Der Schongauer Georg Kössl war ein Zeuge Jehovas. Dass er den Militärdienst verweigerte und den Treueschwur auf Adolf Hitler ablehnte, kostete ihn das Leben. Am 24. November 1939 wurde der Vater zweier kleiner Kinder im Alter von 37 Jahren im Strafgefängnis Plötzensee durch das NS-Regime ermordet. Fortan soll ein Stolperstein an seinem Wohnhaus, heute unter der Adresse Lechvorstadt 5 ,an ihn erinnern.
Schongau – „Das ist schwer von euch Abschied zu nehmen“, schrieb Kössl in der Nacht vor seiner Hinrichtung an seine Frau, mit der er einen zu diesem Zeitpunkt zweijährigen Sohn hatte. Einen knapp zehnjährigen Buben hatte der Schongauer mit in die Ehe gebracht, nachdem seine erste Frau im Kindbett verstorben war.
„Ich weihte mein Leben Jehova“
Bis zum Gang an die Guillotine hätte Kössl wohl einlenken und sein Leben retten können. Doch er entschied sich dagegen. „Es muss sein, denn mein Leben weihte ich Jehova meinem Gott und ich freue mich, für Ihn leiden zu dürfen und auch mein Leben für ihn zu geben.“ So stand es in dem Abschiedsbrief, den Ronald Sinda jüngst im Nachlass eines Freundes in Wessobrunn entdeckte. „Ich sitze diese ‚letzte Stunde‘ Nacht in der Zelle mit zwei Beamten als Aufsicht und noch fünf Stunden bis zu meinem Ableben. Am 24.11.39 früh 6 Uhr bin ich stille im Herrn meinem Gott!“
„Georg Kössl war ein Bürger dieser Stadt, der für seine Überzeugung gestorben ist“, fasste Bettina Buresch (Grüne) am Dienstag im Bau- und Umweltausschuss zusammen. Sie hatte das Thema des Stolpersteins für Georg Kössl ins Gremium eingebracht, nachdem Sinda sich an sie gewandt hatte.
Ihrer Kenntnis nach sei Kössl sehr beliebt gewesen, schilderte Buresch. Unterhalb vom Helgoland habe er geimkert, musikalisch sei er gewesen. Angefleht worden sei der Papiermaschinengehilfe von seinen Kollegen, sein Leben zu retten.
Georg Kössl: Jesus als einziger Heilsbringer
Wohl als Träger im Gebirge wäre er eingesetzt worden, berichtete Sinda, der im Ausschuss das Wort ergreifen konnte. Doch einen anderen Heilsbringer als Jesus habe er nicht akzeptiert, auch nicht zum Schein. Das Bekenntnis zum „Fake-Heiland“ Hitler, so Sinda, habe Kössl nicht leisten wollen.
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Gerade in der heutigen Zeit sei es wichtig die Erinnerungskultur zu pflegen, so Buresch Umso mehr, als dass die Zahl der noch lebenden Zeitzeugen der NS-Zeit immer weniger werde.
„Solange wir ihn vergessen haben die Nazis gewonnen“
„Solange wir ihn vergessen haben die Nazis gewonnen“, bat Rainer Heiß den Bau- und Umweltausschuss hör- und sichtbar bewegt um die Zustimmung zum Stolperstein. Der Schongauer ist Historiker und als Urenkel Georg Kössls einer von mehreren Nachfahren, die in der Region leben. „Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen“, zitierte er. Zwar seien die Opfer der Nationalsozialisten weg, „wir können sie aber zurückholen“. Deshalb seien die Stolpersteine ein „unfassbar gutes Projekt“. Der Bau- und Umweltausschuss war einstimmig für die Verlegung.
Die sogenannten Stolpersteine sollen an Menschen erinnern, die in der NS-Zeit verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Mit bisher 70.000 dieser im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln gilt das Projekt des Künstlers Gunter Demnig als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.
Vier Stolpersteine gibt es bisher in Schongau. Sie erinnern auf dem Marienplatz vor den Schrimpf-Häusern an das Schicksal der Familie Kugler.
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