Wie Verstappen im Titel-Thriller die komplette Stimmung in der Formel 1 kippt

Es gibt im Sport kaum ein verlässlicheres Naturgesetz als den Überdruss am ewigen Sieger. Erinnern Sie sich an das Jahr 2013? Sebastian Vettel gewann neun Rennen in Folge und wurde trotzdem auf den Podien ausgepfiffen. Die Formel 1 liebt ihre Helden, aber sie hasst Monotonie.

Wer zu oft gewinnt, wird zum Bösewicht. Wer den König stürzt, wird zum Volkshelden. Das war bei Michael Schumacher so, bei Vettel, bei Lewis Hamilton und zuletzt auch bei Max Verstappen, als er die Konkurrenz nach Belieben demütigte.

Doch in der aktuellen Formel-1-Saison 2025 erleben wir etwas Verblüffendes. Etwas, das gegen jede sporthistorische Logik verstößt: Die Stimmung ist gekippt. Aber nicht gegen den Dominator, sondern für ihn. Max Verstappen bricht dieses ungeschriebene "Weltmeister-Gesetz". Die Fans, die sich noch vor einem Jahr nichts sehnlicher wünschten als einen anderen Sieger, drücken plötzlich dem Niederländer die Daumen.

Max Verstappen dreht "Weltmeister-Gesetz" und ist plötzlich Fan-Favorit

Um zu verstehen, wie kurios diese Situation ist, muss man das Rad der Zeit nur zwölf Monate zurückdrehen. 2024 war Lando Norris die große Hoffnung der Formel 1. Er war der charmante "Sunnyboy", dem jeder neutrale Fan – und auch viele Experten – den ersten großen Triumph von Herzen gönnten. Jede Pole Position wurde bejubelt, jeder Angriff auf Verstappen gefeiert. Er war der Auserwählte, der die Langeweile beenden sollte.

Heute, im Herbst der Saison 2025, ist von diesem Kredit kaum etwas übrig. Norris sitzt nun im besten Auto. Doch statt Begeisterung schlägt ihm Skepsis entgegen.

Verstappen zeigt sich mit schwächelndem Red Bull als kämpfender Champion

Der Schlüssel zum Stimmungswandel liegt in der Technik. Jahrelang war das Narrativ simpel: "Verstappen gewinnt nur, weil der Red Bull eine Rakete ist." Doch Adrian Neweys (das Ingenieursgenie hinter dem Red-Bull-Boliden) Erbe hat Risse bekommen. Der Red Bull ist zickig, schwer fahrbar und auf vielen Strecken schlichtweg nicht mehr das schnellste Auto. Das Nonplusultra ist nun McLaren.

Max Verstappen steht im Titelkampf in der Gunst vieler Zuschauer –obwohl er der aktuelle Formel-1-Weltmeister ist.
Max Verstappen steht im Titelkampf in der Gunst vieler Zuschauer –obwohl er der aktuelle Formel-1-Weltmeister ist. IMAGO/Icon Sportswire

Und genau hier liegt der Kern der neuen Fan-Liebe: Max Verstappen kämpft in dieser Saison oft mit stumpfen Waffen. Er ist gezwungen, über das Limit zu gehen und Fehler der Ingenieure durch fahrerische Brillanz auszugleichen. Wenn er gewinnt oder sensationell aufs Podium fährt, dann sieht jeder: Das war nicht das Auto. Das war der Fahrer.

Der Sportfan honoriert Arbeit mehr als Dominanz. Wir sehen einen dreifachen Weltmeister, der nicht verwaltet, sondern der beißen, kratzen und kämpfen muss, um seine Führung zu verteidigen. Im direkten Vergleich wirkt Verstappens eiskalte Attitüde plötzlich nicht mehr überheblich, sondern wie das Merkmal eines wahren Champions, der auch im Sturm steht. Er ist als Weltmeister zum Underdog geworden.

WM-Führender Norris fällt durch angebliche Ungleichbehandlung in Unmut der Zuschauer

Auf der anderen Seite der Garage – bei McLaren – spielt sich das psychologische Gegenstück ab. Lando Norris, lange Zeit der unbeschwerte Sympathieträger des Fahrerlagers, leidet unter dem "Favoriten-Fluch". Wer im besten Auto sitzt, von dem werden Siege erwartet, nicht erhofft.

Verstappen und Norris standen diese Saison schon häufig auf dem Podium – doch Verstappen wird gefeiert und Norris ausgebuht.
Verstappen und Norris standen diese Saison schon häufig auf dem Podium – doch Verstappen wird gefeiert und Norris ausgebuht. Getty Images/Kym Illman

Noch dazu kommen die Vorwürfe der teaminternen Ungleichbehandlung von ihm und Kollege Oscar Piastri. Besonders eine Szene in Monza entzündete die Debatte neu: Norris fiel nach einem missglückten Boxenstopp hinter Piastri zurück, kurze Zeit später wurde Piastri angewiesen, Norris passieren zu lassen — zur Erhaltung der Teamstrategie, so die offizielle Lesart. Für viele Beobachter aber wirkte das wie ein Musterbeispiel für die stillschweigende Präferenz eines Fahrers.

Das Ergebnis ist eine Abkehr der Sympathie. Norris wird in den Sozialen Medien massiv kritisiert, und auch an der Strecke schlagen ihm, etwa beim Fahrer-Defilee oder auf dem Podium, immer häufiger Pfiffe entgegen.

Verstappen hat das Weltmeister-Narrativ 2025 neu geschrieben – zum Leidwesen von Norris

Es ist eine paradoxe Situation. Wir realisieren gerade, dass wir Jahre damit verbracht haben, über die Überlegenheit des Red Bull zu klagen, und dabei fast vergessen hätten, welch' Jahrhunderttalent Verstappen am Steuer sitzt.

Sollte Max Verstappen diesen Titel 2025 holen, wird es nicht sein statistisch dominantester sein. Aber es wird einer der Titel sein, der ihm – entgegen aller historischen Gesetze – den größten Respekt eingebracht hat.