Ein Schlaganfall veränderte Markus Zellingers Leben. Doch er gab nicht auf und fand zurück zu alter Stärke. Seine Genesung beeindruckt viele.
Bad Tölz/Schliersee - Markus Zellinger stand mitten im Leben, war begeisterter Triathlet, Mountainbiker, Musiklehrer und Chorleiter. Doch dann streckte den Schlierseer ein Schlaganfall nieder. Als er aus dem Koma erwachte, konnte er nicht mehr sprechen, und sein linker Arm hing herab. Der Schlaganfall hatte sein Gehirn geschädigt. In der Tölzer Reha-Einrichtung Neurokom arbeitete Zellinger fast ein Jahr lang wie besessen an seiner Genesung. Mit Erfolg, wovon sich rund 100 Festgäste bei der 30-Jahr-Feier von Neurokom überzeugen konnten: Zellinger spielte auf dem Klavier, fast so flink wie früher.
Zellinger kann sich noch genau an jenen schicksalhaften Tag im Jahr 2016 erinnern. Er bereitete sich gerade auf den nächsten Triathlon vor und joggte am Ufer des Schliersees entlang. Als er mit dem Laufen fertig war, wunderte er sich darüber, dass er auf einem Auge nichts mehr sah. Seine Ehefrau wollte sofort den Notarzt rufen, Zellinger winkte ab und sagte: „Mir fehlt doch nichts.“ Die Sehstörung verschwand, Zellinger machte sich keine großen Gedanken mehr über den Zwischenfall. Ein Riesenfehler, wie er zugibt: „Heute wüsste ich es besser.“
„Vor dem Waschbecken bin ich zusammengeklappt“
Einen Tag später wollte ihm beim Abendessen der Wein nicht so recht schmecken: „Der ist schlecht“, stellte er fest. Seine Frau widersprach, der Wein sei ausgezeichnet. Zellinger bekam fürchterliche Kopfschmerzen, wanderte zwischen Schlafzimmer und Toilette hin und her, nahm Tabletten. „Und vor dem Waschbecken bin ich dann zusammengeklappt“, erinnert er sich. Reglos lag er auf dem Boden, bis ihn wenig später seine Frau entdeckte.
Rettungshubschrauber konnte wegen schlechten Wetters nicht starten
Was danach passiert ist, weiß der Musiklehrer nur aus Erzählungen: Ein Notarzt eilte herbei, der angeforderte Rettungshubschrauber konnte wegen schlechten Wetters nicht starten, per Sanka wurde Zellinger nach München ins Krankenhaus transportiert und vier Stunden nach seinem Zusammenbruch operiert. Erst danach kam er wieder zu Bewusstsein. Er wollte den Namen seiner Frau sagen, konnte aber nur unverständliche Worte stammeln.
Sprachtherapie in Bad Tölz
Im März 2017 startete Zellinger eine Sprachtherapie im Tölzer Neurokom: „Der ganze Körper war eine Baustelle“, erinnert sich der 44-Jährige. „Fünf Monate lang konnte den Fuß nicht mehr bewegen, der Arm hing schlaff runter, ich konnte kaum sprechen.“ Daniel Lubetzky kümmerte sich um ihn, allmählich ging es aufwärts. „Markus war unglaublich motiviert und hat nie aufgegeben“, erinnert sich der Sprach-Therapeut. Freitags versuchte Zellinger in der Kletterhalle, die gewohnten Handgriffe wieder zu erlernen. Regelmäßig sei er zum Schwimmen gegangen, sagt Zellinger: „Ich liebe das Schwimmen. Da konnte ich komplett vergessen, dass ich krank bin.“
Einkaufen kostet Überwindung
Nach einigen Monaten war er soweit wieder hergestellt, dass er vorsichtig Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen konnte. „Wir schreiben alltagsorientierte Therapie ganz groß“, erläutert Lubetzky. So gebe es bei Neurokom eine große Kommunikationsgruppe, deren Mitglieder Aufgaben lösen müssen. Zum Beispiel müsse man ein Buch bestellen oder etwas einkaufen: „Wenn man in der Gruppe unterwegs ist, kann man die eine oder andere Strategie abschauen und wird im Laufe der Zeit immer mutiger“, sagt Lubetzky. Zellinger räumt ein: „Das hat mich erst mal Überwindung gekostet. Aber dann habe ich mir gedacht: Ich komme nicht aus Tölz, hier kennt mich keiner – das hat mir geholfen.“ Im Dezember 2017 endete die Therapie.
Die Empfehlung: „Nie aufgeben“
Mittlerweile macht Zellinger wieder „wahnsinnig viel Sport“, geht zum Bergsteigen, Klettern und Schwimmen. 14 Stunden pro Woche unterrichtet er im Gymnasium Miesbach. „Wir waren uns nicht sicher, ob das alles mal wieder klappt“, gibt Lubetzky zu. „Als Lehrer muss er sprechen und musizieren – die Ziele waren sehr hoch gesteckt.“ Woher bezieht Zellinger seine ungewöhnlich große Motivation? „Ich glaube, dass Musiker und Sportler eine Motivation haben, die über das normale Maß hinausgeht“, antwortet er. Seine wichtigste Empfehlung an Patienten mit einer ähnlichen Krankheitsgeschichte? „Nie aufgeben.“