Die vielen Welten des Lokschuppens: Nicht nur für die Titanic kommen viele Besucher nach Rosenheim

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Der Lokschuppen in Rosenheim gehört zu den zehn größten Ausstellungshäusern in Deutschland. Hinter den Ausstellungen steht ein kleines Team um die Leiterin Jennifer Morscheiser. In jedes Thema steckt die 47-Jährige nicht nur Wissen, sondern auch viel Leidenschaft. Das bedeutet, dass sie ihrer Zeit immer weit voraus sein muss.

Jennifer Morscheiser bahnt sich ihren Weg durch die Besucher. Es ist voll heute im Lokschuppen in Rosenheim. Sehr voll. Über 700 Menschen reisen gerade zurück auf die Titanic und erleben den Untergang mit. Einige von ihnen drängen sich gerade um eine Vitrine, in der ein kleines Stück Holz zu sehen ist. Ein Stück des Original-Treppengeländers der Titanic. Morscheiser ist stolz, dass sie diese Leihgabe ergattern konnte. Aber sie ist nicht der einzige Schatz aus der Vergangenheit, der gerade in Rosenheim zu sehen ist. Nur ein paar Meter weiter steht das baugleiche Piano, das auf der Olympic, dem Schwesterschiff, der Titanic erklungen ist. Und nach viel Bangen bis zur letzten Minute hat es auch die Original-Rettungsweste von England nach Rosenheim in die Ausstellung geschafft. An Tagen wie diesem, wenn Jennifer Morscheiser im Museum kaum durchkommt und das Staunen der Besucher überall zu hören ist, lächelt sie meistens, wenn sie in ihrem Büro ankommt. Dort, wo die Ideen für die Zeitreisen geboren werden.

Ausstellungen im Lokschuppen: Der Zeit stets voraus sein – und die Römerzeit bald verlassen

Zu Morscheisers Beruf gehört es, dass sie der Zeit immer voraus ist. Wenn sie die Treppe vom Museum zu ihrem Schreibtisch hinaufsteigt, kommt sie von der Vergangenheit sozusagen direkt in die Zukunft. Und die gehört den Römern. An der Wand in ihrem Büro hat sie bereits das Plakat hängen, dass die nächste Lokschuppen-Ausstellung ab März 2026 ankündigt. Nicht der erste Entwurf, verrät sie. Jedes Detail soll stimmen. Lange bevor die ersten Familien mit dem Staunen beginnen können, wandert Morscheiser schon virtuell durch eine neue Ausstellung. Moderne Technik macht das möglich. Am Computer plant sie Blickwinkel, Farben, Beleuchtung. „Das ist jedes Mal ein tolles Gefühl, wenn daraus Wirklichkeit geworden ist.“

Sie ist stolz auf ihre Leihgaben: Ausstellungsleiterin Jennifer Morscheiser neben einem Stück Original-Treppengeländer der Titanic.
Sie ist stolz auf ihre Leihgaben: Ausstellungsleiterin Jennifer Morscheiser neben einem Stück Original-Treppengeländer der Titanic. © Marcus Schlaf

Hinter den Ausstellungen des Lokschuppens in Rosenheim steht ein kleines Team. Neben der Leiterin gehören dazu noch zwölf weitere Mitarbeiter – vom Hausmeister bis zum Besucherservice alle mitgezählt. Geplant werden die Ausstellungen nur von einem kleinen Kreis, erzählt sie. Und immer vier bis fünf Jahre voraus. Deshalb wird sie die Römerzeit gedanklich bald verlassen und sich voll und ganz dem Weltall widmen – dem übernächsten Thema. Allerdings hat sie in ein paar Tagen auch eine japanische Delegation zu Gast, um über potenzielle Leihgaben für die überübernächste Ausstellung zum Thema Japan zu sprechen. Und danach wird es in die Welt von Christopher Kolumbus gehen.

Die Titanic war die Notlösung – aber sie „geht immer“

Mit der Titanic war es etwas anders, berichtet sie. Das war eigentlich eine Notlösung. Denn einen Tag vor Weihnachten war das eigentliche Ausstellungsthema geplatzt. Morscheiser und ihr Team mussten innerhalb kürzester Zeit etwas Neues auf die Beine stellen. Den Tipp gab ihr damals ein befreundeter Kurator in Hamburg. „Titanic geht immer“, sagte er. Morscheiser stürzte sich die Planung. Damals ahnte sie noch nicht, dass es zeitgleich in München eine Titanic-Ausstellung geben würde. „Ich war so wütend, als ich das gehört habe“, sagt sie heute und lacht. Noch weiß sie nicht, ob ihr durch München Besucher verloren gegangen sind oder sich beide Ausstellungen sogar befruchten – denn hinter beiden steht ein völlig anderes Konzept.

Die nächste Ausstellung ist schon in Planung. Es geht um Römer. Jennifer Morscheiser begutachtet das Plakat.
tita03.JPG © Marcus Schlaf

Der Lokschuppen hat die Titanic in ein ganzes Zeitalter eingebettet und Ausstellungsstücke mit viel Liebe aus der ganzen Welt zusammengetragen. Etliche Lebensgeschichten von Passagieren werden in Rosenheim nacherzählt – auch anhand der letzten Briefe, die das Schiff noch verlassen haben. In München setzen die Kuratoren auf ein Erlebnis mit 3D-Kino und Virtuell-Reality-Brille.

