Eine spektakuläre Übung der Bundeswehr fand am Kochelsee statt. Dabei trainierten Soldaten das Notverfahren, mit einem Fallschirm im Wasser zu landen. Jeder Griff muss auf die Sekunde genau abgestimmt sein.
Kochel am See – Zahlreiche Soldaten und einige Zuschauer stehen am Ufer des Kochelsees in Altjoch, die Blicke in den Himmel gerichtet. Dann sieht man ihn am Horizont von Südwesten aus durch die Wolken fliegen: einen M-28 Skytruck. Das Flugzeug ist circa 450 Meter über dem Kochelsee. Die dichte Wolkendecke hängt über der Maschine, anderenfalls könnten die Sprünge nicht durchgeführt werden. Dann, sobald die Klappe am Bauch des Fliegers aufgeht, hüpfen vier Fallschirmspringer der Bundeswehr raus. Innerhalb weniger Sekunden öffnen sich ihre olivgrünen Schirme. „Bei Regen können wir springen, nur nicht, wenn die untere Wolkendecke zu tief hängt oder der Wind zu stark ist“, erklärt Nico Lessentin, Pressesprecher der Luftlande-/Lufttransportschule in Altenstadt.
Nach der Landung muss es schnell gehen
Es ist ein fester Termin im Kalender der Bundeswehr. Seit 1986 trainiert die Sportschule einmal im Jahr ein besonderes Manöver am Kochelsee. „Notverfahren Wasserlandung“ ist ein Notfall-Szenario, bei dem Soldaten mit dem Fallschirm im Wasser landen müssen. Die Landung sei dabei nicht die größte Herausforderung, so Lessentin. Vielmehr gehe es darum, zu proben, sich im Wasser von der Sprungausrüstung und dem Gurtzeug zügig zu befreien. Andernfalls kann der Springer ertrinken. Normalerweise sollen Fallschirmspringer nicht im Wasser landen, die Übung bereite die Soldaten auf den Fall eines Absetzfehlers vor, was bei starkem Wind oder ungünstigen Witterungsbedingungen eintreten kann.
„Wenn die Klappe vom Flieger aufgeht, gehen bei mir schon alle Lichter an“, sagt Lessentin. Er hat seinen Sprung bereits hinter sich. Auch wenn der Soldat bereits viel Routine hat, ist das Training am Kochelsee jedes Mal aufregend für ihn. Insgesamt 100 Fallschirmspringer proben bei der zweitägigen Übung. Darunter sind auch sieben Soldaten der US-Army. „Das findet heuer im Zuge eines Austauschprogramms statt“, erklärt der Hauptmann.
Sechs Meter pro Sekunde legen Soldaten in der Luft zurück
Sechs Meter pro Sekunde legen die Soldaten in der Luft im Durchschnitt zurück, bis sie auf der Wasseroberfläche ankommen. „Je nach Thermik dauert so ein Sprung ein bis zwei Minuten.“ Dann tauchen die Soldaten mit den Füßen voraus kerzengerade in den See ein. „Die Landung ist im Wasser eigentlich angenehmer als am Land.“ Im See müssen die Bundeswehrler dann auf Zack sein. „Das Timing ist extrem wichtig“, betont Lessentin. Kurz vor dem Eintauchen ins Wasser muss der Brustgurt gelöst werden und der Reserveschirm ausgeklappt sein. „Erst beim Wasserkontakt öffnen wir dann die Beingurte, das ist essenziell, damit man sich frei bewegen kann.“
Dann warten die Soldaten im Wasser auf das Boot, dass sie herauszieht. Bei der Übung ist pro Springer ein Boot parat. Die Besatzung besteht aus einem Bootsführer, einem Rettungsschwimmer und einem Bergungshelfer. Auch die ortsansässige Wasserwacht, Feuerwehr sowie die Polizei unterstützen mit Booten und Rettungskräften. „Im Ernstfall müsste der Fallschirmspringer samt Ausrüstung an Land schwimmen“, meint Lessentin. Er sitzt auf einem Schlauchboot der Bundeswehr und schaut, dass alle Springer sicher in die Boote gezogen werden. Trainiert wird in Kochel ohne Gepäck. „Aber bei einem echten Einsatz hätte der Springer noch einen 20 bis 50 Kilogramm schweren Rucksack mit dabei, darauf verzichten wir hier aber.“ Erstens wäre es zu gefährlich und zweitens würde sehr viel Ausrüstung nass werden.
Kreuz am Ufer erinnert an tödlichen Unfall vor 30 Jahren
Passiert ist bei der Sonderübung sehr lange nichts mehr. Ein Marterl am Ufer mahnt allerdings trotz aller Professionalität und Routine zur Vorsicht. 1994 verunglückte bei einem Fallschirmsprung hier ein Bundeswehr-Major. „Er hat sich viel zu früh in der Luft aus seinem Gurtzeug befreit und ist dann auf dem Wasser aufgeschlagen. Damals hatten wir aber auch noch einen etwas anderen Ablauf. Es war ein tragischer Unfall“, so Hauptmann Lessentin.
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Pro Runde springen vier bis fünf Soldaten aus dem Flugzeug. Nach drei Anflügen geht es für den Piloten zurück nach Altenstadt, die nächsten Springer holen. „Eine Umlaufzeit dauert 45 Minuten.“ Für die Besucher gibt es in der Zwischenzeit ein Rahmenprogramm. Gepanzerte Bundeswehrfahrzeuge können begutachtet werden. „Wir haben beispielsweise den Wiesel aus Mittenwald hier.“ Andere Soldaten demonstrieren die Sprungausrüstung. „Das Programm soll die Leute in den Zeiten, in denen nicht gesprungen wird, unterhalten und natürlich dient es bestenfalls zur Nachwuchsgewinnung.“ Wenn alle Springer am Ende des Trainingstages sicher an Land und wieder trocken sind, wird gemeinsam mit der Bevölkerung gefeiert. Kochel ist übrigens Partnergemeinde des Stützpunkts in Altenstadt. (Felicitas Bogner)