Inklusion (er-)leben bei Freizeit in der Bildungs- und Erholungsstätte Langau

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Eine große, bunte Gemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung: Zahlreiche Mitarbeiter im Sekretariat, der Küche, im Service und in der Betreuung in der Bildungs- und Erholungsstätte Langau haben dafür gesorgt, dass sich die Familien bei ihrem Aufenthalt rundum wohl fühlen konnten. © Langau

Unbeschwerte Tage konnten Eltern mit behinderten Kindern und deren Geschwistern kürzlich in der Bildungs- und Erholungsstätte Langau erleben. Elf Familien aus ganz Deutschland waren zur Osterfreizeit nach Steingaden angereist.

Langau – Die Türen zur barrierefreien Bildungs- und Erholungsstätte Langau öffnen sich für die Besucher automatisch, und man spürt gleich das besondere Flair und die warme Atmosphäre des Hauses. In unberührter Natur gelegen, weit weg vom Alltagstrubel, kann jeder, der dort ein und aus geht, Geborgenheit und Zufriedenheit erfahren und Teil einer herzlichen Gemeinschaft werden.

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Begrüßt werde ich von Martin Horner, dem Referenten für Teilhabe und Inklusion in der Langau, der die Familienfreizeit mit organisiert und im Vorfeld die ehrenamtlichen Mitarbeiter in einem Workshop in ihre Aufgaben eingewiesen hat. 18 Helfer sind es diesmal, die sich neben den festen Mitarbeitern in der Urlaubswoche für die elf Familien mit behinderten Angehörigen zwischen sechs und 30 Jahren engagieren.

Dreiköpfiges Leitungsteam

Bunt zusammengewürfelt ist das Team, in dem sich jeder mit seinen Stärken einbringt. Während der Osterwoche erhalten die Ehrenamtlichen Unterkunft und Verpflegung sowie Ersatz der Fahrtkosten und eine sogenannte Aufwandsentschädigung, wenngleich ihr Aufwand und die damit verbundenen Erfahrungen eigentlich unbezahlbar sind.

Sie haben den Behinderten ein buntes Programm geboten: Johanna (li.) und Julia mit Simon beim Malen.
Sie haben den Behinderten ein buntes Programm geboten: Johanna (li.) und Julia mit Simon beim Malen. © Meltretter

Im dreiköpfigen Leitungsteam ist unter anderem die 28-jährige Julia, die schon als Kind mit ihrem behinderten Bruder und den Eltern in der Langau schöne Freizeiten verbracht hat, bei denen viele Freundschaften entstanden sind. „Ich bin immer gerne hierhergekommen und möchte nun betroffenen Familien meine Erfahrungen weitergeben und ihnen Kraft schenken“, erzählt sie und freut sich, dass auch die gleichgesinnte Johanna wieder als Betreuerin dabei ist, die sie vor vielen Jahren in der Langau kennengelernt hat. „Hier habe ich das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden“ meint sie.

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Aufgrund ihrer Erfahrung mit Behinderten übernimmt Johanna diesmal die Versorgung von Simon, 29 Jahre alt und seit Geburt schwerstbehindert. Nach Ausflügen in den Schongauer Märchenwald und den Augsburger Zoo werden heute in der Gruppe Eier bunt angemalt und Stofftaschen für die Ostereiersuche bedruckt. Bei der Farbauswahl hat Simon ganz genaue Vorstellungen. Auch wenn er sich nur schwer verständigen kann, hat Johanna schnell sein Vertrauen gewonnen und eine Beziehung zu ihm aufgebaut.

Eltern können endlich wieder richtig entspannen

Die Eltern Ernst und Margit wissen ihren Sohn gut versorgt und können sich in der Osterfreizeit endlich einmal wieder richtig entspannen. „Wir sind die Oldies hier“, verrät der 68-Jährige. 1996 kam die Familie aus Schweinfurt erstmals in die Langau – anfangs noch mit den beiden älteren Kindern, die inzwischen aber selbst eine Familie gegründet und Ernst und Margit zu glücklichen und stolzen Großeltern gemacht haben.

Stolz können die beiden aber auch auf das sein, was sie für ihren Sohn leisten, der werktags von 7 bis 16 Uhr eine Förderstätte der Lebenshilfe besucht und stets von Margit zu Hause gepflegt wurde. Die Eltern erzählen von den Belastungen im Alltag und der frustrierenden Suche nach einem Wohnheimplatz aufgrund Simons hohen Pflegebedarfs. Diese neuntägige Freizeit in der Langau haben sie sich wirklich verdient.