„Jede Ausstellung ist anders aufregend“ – Viel Begeisterung rund um den Lokschuppen

Morscheiser hatte zu Beginn der Ausstellung im März gehofft, dass bis Anfang Januar 200 000 Menschen in ihre Ausstellung kommen. Inzwischen ist sie guter Dinge, dass der Lokschuppen diese Zahl noch knacken kann. Schon jetzt waren über 113 000 Menschen in Rosenheim. Am Montag, 1. September, findet die Sonderveranstaltung „Die lange Nacht des Wracks“ mit hochkarätigen Gästen und exklusiven Einblicken statt. Auch davon verspricht sie sich noch mal ein volles Haus. Schon jetzt kann sie sagen: „Die Titanic ist die beste Ausstellung seit der Corona-Zeit.“ Sie hat nicht nur Familien angezogen, sondern auch viele Titanic-Experten.

Jede Ausstellung ist anders aufregend.

Die 47-Jährige ist seit dreieinhalb Jahren Ausstellungsleiterin im Lokschuppen. Vorher hatte sie ein Museum in Krefeld geleitet. „Wir wollen abwechslungsreiche Themen für die Ausstellungen“, sagt sie. Nicht nur Historisches. Die Besucher dürfen bei einer Umfrage am Ende der Ausstellung mitabstimmen über die kommenden Themen. „Wenn ein Thema von unseren Gästen mindestens 80 Prozent Zustimmung bekommt, überlegen wir, was machbar wäre.“ Viele Ideen entstehen bei Gesprächen im Team – oder in den Freundeskreisen der Mitarbeiter, verrät sie. Zuletzt muss dann der Aufsichtsrat noch grünes Licht geben. Der Lokschuppen ist eine GmbH der Stadt Rosenheim.

„Das sind große Fußstapfen“: Letzte Römer-Ausstellung war voller Erfolg

Die Römer sind für Jennifer Morscheiser eine besondere Herausforderung. Zum einen, weil die letzte Römer-Ausstellung vor 25 Jahren ein riesiger Erfolg war. „Das sind große Fußstapfen.“ Und weil die Römer ihr Forschungsschwerpunkt, sie hat Archäologie studiert. „Wir wollen etwas schaffen, über das geredet wird“, sagt sie und verrät auch schon ein bisschen. Der Lokschuppen hat eine Million Legoteile erworben, die Besucher dürfen selbst Baumeister einer römischen Idealstadt werden, dafür können sie kleine Flächen in der Ausstellung anmieten. „Die Lego-Stadt soll insgesamt 45 Quadratmeter groß werden.“

Auch der Lokschuppen nutzt moderne Technik, betont Morscheiser. Bei der Helden-Ausstellung konnten Besucher mit ihrem Handy auf eine Heldenreise gehen. „Da hat das gut gepasst. Aber bei den Römern wollen wir genau das Gegenteil.“ Sie konnte einige Originale aus der Römerzeit ergattern: Scherben und Münzen, die die Besucher sogar in die Hand nehmen dürfen. „Das Thema muss haptisch sein. Beim Weltraum werden wir danach wieder ganz anders denken.“

Millionen-Budget pro Ausstellung – und der schönste Beruf der Welt

Ihr Budget pro Ausstellung: 3,5 Millionen Euro. Bis alles fertig ist, sind gut 250 Menschen beteiligt, berichtet sie. Sie holt sich viel Wissen von Experten, arbeitet mit einem Gestaltungsbüro und Architekten zusammen. Und sie ringt mit Privatsammlern um jedes Ausstellungsstück. Da sei auch immer ein bisschen Glück dabei, sagt sie. Und natürlich eine riesige Portion Leidenschaft. „Sehr gehört auch zu meinem Job, die Begeisterung für ein Thema weiterzutragen“, sagt sie.

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Dass ihr die Ideen irgendwann ausgehen könnten, muss Jennifer Morscheiser nicht befürchten. Sie würde sehr gerne einmal eine Märchenausstellung in den Lokschuppen bringen. In der Fantasy-Szene hat sie sich bereits vernetzt. „Da gäbe es spannende Blickwinkel.“ Für jemanden, der so grundneugierig ist wie sie, sei dieser Beruf der schönste der Welt. „Ich lerne so viel Neues.“ Als sie einigen Titanic-Experten beim Diskutieren zuhörte, ob die Schiffsschraube drei oder vier Rotorblätter hatte, staunte sie nicht schlecht. Dann erfuhr sie, dass es davon keine Original-Bilder gibt. Und dass die Schraube so schwer war, dass sie am Meeresgrund einsank. Man hätte tief graben müssen, um es herauszufinden. „Jede Ausstellung ist anders aufregend.“ Sie freut sich jetzt schon auf die Astrophysiker, die bald in ihrem Büro sitzen werden und ihr die Wunder des Weltalls erklären.

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