So viele Rentner wie nie brauchen Grundsicherung: Was Betroffene tun können

Die Altersarmut in Deutschland erreicht einen neuen Höchststand. Ende September bezogen rund 755.300 Rentner Grundsicherung im Alter – so viele wie nie zuvor. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor. Innerhalb eines Jahres ist die Zahl um etwa 25.000 Menschen gestiegen, seit 2021 sogar um rund 30 Prozent.  

Besonders betroffen von Altersarmut sind Frauen: Sie stellen mit knapp 57 Prozent die Mehrheit der Leistungsbeziehenden. Viele haben wegen Teilzeit, Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen deutlich geringere Rentenansprüche.

Zum Vergleich: Die Zahl der Rentner insgesamt ist im selben Zeitraum nur leicht um zwei Prozent auf 22 Millionen gestiegen. Das Problem ist also nicht die Demografie allein – sondern zu niedrige Renten.  

Verdi-Chef warnt: „Oft unter 1000 Euro Rente – trotz Arbeitsleben“

Deutliche Kritik kommt von Verdi-Chef Frank Werneke. Nach seiner Einschätzung reicht selbst die politisch beschlossene Stabilisierung des Rentenniveaus für viele Menschen nicht aus.

„Rentnerinnen und Rentner bekommen nach einem ganzen Arbeitsleben mit Vollzeit oft nur 1200 oder 1300 Euro Rente. Mit Phasen von Teilzeit sind es häufig unter 1000 Euro – gerade bei vielen Frauen“, sagte Werneke der dpa. 

Besonders alarmierend: Laut offizieller Statistik erhielten zuletzt rund 8,5 Millionen Menschen maximal 1050 Euro Rente im Monat. Werneke warnt davor, das Rentenniveau auszuhöhlen – etwa, wenn Renten künftig nur noch an die Inflation statt an die Löhne angepasst würden. Das würde Altersarmut weiter verschärfen.

Was Betroffene tun können: So lässt sich die Rente aufbessern

Für viele Rentner und künftige Rentner gibt es konkrete Stellschrauben, um das Einkommen im Alter zu erhöhen.

1. Aktivrente: Bis zu 2000 Euro steuerfrei dazuverdienen

Ein zentraler Baustein ist die sogenannte Aktivrente. Sie soll es Rentnern erleichtern, freiwillig weiterzuarbeiten, ohne steuerlich bestraft zu werden. Bis zu 2000 Euro monatlich sollen steuerfrei hinzuverdient werden können, die Aktivrente gilt zusätzlich zur gesetzlichen Rente und sie ist besonders attraktiv für Menschen mit kleiner Rente und guter Gesundheit. Für viele kann das den Unterschied machen zwischen Grundsicherung und finanzieller Unabhängigkeit.

2. Hinzuverdienst ohne Rentenkürzung

Schon heute gilt: Wer die Regelaltersgrenze erreicht hat, darf unbegrenzt hinzuverdienen, ohne dass die Rente gekürzt wird. Entscheidend ist, ob Steuern und Sozialabgaben anfallen – für Rentner mit sehr niedrigen Einkünften gilt eine entscheidende Einschränkung: Wer Grundsicherung im Alter bezieht, dem wird zusätzliches Erwerbseinkommen größtenteils angerechnet. Zwar bleiben durch Freibeträge monatlich bis zu rund 280 Euro anrechnungsfrei, darüber hinaus mindert der Zuverdienst jedoch den Anspruch auf Sozialhilfe. Arbeiten lohnt sich damit auch für Grundsicherungsbezieher – aber nur begrenzt.

3. Grundrente prüfen

Wer lange gearbeitet, aber wenig verdient hat, sollte prüfen lassen, ob Anspruch auf die Grundrente besteht. Sie kann die gesetzliche Rente um mehrere Hundert Euro im Monat erhöhen – ohne Antrag, aber nur, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind.

4. Wohngeld statt Grundsicherung

Für manche Rentner ist Wohngeld die bessere Alternative zur Grundsicherung. Die Vorteile: kein Zugriff auf kleine Ersparnisse, weniger Stigmatisierung, kombinierbar mit Rente.

5. Private und betriebliche Vorsorge rechtzeitig stärken

Für Jüngere gilt: Jede zusätzliche Säule zählt. Gerade Frauen profitieren langfristig von betrieblicher Altersvorsorge, ETF-Sparplänen und freiwilligen Rentenbeiträgen in bestimmten Lebensphasen.

Wann greift die Grundsicherung im Alter?

Grundsicherung im Alter erhalten Menschen ab 67 Jahren, wenn ihre Einkünfte nicht für den Lebensunterhalt reichen. Die Leistung stockt die Rente auf und deckt den Regelbedarf sowie angemessene Kosten für Miete und Heizung. 

Dass immer mehr Senioren darauf angewiesen sind, gilt vielen Experten als Warnsignal für das Rentensystem. Die Rekordzahlen bei der Grundsicherung zeigen: Altersarmut ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Besonders Frauen tragen die Folgen jahrzehntelanger struktureller Benachteiligung. Ohne zusätzliche Reformen und ohne individuelle Vorsorge dürfte sich das Problem weiter verschärfen.

Die Aktivrente und flexible Hinzuverdienstmöglichkeiten könnten für viele ein wichtiger Rettungsanker sein. Doch klar ist auch: Für Millionen Menschen kommt jede Hilfe zu spät, wenn die Rente schon heute nicht zum Leben reicht

Beispielrechnung: Lohnt sich Arbeiten trotz Grundsicherung?

Ausgangslage:
Eine alleinstehende Rentnerin bezieht Grundsicherung im Alter. Sie arbeitet zusätzlich und verdient 1000 bzw. 2000 Euro brutto im Monat (Aktivrente / Nebenjob).

Für Erwerbseinkommen gelten bei der Grundsicherung diese Freibeträge:

  • 100 Euro Grundfreibetrag
  • plus 30 Prozent vom Einkommen über 100 Euro
  • maximal rund 280 Euro anrechnungsfrei pro Monat

 

Bei 1000 Euro Zuverdienst im Monat:

Berechnung:

  • 100 Euro Grundfreibetrag
  • 30 Prozent von 900 Euro = 270 Euro
  • rechnerisch wären 370 Euro frei, aber der Beitrag ist gedeckelt, denn anrechnungsfrei bleiben etwa 280 Euro, angerechnet werden etwa 720 Euro

 

Ergebnis: Die Rentnerin hätte rund 280 Euro mehr Geld im Monat zur Verfügung. Die Grundsicherung sinkt entsprechend, entfällt aber meist nicht vollständig.

 

Bei 2000 Euro Zuverdienst im Monat:

Berechnung:

  • 100 Euro Grundfreibetrag
  • 30 Prozent von 1900 Euro = 570 Euro
  • rechnerisch 670 Euro, aber der Beitrag wird ebenfalls gedeckelt: anrechnungsfrei bleiben: ca. 280 Euro, angerechnet werden: ca. 1720 Euro

 

Ergebnis: Trotz deutlich höherem Verdienst bleibt ebenfalls nur rund 280 Euro zusätzlich. Der Rest wird vollständig auf die Grundsicherung angerechnet.

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