In diesen deutschen Regionen gibt es besonders viele Alkoholiker

Der 31. Dezember folgt keinem festen Drehbuch: Manche feiern groß, andere bleiben zu Hause, wieder andere nutzen den Abend zum Rückzug. Doch eines eint die meisten — irgendwann werden Gläser erhoben. Man stößt an: auf das, was war, und auf das, was kommen soll. Alkohol ist in diesem Moment für viele selbstverständlich. Ein Glas gehört einfach dazu – fast so wie die Glückwünsche oder der Countdown.

Der Weg vom vermeintlich harmlosen Ritual zur riskanten Gewohnheit ist dabei oft kaum spürbar. Wer trinkt schon mit der Absicht, irgendwann abhängig zu werden? Ärztinnen und Ärzte sehen jedoch seit Jahren, wie häufig diese Grenze unbemerkt überschritten wird – mit drastischen Folgen.

Daten der Barmer Krankenkasse, die FOCUS online vorab der Veröffentlichung vorliegen, zeigen nun, wie groß das Problem in Deutschland tatsächlich ist.

Millionen Deutsche sind alkoholkrank: "Nur die Spitze des Eisbergs": 

Im Jahr 2023 litten hierzulande etwa 1.040.000 Menschen an einer diagnostizierten Alkoholsucht oder wurden wegen einer Alkoholvergiftung behandelt. Etwa 720.000 Männer und 320.000 Frauen wurden 2023 wegen psychischer und anderer Verhaltensauffälligkeiten im Zusammenhang mit Alkohol in einer niedergelassenen Praxis oder in einer Klinik medizinisch versorgt.

Hinter der festlichen Fassade am Jahresende zeigt sich damit eine stille Krise – und die unbequeme Frage, wie unproblematisch unser Umgang mit Alkohol wirklich ist. 

"Ein Alkoholproblem entwickelt sich häufig schleichend über Jahre. Daher ist es entscheidend, dass Erkrankte sich rechtzeitig an eine regionale Suchtberatungsstelle oder an die Suchtselbsthilfe wenden und professionelle Hilfe von Ärzten und Psychologen in Anspruch nehmen", sagt Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer.

Die Zahlen seien laut des Mediziners alarmierend – und das obwohl das Bewusstsein für Gefahren von Alkoholismus mittlerweile ausgeprägter sei als noch vor Jahren. Die Dunkelziffer liege vermutlich noch viel höher – die über eine Million Alkoholkranken seien lediglich die Spitze des Eisbergs.

Mecklenburg-Vorpommern fällt aus der Reihe: 56 Prozent über Bundesschnitt

Die Häufigkeit von Alkoholismus unterscheidet sich je nach Region in Deutschland stark: Unterschiede. Spitzenreiter ist Mecklenburg-Vorpommern: Mit 23,1 Personen je 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern liegt das Bundesland ganze 56 Prozent über dem Bundesschnitt. Der liegt bei etwa 15 Personen je 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern.

Hilfe für Alkoholabhängige

Sollten Sie alkoholsüchtig sein und Hilfe suchen, finden Sie hier Hotlines und telefonische Beratungsstellen:

  • Sucht- und Drogen-Hotline (bundesweit und rund um die Uhr): 01806 313031 (20 Cent / Anruf aus dem Festnetz, 60 Cent / Anruf aus dem Mobilfunk)
  • BZgA-Infotelefon zur Suchtvorbeugung: 0221 892031 (Preis entsprechend der Preisliste deines Telefonanbieters für Gespräche ins deutsche Festnetz): Montags bis Donnerstags von 10 bis 22 Uhr, Freitags bis Sonntags von 10 bis 18 Uhr
  • Im Netz finden Sie etwa Hilfe bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) oder Anonyme Alkoholiker.
  • Bei Kenn dein Limit der BZgA gibt es zahlreiche Tipps, wie Sie weniger Alkohol trinken

Das Kontrastprogramm bietet ausgerechnet Deutschlands Region mit den größten Weinanbaugebieten, Rheinland-Pfalz: Dort gab es nur etwa zwölf aufgrund ihres Alkoholkonsums behandlungsbedürftigen Personen je 1000 Einwohnerinnen und Einwohner – sieben Prozent unter dem Bundesschnitt. 

Insgesamt wird nicht nur ein klares Nordsüd-, sondern auch ein starkes Ostwest-Gefälle deutlich: Neben Mecklenburg-Vorpommern liegen besonders Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg deutlich über dem Bundesschnitt.

Unklar ist, woher diese extremen Differenzen stammen. "Regionale Unterschiede sind allein aus medizinischer Sicht nicht erklärbar. Sie spiegeln nach aktuellem Kenntnisstand unter anderem auch soziodemografische Faktoren wider, die in verschiedenen Regionen offensichtlich unterschiedlich stark ausgeprägt sind“, erklärt Straub die Auswertung des Barmer-Instituts für Gesundheitssystemforschung (bifg).

Ältere und Männer trinken häufiger zu viel

Ebenfalls auffällig in den Barmer-Daten: Menschen im Alter von 60 bis 69 Jahren sind besonders betroffen von riskantem Alkoholmissbrauch. Männer sind deutlich häufiger betroffen.

Laut Barmer zeigen die Daten auch, dass Personen mit Abitur und hohem Einkommen ein deutlich geringeres Risiko haben, alkoholabhängig zu werden. Wer sich jetzt fragt: Aber erst im Oktober 2025 hatte ein Report des Robert-Koch-Instituts gezeigt, dass mehr Alkohol getrunken wird, je höher die Bildungsgruppe? Zwar ist auch dieser keineswegs unproblematisch – allerdings ging es bei der RKI-Analyse "lediglich" um den Konsum, nicht um Alkoholismus. 

Barmer: "Zahlen sind nicht mit den Vorjahren zu vergleichen"

Die Barmer hatte bereits in den Vorjahren Daten zu der Anzahl an Menschen mit Alkoholproblem veröffentlicht. FOCUS online berichtete. Die Barmer bittet jedoch darum, diese Daten nicht mit den aktuellen Zahlen zu vergleichen – es gab Änderungen in der Methodik:

"Diesmal wurden die Saisonarbeiter nicht berücksichtigt, weil diese nicht dauerhaft in Deutschland wohnen", bestätigt ein Sprecher gegenüber FOCUS online. Ebenfalls neu in der Analyse der Daten aus 2023 sei, dass die Alkoholsucht mindestens in zwei Quartalen des Jahres diagnostiziert und die Versicherten mindestens ein Jahr bei der Barmer versichert sein müssen.