Alleinerziehende auf Wohnungssuche kämpfen oft mit Vorurteilen und sind meist chancenlos. Doch es gibt Menschen in Dachau, die sich für Alleinerziehende einsetzen.
Alleinerziehende haben auf dem Dachauer Mietwohnungsmarkt so gut wie keine Chance, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Der Unternehmer Lorenz Reischl, Geschäftsführer Aufrecht Immobilien, und Laura Kaufmann, Einrichtungsleitung des Awo-Frauenhauses Dachau, machen auf diesen Notstand mit dem Ziel aufmerksam, Dachauer Vermieter für das Thema zu sensibilisieren.
Bezahlbarer Wohnraum ist in Dachau rar. „Für eine klassische Dreizimmerwohnung gehen im Durchschnitt 150 Bewerbungen ein“, berichtet Lorenz Reischl. Auf einer vorsortierten Liste, die Vermietern vom Immobilienmakler vorgelegt wird, seien die Bewerber eingestuft. Ganz oben auf der Liste stehen zumeist Paare, Doppelverdiener, kinderlos, ohne Schufa-Eintrag. Im Normalfall bekommen diese „perfekten Mieter“ die Wohnung, erklärt Lorenz Reischl.
„Abgesehen von den vielen Wohnungen im Luxussegment gibt es ohnehin nur eine überschaubare Anzahl an bezahlbaren Bestandsimmobilien, die auch für weniger privilegierte Gruppen infrage kommen“, so Reischl. Wenn auch diese Mietobjekte an die „perfekten Mieter“ gehen, „haben Alleinerziehende und ihre Kinder gar keine Chance mehr, eine Bleibe zu finden“, fasst Reischl zusammen.
Vor einigen Jahren kam Lorenz Reischl im Rahmen einer Vermietung in Kontakt mit dem Frauenhaus Dachau der Arbeiterwohlfahrt und erkannte den Notstand von Alleinerziehenden und ihren Kindern auf dem Wohnungsmarkt. Seitdem steht das Thema auf seiner Agenda, und er versucht in seinem Alltag als Immobilienberater auch seine soziale Verantwortung ernst zu nehmen.
„Oft geht es darum, die Alleinerziehenden bei den Vermietern überhaupt erst ins Spiel zu bringen und von unseren positiven Erfahrungen zu berichten“, erklärt der Immobilienmakler. „Es existieren einfach viele Unsicherheiten, die es gilt abzufedern.“ Es entstehe kein Brennpunkt, weil da eine Mutter die Kinder alleine erzieht. „Es ist nicht lauter, als wenn dort eine Familie mit beiden Elternteilen wohnt. Es ist auch nicht weniger ordentlich“, resümiert Reischl.
Laura Kaufmann kennt die Sorgen und Nöte im Frauenhaus sehr genau. Sie bekommt hautnah mit, wie schnell man sich ungewollt in einer schwierigen Lebenssituation wiederfinden kann. Im Frauenhaus Dachau ist Platz für fünf Frauen und sechs Kinder. Das heißt, auch dort ist der Wohnraum knapp und limitiert. Die Vergabezeiten für Sozialwohnungen übersteigen bei Weitem die Aufenthaltsdauer im Frauenhaus.
„Deshalb bedeutet für die Betroffenen eine bezahlbare Wohnung viel mehr als nur Wohnraum. Es geht um eine Perspektive, um Teilhabe, um einen Alltag, der der Kleinfamilie in ihrer oft belastenden Lebenssituation entgegenkommt“, so die Sozialpädagogin. Alleinerziehende und ihre Kinder profitieren vom urbanen Umfeld. Es gehe nicht um die perfekte Wohnung, sondern darum, eingebunden zu werden.
„Alleinerziehende sind auf die Kooperation der Vermieter angewiesen. Wenn man sich von alten Denkmustern löst, kann mit einer Schlafcouch im Wohnzimmer ein zusätzliches Schlafzimmer geschaffen werden.“, erklärt Reischl. Das Budget reiche eben nicht für eine großzügigere Aufteilung. Für die betreffenden Mieter wäre das meist kein Problem, „aber Vermieter denken in klassischen Grundrissen und haben Angst, dass ihre Wohnung schneller abgewohnt wird, wenn nicht ausreichend Schlafzimmer vorhanden sind“.
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Jeder Vermieter könne natürlich frei entscheiden, wem er einen Mietvertrag anbietet. „Erfreulicherweise trifft man gerade bei privaten Vermietern immer mal wieder auf offene Gemüter, die Alleinerziehenden die Hand reichen“, so Reischl. Leider seien es viel zu wenige Wohnungsvermittlungen, um den Bedarf zu decken.
„Wenn wir Anzeigen explizit für Alleinerziehende schalten, werden wir überrannt“, berichtet der Immobilienmakler. „Am Telefon spielen sich oft Dramen ab. Die persönlichen Schicksale lassen uns natürlich nicht kalt. Wir versuchen dort etwas zu bewirken, wo es in unserer Macht steht. Deshalb werden wir uns weiter für das Thema einsetzen!“
Vermieter, die Alleinerziehenden eine Chance geben möchten, können sich an Aufrecht Immobilien unter Telefon 0 81 31/3 37 89 80 wenden, oder an das Awo-Frauenhaus Dachau unter Telefon 0 81 31/51 47 28.
Von Birgit Schnell-Muckel
„Wohnen für alle“
Sechs Organisationen aus den Bereichen Soziales und Wohnwirtschaft im Landkreis Dachau haben sich zu dem Bündnis „Wohnen für alle“ zusammengeschlossen. Dadurch entsteht ein Wissenspool, vereinfachter Zugang zu den Services und Fachinformationen sowie kurze Wege zwischen den beteiligten Organisationen. Ziel: den jeweiligen Bedarfen angemessene Wohnung zu finden für Alleinerziehende, Geflüchtete, Geringverdienende oder Menschen, die nur über geringe Deutschkenntnisse verfügen.
Die Steuerungsgruppe im Landratsamt Dachau hat mit dem Bündnispartner „Wohnen für alle“ zusammengearbeitet. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden am Dienstag, 2. Juli, von 17 bis 18 Uhr im Ludwig-Thoma-Haus präsentiert.