waffen in Anschlag gebracht. Sofort leisten die Beamten Erste Hilfe, das Mädchen kommt in eine Klinik.

Reul verteidigt fehlenden Bodycam-Einsatz

Wie sich herausstellt, hat keiner der vier Polizisten seine Bodycam eingeschaltet. "Die Polizisten sind in diesen Einsatz gegangen, um dem Mädchen Zugang zu seinen Medikamenten zu ermöglichen. Es bestand kein Grund, von einer drohenden Gefahr auszugehen. Das ist für den Einsatz der Bodycam in Wohnungen aber Voraussetzung", bekundete Innenminister Reul kürzlich gegenüber der Rheinischen Post.

Nach FOCUS-online-Recherchen existiert jedoch ein anderes Beweismittel, das den Tatablauf dokumentieren soll. Während des Einsatzes bestand teils Funk-Kontakt zur Leitstelle in Bochum. Diese Audioaufnahme könnte weitere Aufschlüsse über die Ereignisse in jener Nacht liefern.

Inzwischen haben zwei Beamte, die im Hintergrund agierten, bereits zum Geschehen ausgesagt. Im Gegensatz zu dem Schützen und dem Einsatzleiter, der den Taser ausgelöst hat, gelten sie nur als Zeugen.

Gegen den Schützen wird wegen versuchten Totschlags und gegen den Dienstgruppenleiter nach seinem Tasereinsatz wegen Körperverletzung im Amt ermittelt. Strafverteidiger Michael Emde, der den Einsatzleiter vertritt, sagt auf Anfrage, dass er aufgrund der Schilderungen seines Mandanten keine "strafbare Handlung erkennen kann". Da der Schütze Sohn eines Staatsanwalts in Bochum ist, wurde das Verfahren aus Neutralitätsgründen an die Anklagebehörde in Hagen abgegeben.

Mutter bestreitet Angriff: Zweifel an Polizeiversion

Der Anwalt des angeschossenen Kindes sieht dies anders. Die Darstellung von Polizei und Staatsanwaltschaft sei falsch: "Den Gesundheitszustand konkret als kritisch, aber stabil zu bezeichnen, während meine Mandantin um ihr Leben kämpft und ohne, dass zuvor eine Weitergabe von medizinischen Details an die Behörden erfolgte, schafft auf Seiten der Familie meiner Mandantin jedenfalls kein Vertrauen in eine objektive Ermittlung der Geschehnisse und lässt an der Neutralität der ermittelnden Behörden leider grundlegend zweifeln", betont Simón Barerra González.

Ferner hätten die Mutter seiner Mandantin und der Sohn den Sachverhalt ganz anders geschildert. "Die Mutter wurde zu Boden gezerrt und mit Handschellen fixiert, obwohl sie keinen Widerstand geleistet hat. Auch gibt es keine Hinweise dafür, dass meine Mandantin die Polizisten mit Messern angreifen wollte." Gewiss habe es die Messer gegeben, aber nicht in der Absicht, die Polizisten anzugreifen. Der Bericht des Anwalts widerspricht der Darstellung des Sohnes der Familie. Der Bruder der angeschossenen Schülerin hatte berichtet, dass seine Schwester schon ihn bereits mit den Messern bedroht habe. 

Reul warnt vor voreiligen Schlüssen

Innenminister Reul mahnte auf der Sondersitzung, keine voreiligen Schlüsse zu dem Einsatz zu ziehen: "Auch wenn es schwerfällt, sollten wir den Ermittlungsbehörden – der Polizei Essen, der Staatsanwaltschaft – die Zeit geben für ihre gründlichen Ermittlungen."

Bereits jetzt schon dürfte aus Sicht des CDU-Politikers klar sein, "dass in diesem Fall keiner der Beteiligten im Vorfeld mit diesem weiteren Verlauf des Einsatzes gerechnet hat". Und weiter: "Ich bin mir sicher, auch die eingesetzten Polizistinnen und Polizisten – vor allem der Schütze – hätten sich einen ganz anderen Ausgang gewünscht. Das geht ja nicht spurlos an einem Polizisten vorbei, sondern arbeitet mit Sicherheit ganz schön in ihm, wenn er ein Mädchen durch seinen Schuss lebensgefährlich verletzt – das ist doch klar."

Die SPD-Opposition stellt nach der Sondersitzung die Frage, warum kein Gebärdendolmetscher zu dem Einsatz gerufen wurde. Entsprechende Kontakte seien in den Leitstellen hinterlegt, räumte Reul ein.

"Aber sind die auch in der Nacht erreichbar? Und welche Gebärdensprache werden davon abgedeckt?"

Es gebe 100 verschiedene davon, erklärte Reul. Zugleich kündigte der Minister an, sich in der nächsten Woche auch mit dem Deutschen Gehörlosenbund und dem Landesverband der Gehörlosen- und Gebärdensprachengemeinschaft auszutauschen.