Stefan Zehetmair hält in Unterföhring 1000 Hühner und setzt konsequent Biosicherheitsmaßnahmen um, um einen Ausbruch der Vogelgrippe zu verhindern.
Auf einem grünen Plakat, am Eingang zum Hof, steht in großen Buchstaben: „Wir behandeln unsere Hühner wie rohe Eier.“ Fürsorge und Vorsicht sind aktuell, da die Geflügelpest sich europaweit ausbreitet, mehr denn je oberstes Gebot – allein in Deutschland mussten schon über 400 000 Nutzvögel sicherheitshalber getötet werden „Wenn ich diese Bilder im Fernsehen sehe, da blutet einem das Herz – man hat ja eine emotionale Bindung zu seinen Tieren“, sagt Stefan Zehetmair, Landwirt aus Unterföhring. Damit seiner Hühnerzucht keine solchen Zwangs-Keulungen widerfahren, hält der 30-Jährige penibel die sogenannten Biosicherheitsmaßnahmen ein (vgl. Kasten), die er bei einem Vor-Ort-Besuch dem Münchner Merkur demonstriert.
Es beginnt schon auf dem Weg zum Hühnerstall. Auf dem Asphalt erblickt Zehetmair einen großen, schleimigen Klecks – die Hinterlassenschaft eines Wildvogels, der über das Areal, unweit von Feringasee und Ismaninger Speichersee gelegen, geflogen sein muss. „Vor allem Graugänse und Silberreiher können die Geflügelpest verbreiten“, weiß Zehetmair. Vorsichtshalber lässt er seine rund 1000 Hennen schon seit Montag nicht mehr ins Freie, „obwohl aktuell keine behördliche Aufstallpflicht gilt“, wie zuvor hierzulande letztmals im Februar/März 2021 für sechs Wochen. Aber sicher ist sicher – also bleiben Zehetmairs Hennen vorerst im aufgeständerten Stall mit einem durch Spezialnetze gesicherten Wintergarten, sodass die Tiere frische Luft haben und hinausschauen können.
Verhaltenshinweise vom Landratsamt
„Alle Geflügelhalter – also auch kleine und kleinste Haltungen, zum Beispiel von Hühnern in Gärten – sind dringend aufgefordert, ihre Biosicherheitsmaßnahmen zu überprüfen“, teilt Franziska Herr, Pressesprecherin im Landratsamt München, mit. Dies umfasse „alle Vorsichtsmaßnahmen, die einen Eintrag des Erregers der Geflügelpest aus der Umwelt erschweren, beispielsweise die Desinfektion der Hände, die Verwendung von Schutzkleidung, die Trennung zwischen Straßen- und Stallkleidung, den konsequenten Kleidungs- und Schuhwechsel und die Desinfektion der Schuhe“.
Das Veterinäramt habe die lokale Entwicklung des Seuchengeschehens bei Wildvögeln genau im Blick. „Dazu gehören unter anderem die Beprobung toten Wildgeflügels oder das Entfernen toter Tiere zur Verminderung des Infektionsdrucks“, erläutert die Landratsamts-Sprecherin. So werden beispielsweise tot aufgefundene Wildvögel, insbesondere Wassergeflügel, vor der Beseitigung beprobt und die Proben (Rachen- und Kloakentupfer) zur Untersuchung an das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Oberschleißheim gebracht.
„Was die Bedeutung des Ismaninger Speichersees betrifft, nimmt dieser als Rastplatz für Zugvögel die zentrale Rolle für die Ausbreitung der Geflügelpest im Landkreis München ein“, betont Franziska Herr. Was Vogelhäuschen in privaten Gärten betrifft: Dort sollten Bürger „angebotenes Futter, Futterstellen und Tränken für Gartenvögel stets sauber halten, um den Infektionsdruck für gesunde Vögel zu verringern, falls ein kranker Vogel zu Besuch gewesen sein sollte“.
Damit ein Kot-Klecks wie der aktuell entdeckte nicht zum Problem wird, herrschen im Stallbereich strengste Hygienemaßnahmen, grob vergleichbar mit denen für Menschen während der Corora-Pandemie. Selbstverständlich ist der Zugang für Unbefugte versperrt, direkt hinter der Tür befindet sich eine blaue Infektionsschutzmatte. Diese betreten wir, tauchen die Schuhsohlen ein in eine spezielle Infektionslösung. Es ist nur der erste Schritt: Stefan Zehetmair schlüpft nun in separierte Schlappen, die er nur im Vorraum trägt, wo sich das Büro befinden und die computergesteuerte Belüftungsanlage. Der nächste Schritt: Er zieht sich die Stallstiefel an, die wiederum in einer geschützten Kiste lagern; ich als Reporter bekomme Plastik-Gamaschen übergestülpt, die nach dem Besuch entsorgt werden. Erst jetzt öffnet der Unterföhringer die eigentliche Stalltür – hinter der die rund 1000 Hennen schon aufgeregt scharren.
„Als Bub, mit 13 Jahren, habe ich angefangen“, erzählt Stefan Zehetmair. „Meine Schwester hatte eine Katze – ich bekam sechs braune Hühner.“ Dass die täglich ein Ei legen, habe ihn fasziniert und stolz gemacht. „Meine Generation“, sagt der 30-Jährige, „sucht eine günstige Eiweiß-Alternative zu Fleisch.“ So kam er zur professionellen Hühnerzucht, zwischen 820 und 950 Eier pro Tag legen ihm seine Hennen.
Die Hygiene-Standards, auf die jetzt von den Behörden verwiesen wird, hält der Unterföhringer grundsätzlich immer ein, nicht erst seit dem Ausbruch der Geflügelpest. „Wenn man diese Maßnahmen einhält, kann eigentlich nichts passieren. Vorsicht ist besser als Nachsicht“, sagt Zehetmair. Die bei Schulklassen beliebten Besuche stellt er vorerst zurück, ebenso wie den Freiland-Aufenthalt seiner Hühner: „Das ist faktisch eine Quarantäne.“
An dieser stören die Tiere sich durchaus, sie bemerken das Ungewohnte – draußen scheint die Herbstsonne, sie müssen drinnen bleiben. „Man muss sie bei Laune halten, sie ablenken, denn die Hennen stecken voller Energie, sind unruhig“, weiß der Landwirt. Er gibt ihnen Haferkörner, dazu harte Kartoffeln, „damit sie mit dem Picken nicht so schnell fertig sind“.
Eine Hühner-Beschäftigungstherapie per Futter, das – ebenso wie die Einstreu – streng verschlossen gelagert wird. Damit das Vogelgrippe-Virus keine Chance erhält. Mit Berufskollegen und Behörden ist Stefan Zehetmair ständig im Austausch, „jeden Moment kann ein Anruf kommen“. Um das Schlimmste zu verhindern und der Geflügelpest in seinem Stall keine Chance zu geben: Dafür tut er alles.