„Da Dings, da Gallinger Schorsch“: Abiturienten von 1975 erinnern sich an erfundenen Schüler

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In Vorbereitung für das 50. Abiturtreffen in Tegernsee: Gallinger-Erfinder Norbert Schußmann (r.) und „Whisky“ Wiesner. © THOMAS PLETTENBERG

1975 wurde am Gymnasium Tegernsee ein imaginärer Mitschüler namens Schorsch Gallinger zum Leben erweckt. Der Streich wurde so weit getrieben, dass er sogar auf der Klassenliste stand. Nun steht das 50-jährige Klassentreffen an und alle fragen sich: Wird der Gallinger Schorsch erscheinen?

Tegernsee – Es gibt Schülerstreiche, die wären in der heutigen Zeit undenkbar. Nicht so 1975, als die damalige Abiturklasse 13a am Gymnasium Tegernsee einen ominösen Schorsch Gallinger in die Klasse einschleuste. Und der spukte tatsächlich herum bis zur Abiturprüfung – und darüber hinaus. „Der Gallinger war damals in aller Munde“, erinnert sich Norbert Schußmann und berichtet von damaligen Medienberichten. Der heute 70-jährige Tegernseer hat den imaginären Mitschüler damals zum Leben erweckt und es geschafft, dass alle mitspielten. Schüler sowieso, und auch so mancher Lehrer. Am 7. Juni feiern die ehemaligen Schüler mit einem gemeinsamen Treffen 50 Jahre Abitur – und alle fragen sich schon jetzt: Ob er wohl kommt, der Gallinger Schorsch?

„Es war nicht geplant, dass er ein Mitschüler wird“, erinnert sich Schußmann, genannt „Schussi“, der in Vorbereitung zum Klassentreffen zusammen mit seinem Schulfreund Wolf-Dieter „Whisky“ Wiesner (68) alte Erinnerungsstücke herauskramt. „Angefangen hatte es damals im Geschichtsunterricht, als ich vom Lehrer Hertle nach einer geschichtlichen Persönlichkeit gefragt wurde“, erzählt Schußmann. „Des war doch da Dings, da...Harrgott...auf da Zunga liegt‘s ma, so a kloana, gwammpata...da..ah ja, da Gallinger Schorsch war des. Na? Wara ned? Bismarck hoda g‘hoaßn? Ja, richtig. Na war dös hoid da Bruada vo eahm, vom Gallinger Schorsch.“ So hatte der „Schussi“ damals in Karl-Valentin-Manier herumgedruckst, nichts ahnend, welche Eigendynmaik die Geschichte aufnehmen würde.

Plötzlich stand der Gallinger Schorsch auf der Klassenliste

„Einer von uns hat ihn einfach auf die Klassenliste gesetzt, damals noch von Hand geschrieben“, weiß Wiesner noch von damals. Weil es den Schorsch nicht gegeben habe, sei er freilich nie dagewesen, was wiederum peinlichst genau im Absentenheft eingetragen worden sei. Die Mitschüler hätten Schorsch Gallinger stets verteidigt. Entweder sei er bettlägrig gewesen, oder er habe wieder zur Orchesterprobe nach München gemusst, da er ausgezeichnet „Bombardon“ gespielt habe. „Orchesterprobe“ wurde dann als Grund für die Abwesenheit schriftlich festgehalten und vom Lehrer Hertle abgezeichnet. „In der Abiturzeitung haben wir das zum Beweis abgedruckt“, erinnert sich Wiesner.

Klassenfoto 1975 nach dem Abitur am „Gallinger Gymnasium“ in Tegernsee.
Klassenfoto 1975 nach dem Abitur am „Gallinger Gymnasium“ in Tegernsee. © Privat

Der Gallinger-Kult sei so weit gegangen, dass sich die Mitschüler um seine weitere Berufslaufbahn bemühten. „Das Arbeitsamt schickte dann brav Unterlagen, schließlich wollte der Schorsch Kirchenmusiker oder Rabbiner werden“, scherzt Schußmann, dem es mit seinen Mitschülern nicht zu dreist war, Gallinger auch nach dem Abi zum Bundeswettbewerb Mathematik anzumelden. „Er erreichte tatsächlich den zweiten Platz“, sagt Schußmann. Zum Beweis hat er ein Schriftstück aufgehoben, adressiert an Georg Gallinger, Schlossplatz 1c in 8180 Tegernsee.

Partnervermittlung scheiterte

Weniger erfolgreich seien dann die Bemühungen verlaufen, bei einer Partnervermittlung eine Freundin für den Schorsch zu finden. Überhaupt habe er es schwer gehabt, erinnern sich Schußmann und Wiesner, die so manche Lehrer-Aussage auch heute noch parat haben. „Jetzt kommt da so ein Bremser und möchte auch noch mitschreiben“, habe etwa der damalige Physiklehrer Max Selzle gesagt. Wiesner kommt Oberstudienrat Türk ins Gedächtnis mit seinem Satz: „Jetzt muss ich aber mal dumm fragen: Diesen Gallinger, gibt‘s den wirklich?“

So könnte Schorsch Gallinger aussehen.
So könnte Schorsch Gallinger aussehen. © Quirin Lindinger

„Es war eine Riesen-Gaudi“, freut sich Schußmann noch heute ganz verschmitzt und berichtet, wie die Schüler selbst den Spuk auflösten: „Nach den Prüfungen, an dem Tag, an dem noch heute die legendären See-Umrunden der Abiturienten stattfinden, haben wir sogar das Schild „Gallinger Gymnasium“ am Haus befestigt und uns fürs Foto davor gestellt. In der Abi-Zeitung haben wir dann über alles berichtet. Auch darüber, dass der Schorsch auf die Teilnahme am Abitur verzichtet hat und freiwillig wiederholt.“ Die nächsten Klassen wurden in der Abi-Zeitung gebeten, Schorsch Gallinger kameradschaftlich aufzunehmen.

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„Wir waren Gaudiburschen“, sagt Schußmann, „und mir stinkt‘s im Nachhinein, dass mir das mit dem Gallinger damals nicht früher eingefallen ist.“ Irgendwie ist er überzeugt, dass der Schorsch das ewige Leben haben wird. Ob er zum Jubiläums-Klassentreffen der Tegernseer kommen wird? „Wahrscheinlich ned, weil er Musi spuin muaß“, sagt Gallinger-Erfinder Schußmann, und sein Spezl Wiesner vermutet: „Er is wahrscheinlich leitscheich worn. gr

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