Das DP-Lager in der Landsberger Saarburgkaserne war eines der größten im amerikanischen Besatzungsgebiet. Verwaiste Kinder und Jugendliche trafen sich im Kratzerkeller – und gründeten das Kibbuz „Lohamei HaGeta‘ot“, die „Ghettokämpfer“. Auf dieser Vergangenheit gründet die Kooperation zwischen der Stadt Landsberg und dem „Ghetto Fighters House“ in Israel. Jetzt wurde die gemeinsame Absichtserklärung unterzeichnet.
Landsberg – Das „Ghetto Fighters House“ ist das älteste Holocaustmuseum der Welt. 1949 gründeten es Überlebende des Warschauer Ghettoaufstandes 1943 – daher der Name. Auch deshalb zählt es zu den bedeutendsten Einrichtungen der Erinnerungskultur in Israel: Unter anderem stellte es 1961 für den Eichmann-Prozess in Jerusalem wichtige Quellen zur Verfügung. Das Museum geht aber auch den Weg in die Zukunft: „Wir haben ein spezielles Bildungsprogramm“, sagt Museumsdirektor Yigal Cohen, der mit einer Delegation diese Woche Landsberg besucht. Das Museum hat nicht nur ein eigenes Kindermuseum, dort werden auch Lehrkräfte ausgebildet, um die Vergangenheit an die nächste Generation weiterzutragen. Es gehe darum, sich den Problemen der Gegenwart, ganz besonders auch in der aktuellen Situation, zu stellen. Denn „Bildung ist der beste Weg, um die Gesellschaft zu ändern“, ist Cohen überzeugt.
Israelisches Museum und die Stadt Landsberg arbeiten zusammen: gemeinsame Vergangenheit
Die Kooperation mit Landsberg initiierte die Journalistin Karla Schönebeck, Vorsitzende des Fördervereins Liberation Concert, die das Museum im Rahmen einer Israel-Reise besuchte: „Sie hat uns gefunden und ist unser Anker hier in Landsberg“, sagt Cohen. Die historische Basis für die jetzt geschlossene Kooperationsvereinbarung ist das hier gegründete Kibbuz, das auch Ben Gurion empfing, der damals für seine Idee eines israelischen Staates warb. Zahlreiche der „Ghettokämpfer“ folgten seinem Aufruf. Weshalb Cohen beim Besuch des Kratzerkellers davon spricht, jetzt die Wurzeln des Kibbuz und des Museums nachvollziehen zu können. Es sei ein „Schlüsselerlebnis“ gewesen, ein Ort der Zukunft Israels, an dem sich „neues Leben“ entwickelt habe: „Es sind unsere Wurzeln. Die Hoffnung und Inspiration der jungen Menschen, die das Kibbuz gründeten, macht mir Mut. Diese gemeinsame Vergangenheit verpflichtet uns geradezu, eine gemeinsame Zukunft zu bauen.“
Mit dabei war auch Dr. Hanna Rosenbaum, deren Eltern sich im Landsberger Kibbuz kennenlernten – in dem Rosenbaum dann auch ‚entstand‘: „Made in Landsberg, born in Israel“, sagt Schönebeck. Ihre Eltern hätten hier den ersten Tag der Befreiung erlebt, erzählt Rosenbaum. „Und es war für sie der Schlimmste.“ Denn an diesem Tag sei ihnen die „Leere und der großen Verlust“ bewusst geworden. Die hier gefundenen Freunde seien die Familie geworden, da alle Verwandten im Holocaust gestorben waren. Ihre Mutter habe in Landsberg einen Nähkurs besucht und sich auf das Schneidern von Hochzeitskleidern spezialisiert. Auch ihr eigenes habe sie genäht, erzählt Rosenbaum. Ihre Mutter ging vor Rosenbaums Geburt nach Israel zurück, der Vater kam später nach, im Gepäck zwei Waisenkinder, deren er sich angenommen hatte. „Der Besuch hier in Landsberg macht die Zeit damals, als sich meine Eltern kennenlernten, wieder lebendig.“
Zusammenarbeit der Stadt Landsberg mit dem Ghetto Fighters House: Musik und Bildung
Für die Zusammenarbeit gebe es bereits zahlreiche erste Ideen, sagt Cohen. Er könne sich beispielsweise einen ‚Austausch‘ von Lehrkräften vorstellen. Und natürlich eine musikalische Zusammenarbeit. Die Delegation hatte bei ihrem mehrtägigen Besuch auch das Liberation Concert wenige Tage vorher in Fürstenfeldbruck besucht Auch die Musiker könnten einen Austausch starten, virtuell und in Persona, ist Cohen überzeugt. Und irgendwann gemeinsam musizieren. „Aber dieses gemeinsame Konzert ist das Ziel. Jetzt müssen wir uns erst einmal auf den Weg machen.“
OBin Doris Baumgartl sieht die Zusammenarbeit als „einen wesentlichen Teil der Erinnerungsarbeit“. Es gehe aber auch darum, Präventionsarbeit zu leisten und die Zukunft zu gestalten. Bereits mit dem Liberation Concert gehe man „völlig neue Wege der Erinnerungsarbeit“, auch sie sieht hier eine mögliches erstes Projekt der Zusammenarbeit. „Bildung, Kultur und Dialog sind die Voraussetzung für eine weltoffene und gerechte Gesellschaft.“
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Die Leiterin des Kulturbüros Claudia Weißbrodt freut sich auf den wissenschaftlichen Austausch der Archive und der Museen, aber auch ein Jugendaustausch sei wünschenswert: „Nur durch diesen lebendigen Austausch kann Geschichte transportiert werden.“ Es sei enorm wichtig und gut, nun den Blick aus Israel auf die eigene Arbeit kennenzulernen, sagt Museumsleiterin Sonia Schätz. „Das ist eine große Bereicherung. Und das Wort ‚zukunftsgerichtet‘ spricht mir aus dem Herzen.“
Mit der Unterzeichnung der gemeinsamen Absichtserklärung drücken das Museum und die Stadt Landsberg „ein Versprechen der Zusammengehörigkeit aus“, ist dort zu lesen. Angedacht sind Bildungsmaßnahmen, Kulturprojekte, der „Austausch im Bereich der Erinnerungsarbeit sowie spezielle Projekte von gemeinsamem Interesse auf historischer, wissenschaftlicher und pädagogischer Ebene.“ Abschließend trugen sich die Mitglieder der Delegation aus Israel noch ins Goldene Buch der Stadt Landsberg ein.
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