Die AMOC-Strömung steht vor dem Kollaps. Selbst Geheimdienste schlagen Alarm, denn die Konsequenzen des Wetterphänomens sind extrem.
Potsdam – Sie ist eine Art natürliche Wärmepumpe für Europa: Die Atlantische Meridionale Umwälzströmung (AMOC) gilt als eine der zentralen Meeresströmungen weltweit. Sie wälzt die Wassermassen des Atlantischen Ozeans um und sorgt so für ein mildes Klima in Europa. Doch dieses System droht zu kollabieren, und zwar schneller als bislang vermutet. Mit diesem Szenario befassen sich mittlerweile nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Geheimdienste und politische Entscheidungsträger.
Grund dafür sind die besorgniserregenden Forschungsergebnisse. Eine wissenschaftliche Arbeit von René van Westen von der Universität Utrecht, die 2024 in Science Advances publiziert wurde, gelangte bereits damals zur Erkenntnis, dass die AMOC-Strömung unmittelbar vor einem Kipppunkt steht. Auch Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung mahnt: „In unseren Simulationen tritt der Kipppunkt in wichtigen Meeresgebieten des Nordatlantiks typischerweise in den nächsten Jahrzehnten ein. Das ist sehr bedenklich.“
AMOC-Kollaps könnte Europa in einen Kühlschrank verwandeln
Sollte die AMOC-Strömung kollabieren, würde Europa selbst auf einem Planeten, der sich weiter erwärmt, eine dramatische Abkühlung erleben. „Europa könnte als die eine Region dastehen, die in einer wärmeren Welt kühler wird“, erläutert Dr. René van Westen gegenüber der britischen Nachrichtenseite Carbon Brief. Die Forschung zeige, dass „die europäischen Temperaturen der (fernen) Zukunft durch die AMOC-Stärke und das Ausmaß der globalen Erwärmung bestimmt werden“. Auch wenn eine Abkühlung auf einem sich kontinuierlich erwärmenden Planeten zunächst positiv erscheine, sei das Gegenteil der Fall. „Die Gesellschaft in vielen Teilen der nördlichen Hemisphäre ist nicht für diese Art von Kälteextremen gebaut“, so van Westen. Die Folgen wären seiner Ansicht nach fatal. „Pflanzen würden sterben und die Ernährungssicherheit bedrohen, und die Infrastruktur könnte zusammenbrechen“.
Auch Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut befürchtet dramatische Konsequenzen: Auf dem Umweltportal ecowatch.com spricht er von den weitreichenden Folgen für das Klima in Europa. „Das Modell bestätigt die langjährige Sorge, dass ein AMOC-Kollaps massive Auswirkungen auf das europäische Klima hätte, in diesem Fall mit Fokus auf Temperaturextreme“. Besonders tückisch: Europa wäre im Winter extremer Kälte ausgesetzt, während es im Sommer weiterhin unter heftigen Hitzewellen leiden würde, da sich die Klimakrise intensiviert. So zumindest die Einschätzung von van Westen gegenüber CNN.
BND warnt vor Klimakollaps: Amoc-Kipppunkt bedroht Wetter in Europa
Vergangene Woche teilte Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung auf LinkedIn erneut einen ausführlichen Beitrag zum drohenden AMOC-Kollaps. Modellrechnungen zeigen, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit entscheidend von der Menge der zukünftig ausgestoßenen CO₂-Emissionen abhängt. Positiv sei zumindest, dass die Ernsthaftigkeit der Thematik inzwischen in der Politik angekommen sei.
Sogar der Bundesnachrichtendienst (BND) in Deutschland ist alarmiert. Im Februar 2025 erschien die erste Nationale interdisziplinäre Klima-Risikoeinschätzung (NiKE). Darin bewertet der BND die Konsequenzen des Klimawandels als „eine der fünf großen externen Bedrohungen für unser Land“, so der frühere BND-Chef Bruno Kahl laut Homepage des Auswärtigen Amtes.
Andere Länder gehen dabei noch viel weiter als Deutschland. Island hat als erste Nation weltweit den drohenden Zusammenbruch der Atlantikströmung zur Gefahr für die nationale Sicherheit und zur existenziellen Bedrohung deklariert. Großbritannien investiert 81 Millionen Pfund (umgerechnet rund 93 Millionen Euro) in ein Forschungsprogramm zur Untersuchung von Klima-Kipppunkten. Das Programm „Forecasting Tipping Points“ der britischen Forschungsagentur ARIA zielt darauf ab, ein Frühwarnsystem für Klima-Kipppunkte zu entwickeln. (Quellen: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Auswärtiges Amt, ecowatch.com, LinkedIn, Science Advances, CNN, ARIA, Carbon Brief) (va)