Opfer des Naziregimes sind keine Zahlen, sondern Menschen, die Nachbarn waren und deren Namen und Lebensorte zu erinnern sind. So wie Georg Kößl, der militärgerichtlich verurteilt, am 24. November 1939 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde. Am vergangenen Sonntag, einem 9. November, dem Schicksalstag in der Geschichte Deutschlands, ist im Gedenken an ihn der fünfte Stolperstein in Schongau enthüllt worden.
Schongau – In ihren Ansprachen verwoben Bürgermeister Falk Sluyterman, Stadträtin und Mitinitiatorin Bettina Buresch und Initiator Ronald Sinda Geschichte, das Werden von und die Gefahren für eine Demokratie mit dem Leben und Sterben Georg Kößls. Wörtern wie Leid, Schuld, aber auch Hoffnung und Glaube gebe Kößl ein Gesicht, sagte Sinda.
Stolperstein für Georg Kößl: Mahnung an die Schongauer
„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitierte Bürgermeister Sluyterman aus dem Talmud und blickte auf drei Ereignisse des 9. Novembers zurück: 1918, als das Ende des Kaiserreiches und die Republik gleich an zwei Orten in Berlin ausgerufen wurden; 1938 die Reichspogromnacht; 1989 fiel an diesem Tag die Mauer. Der Stolperstein für Georg Kößl, einen Sohn Schongaus, den Vater von zwei Söhnen, den musikalisch Begabten, den Papiermaschinengehilfen, den Imker, solle auch Mahnung an die Schongauer sein.
Buresch blickte auf Kößl, den bekennenden Zeugen Jehovas, als den „Mann, der aufrecht in den Tod ging“; sie verband seine Hinrichtung mit den Opfern vieler, die für ihre religiösen und politischen Ideale starben, und rief zum Schutz der Demokratie auf.
Sinda sprach sichtbar bewegt über politische Hintergründe, religiöse Werte, aber auch die Auswirkungen auf die Familie. Mit der Verweigerung des Dienstes an der Waffe und des Treueschwurs auf Hitler fiel Kößl unter das Kriegssonderstrafrecht. Das bedeutete seit März 1939 die Todesstrafe.
Noah, ein Enkel von Georg Kößls Sohn Henoch, las aus Zeitdokumenten und auch aus Kößls Abschiedsbrief an Ehefrau Marie, den ein Pfarrer aus dem Gefängnis Plötzensee geschmuggelt hatte. Jahrzehnte später fand Sinda diesen im Nachlass eines Freundes und machte sich auf Spurensuche. Die führte ihn auch an das Kriegerdenkmal beim Heiliggeist-Spital und im Februar 2025 mit einem Urenkel Kößls, dem Historiker Rainer Heiss, mit der Idee des Stolpersteins vor den Bau- und Umweltausschuss (wir berichteten).
In seiner Rede arbeitete Sinda heraus, dass die Glaubensentscheidung Kößls eine Entscheidung für „seinen Gott Jehova als allmächtigem Gott und für Jesus, seinen einzigen Heilsbringer war“. Mit rein „menschlichem Denken“, sei Georg Kößls Entscheidung, gemessen an den Folgen für seine Familie, nicht zu erfassen.
Schwere Zeit für Hinterbliebene
„War Kößl selbstsüchtig?“, fragte Sinda, als er auf das Schicksal der Witwe und der Söhne zu sprechen kam. Er streifte Kößls sechs Monate Haft 1936 wegen seiner Bibelauslegung als Bibelforscher und Kößls Zeit im Gebirgsbataillon. Die späteren Verfahrens- und Hinrichtungskosten sowie die Lebenshaltungskosten ohne Anspruch auf Witwen- und Waisenrente lasteten schwer auf der jungen Frau. Sie habe Georgs Sohn Georg junior und den gemeinsamen Sohn Henoch in Familien der Umgebung gegeben, um ihnen so Schutz und Auskommen zu sichern.
Dieser Festakt war nicht nur ein Festakt wider das Vergessen, sondern ein Weckruf in unsere Zeit hinein. Oder wie Heiss zitierte: „Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist verurteilt sie zu wiederholen.“
Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig sind ein Ausdruck von Erinnerungskultur. Vier Stolpersteine erinnern auf dem Marienplatz vor den Schrimpf-Häusern an das Schicksal der jüdischen Familie Kugler. Der Stolperstein für Georg Kößl an seinem Wohnhaus, heute unter der Adresse Lechvorstadt 5, ist der fünfte in Schongau.
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