In der Langau einfach Mensch sein

Während des Programms für die Behinderten können sie die gewonnene Zeit für sich nutzen, sich mit anderen Eltern austauschen und auch Ganztagesausflüge machen. Nachts und an einem freien Tag für die Betreuer sind sie selbst für die Versorgung zuständig.

Betreuer Armin sorgte beim Malen für strahlende Augen bei Enno.
Betreuer Armin sorgte beim Malen für strahlende Augen bei Enno. © Langau

Es sind ganz unterschiedliche Familien, die in der Langau für eine Urlaubswoche zusammenkommen. Manche behinderte Kinder leben und wohnen im Internat und verbringen „nur“ das Wochenende bei den Eltern und Geschwistern. „Ich wollte nicht nur Mama von einem geistig behinderten Kind sein“, sagt Nadja, die zeitweise unter Burn-out und Depressionen litt und deshalb auch wieder in ihrem Beruf arbeiten wollte. Gerne nimmt sie dafür die Belastung am Wochenende in Kauf und verzichtet auf Erholung, um dann voll und ganz für ihre 15-jährige Tochter Fabiola da zu sein.

Bei Urlauben in einem „normalen“ Familienhotel, in dem man mit einem behinderten Kind auffällt, hat sich die Familie oft unwohl gefühlt. Und Nadja ergänzt: „Hier in der Langau kann jeder einfach Mensch sein und wieder neue Kraft tanken. Hier fühlen wir uns verstanden und genießen es, das Kind so glücklich zu erleben.“

Verein „Zukunftwohnen“ gegründet

Ich darf viele weitere interessante Gespräche – nicht nur über Behinderung und Inklusion – an diesem Vormittag führen, bei denen mir auch die besondere Rolle von Vätern und Geschwistern bewusst wird. Bemerkenswert ist die Bekanntschaft mit Ennos Mutter Kathrin aus München, die nicht nur für ihren bald 18-jährigen Sohn eine Petition gestartet hat, die sich stark macht für eine Zukunft mit mehr Wohnplätzen und Förderstätten für erwachsene Menschen mit Behinderung.

Über 8000 Unterschriften wurden seit Dezember bereits gesammelt und kürzlich dazu auch der Verein „Zukunftwohnen“ gegründet, um den pflegenden Angehörigen mit ihren Sorgen in ganz Deutschland eine Lobby, eine Stimme und mehr Beachtung zu geben. Mit zunehmendem Alter stoßen die Eltern oft ans Ende ihrer Kräfte, wenn eine Betreuung rund um die Uhr notwendig ist.

Nach Schulabschluss oft keine Anschlussversorgung

Der Verein macht aufmerksam auf die Tatsache, dass Behinderte nach Beendigung der Schulzeit oftmals keine Anschlussversorgung haben. Ziel sind 51 000 Unterschriften für den Deutschen Bundestag, um einen Anspruch auf einen Wohnort mit Unterstützung, Teilhabe und Tagesstruktur gesetzlich zu sichern.

„Die Freizeiten in der Langau haben uns all die Jahre stets getragen, sind unser Energizer“, sagt Kathrin mit Dankbarkeit. „Leider konnten diesmal aber nicht alle Anmeldungen berücksichtigt werden“, bedauert Martin Horner. Auch die Sommerfreizeiten und das Vater-Kind-Wochenende im Herbst sind bereits ausgebucht.

Ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht

Damit die Bildungs- und Erholungsstätte Langau ihr Angebot erweitern kann und möglicherweise auch einmal den Wunsch einer Silvesterfreizeit erfüllen kann, werden immer neue ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht, die neben dem festen Personal entscheidend zum Erfolg der Projekte beitragen. Wer bereit ist, neue Erfahrungen zu sammeln, sich in eine Gemeinschaft einbringen möchte oder Perspektiven für die berufliche Zukunft entdecken will, ist in der Langau jederzeit willkommen. Weitere Informationen erhalten Interessierte unter www.langau.de.

Die Heimatzeitungen im Landkreis Weilheim-Schongau sind unter „merkur_wm_sog“ auf Instagram vertreten.

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