Am Landgericht Gießen startet der Prozess gegen einen Geschäftsmann, der auf Korfu Beihilfe zu einem Doppelmord geleistet haben soll.
Gießen – Ein Gießener Geschäftsmann soll Beihilfe zu einem Doppelmord auf der griechischen Insel Korfu geleistet haben. Hintergrund ist eine Blutfehde zwischen zwei Balkan-Kartellen um die Vorherrschaft auf dem Rauschgiftmarkt. Seit Montag (12. Mai) wird dem 48 Jahre alten Angeklagten vor dem Landgericht Gießen unter hohen Sicherheitsvorkehrungen der Prozess gemacht.
Dass viele der 34 Patronen aus den Maschinenpistolen mit Schalldämpfern ihr Ziel gefunden hatten und zwei Männer in einem Toyota vor einer Villa auf Korfu in dem Kugelhagel starben, soll dem Kopf des montenegrinischen Kavac-Clans ein öffentliches Feuerwerk wert gewesen sein. Eine Machtdemonstration in der Blutfehde zweier Balkan-Kartelle, bei der europaweit bisher über 50 Mafiosi ums Leben gekommen sind. Den Transport der Waffen, der Attentäter und deren Evakuierung vor über vier Jahren soll ein stadtbekannter Gießener Geschäftsmann organisiert haben. Deshalb muss er sich seit dem gestrigen Montag vor dem Landgericht Gießen verantworten.
Blutfehde zwischen Balkan-Kartellen um Vorherrschaft auf Rauschgiftmarkt?
Der Prozessauftakt im externen Sitzungssaal am Stolzenmorgen vor der 5. Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richterin Regine Enders-Kunze findet unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Die Zahl der maskierten und zum Teil schwer bewaffneten Polizisten ist zweistellig. Vor Verhandlungsbeginn hat ein Spürhund den Außen- und Innenbereich abgesucht. Dies hängt mit dem Milieu zusammen, in dem die Tat geschehen sein soll: der schweren, Organisierten Kriminalität mit Folterungen und professionell ausgeführten Attentaten mit Schusswaffen und Sprengstoff.
Es ist ein regelrechter Krieg zwischen zwei Kartellen aus der montenegrinischen Gemeinde Kotor, die früher eine kriminelle Organisation waren. Doch der Streit um das Verschwinden von 200 Kilo Kokain sorgte dafür, dass die Gruppe 2014 in den Kavac- und den Skaljari-Clan zerbrach. Die bekämpften sich fortan. Das Attentat auf Korfu am 23. Juli 2020, um das es in dem Verfahren am Landgericht geht, hängt mit dem Mordversuch an dem Kopf des Kavac-Clans am 26. Mai 2020 in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw zusammen. Dieses überlebte der 42-Jährige nur knapp.
Prozess am Landgericht Gießen startet – Geschäftsmann soll in Doppelmord involviert gewesen sein
Der Gießener Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger schildert in seiner Anklageschrift, dass der Kartellboss - laut Medienberichten einer der meistgesuchten Verbrecher Europas - auf Rache aus gewesen sei. Den Vergeltungsschlag habe er mit fünf weiteren Personen aus seinem Umfeld ab Anfang Juni 2020 über den verschlüsselten Kryptonachrichtendienst Sky ECC geplant, der laut Hauburger überwiegend im kriminellen Milieu genutzt werde. Durch Internet- und Vor-Ort-Recherchen seien die Kartellmitglieder bald auf den Wohnort eines 46 Jahre alten Serben und eines 42 Jahre alten Montenegriners auf Korfu gekommen. Diese sollen für das Attentat auf den Boss des Kavac-Clans verantwortlich gewesen sein und mit ihrer Gruppe mit dem Skaljari-Clan zusammengearbeitet haben.
Um die Schusswaffen für den Racheakt auf Korfu zu besorgen und die Schleusung sowie die Flucht der vier Attentäter mit einem Schnellboot zu organisieren, habe sich der Kartell-Chef »seines engen Vertrauten« bedient, dem Gießener Geschäftsmann. Der habe auf dem Westbalkan und in Griechenland über entsprechende Kontakte verfügt und die Koordinierung unter anderem von Gießen und Düsseldorf aus übernommen.
Gießener Geschäftsmann vor Gericht – Seine Verteidigung zielt auf gehackte Daten
Spätestens am 20. Juli 2020 sollen alle vier Attentäter auf Korfu gewesen sein, um drei Tage später den Anschlag auszuführen. Dazu hätten die Männer gegen 14.40 Uhr vor der Villa auf die beiden Zielpersonen gewartet. Als diese ankamen, hätten sie die »wehr-, aber nicht arglosen« Männer erschossen, sagt Hauburger. Danach seien die Täter aufs Festland und später außer Landes geflohen. Laut Hauburger gab es für die Tatbeteiligten eine Belohnung von insgesamt 1,5 Millionen Euro. Der Gießener habe in Kenntnis »der Motivlagen das Tötungsvorhaben von Beginn an vollumfänglich« unterstützt und einen »mindestens fünfstelligen Geldbetrag« erhalten.
Vertreten wird der Angeklagte vom Münchner Rechtsanwalt André Miegel und dem Gießener Verteidiger Andreas Milch. Sie hatten den 48-Jährigen bereits vor über drei Jahren in einem Prozess vor dem hiesigen Landgericht wegen Drogenhandels vertreten. Damals wie heute scheint ihre Taktik dieselbe zu sein: Die Anklage beruht auf den von französischen Ermittlungsbehörden gehackten Daten von Sky ECC. Miegel und Milch widersprechen deren Verwertung, weil deren Abgreifen nicht mit deutschem Recht vereinbar sei. Deshalb sei ein Vorabentscheid durch den Europäischen Gerichtshof nötig. Zudem fordern sie Einblick in die Rohdaten des Hacks.
Nur: Erst im Januar diesen Jahres hatte der Bundesgerichtshof die Verwertung solcher Daten in deutschen Gerichtsverfahren für rechtmäßig erklärt. Und auch die Verurteilung ihres Mandanten im Oktober 2023 am Landgericht Gießen zu über acht Jahren Haft ist mittlerweile rechtskräftig.
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