Ostdeutsche trauen uns bei der WM nichts zu, das liegt an drei Gründen

Warum glauben nur 8 Prozent der Deutschen, dass wir Weltmeister werden?

Vor der WM-Auslosung am Freitag (18.00 Uhr/MEZ) ist die Lage ganz einfach: Wir sind vorsichtig geworden. 

Die Nationalmannschaft war lange ein Symbol für Stärke und Zusammenhalt. Heute wirkt sie auf viele wie ein Instagram-Projekt mit wechselnden Botschaften, wechselnden Köpfen und wechselnden Erwartungen. Begeisterung entsteht nicht durch Trikotdesign oder Kampagnen, sondern durch erlebbare Leistung. Die vergangenen Jahre boten eher Enttäuschungen als Euphorie.

Deutschland hat sportlich kein Selbstvertrauen – und ohne Stolz entsteht keine Energie. Man fiebert nicht mit, wenn man vorher schon denkt: „Wird eh nichts.“ Optimismus muss verdient sein, und gerade im Fußball wurde er zuletzt eher verspielt als aufgebaut.

Warum ist der Wert im Osten so extrem – nur 1 Prozent?

Im Osten sitzt Skepsis tiefer. Viele Menschen dort haben gelernt: Große Versprechen enden oft in kleinen Ergebnissen. Diese Haltung ist nicht zynisch – sie ist gelernt. Wer Jahrzehnte erlebt hat, dass Erwartungen nicht erfüllt wurden, trainiert emotional einen Reflex: „Erst sehen, dann glauben.“

Christoph Maria Michalski, bekannt als „Der Konfliktnavigator“, ist ein angesehener Streit- und Führungsexperte. Mit klarem Blick auf Lösungen, ordnet er gesellschaftliche, politische und persönliche Konflikte verständlich ein. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.

Dieser nüchterne Blick trifft nun auf Fußball. Ein WM-Titel ist kein realistisches Szenario, sondern ein Traum – und Träume sind im Osten seltener öffentlich erlaubt. Nicht, weil man sie nicht hätte, sondern weil man sich nicht lächerlich machen will. Dort denkt man pragmatischer: „Bevor wir über Titel reden, sollten wir erst wieder gewinnen.“

Was steckt hinter dieser ostdeutschen Skepsis?

Man könnte drei Muster nennen — ohne sie kompliziert zu machen:

  1. Distanz: Politik, Medien, große Institutionen wirken weit weg. Darum auch der Fußball.
  2. Realismus: Erwartungen werden bewusst niedrig gehalten, um nicht verletzt zu werden.
  3. Symbolische Entwertung: Nationalstolz wird gezeigt – aber innerlich nicht mehr getragen.

Diese drei Elemente erzeugen eine Haltung, die man so zusammenfassen könnte: „Wir schauen erst einmal. Wenn ihr uns wieder begeistert, sind wir dabei – aber holt uns bitte ab, nicht nur mit Worten.“

Aber ist der Osten nicht eigentlich patriotischer?

Ja – zumindest sichtbarer. Flaggen, Symbole, direkte Sprache, klare Zugehörigkeit: Das fällt auf. Aber Patriotismus bedeutet nicht automatisch Optimismus. Im Gegenteil: Wer Heimat ernst meint, reagiert sensibel, wenn er das Gefühl hat, dass etwas nicht mehr passt.

Das DFB-Team beim Spiel in Luxemburg
Das DFB-Team beim Spiel in Luxemburg dpa

Im Osten zeigt sich Patriotismus eher als Schutzinstinkt statt als Jubel. Man verteidigt das, was einem wichtig ist – man jubelt nicht vorsorglich. Und im Fußball gilt: Wer sein Land liebt, akzeptiert keine Mittelmäßigkeit. Der Satz, den man dort oft hört: „Stolz ja – aber nicht für alles.“

Liegt es daran, dass Nationalspieler heute vielfältiger sind?

Die These klingt verlockend, ist aber zu flach. Vielfalt irritiert nur dort, wo Identifikation ohnehin schon brüchig ist. Entscheidend ist nicht Herkunft, sondern Haltung. Menschen wollen spüren: „Diese Mannschaft spielt für uns – nicht für Sponsoren, Reichweite oder Image.“

Wenn Leistung überzeugt, verschwinden Diskussionen über Namen, Sprachen oder Biografien schneller als eine Stadionwurst. Das Problem ist nicht Vielfalt – das Problem ist fehlende emotionale Bindung. Niemand jubelt für Personen. Man jubelt für Haltung.

Was bedeutet dieser 1-Prozent-Wert für Deutschland?

Er ist kein Zeichen von Resignation, sondern ein Spiegel. Er zeigt: Viele Menschen glauben nicht mehr an große Erzählungen – weder im Sport noch in Politik oder Gesellschaft. Vertrauen ist kein Selbstläufer. Es entsteht durch erlebbare Leistung, Zugehörigkeit und echtes Miteinander.

Die Frage ist also nicht: „Warum glaubt der Osten nicht an den Titel?“ Sondern: „Wann gibt Deutschland seinen Menschen wieder einen Grund zu glauben?“ Ein WM-Titel wäre schön – aber Vertrauen wäre schöner.