Verfälschte Daten und verzerrte Erwartungen - Über 100 Jahre leben - ist die Langlebigkeit in den Blue Zones nur eine Illusion?

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Getty Images/freemixer Die Sehnsucht nach einem langen Leben ist tief in uns verankert, doch die Qualität dieses Lebens ist mindestens genauso wichtig wie die Quantität.
Dienstag, 29.10.2024, 11:49

120 Jahre alt werden, versprechen das die „Blue Zones“ wirklich? Neue Forschungsergebnisse werfen Zweifel auf die Daten zur extremen menschlichen Langlebigkeit. Sind die Erfolgsstorys über ein biblisches Alter nur schöne Märchen oder gibt es echte Wissenschaft dahinter? Die Antwort überrascht.

Langlebigkeit: Mythos oder Realität?

Wir leben in einer Zeit, in der das Streben nach einem langen, gesunden Leben fast schon zum Trend geworden ist. Bücher, Dokumentationen und Gesundheitsgurus schwören auf Tipps aus den sogenannten „Blue Zones“ – Regionen der Welt, in denen überdurchschnittlich viele Menschen die magische 100 knacken sollen. Doch wie fundiert sind diese Daten wirklich? Die Antwort könnte ernüchternd sein.

Saul Justin Newman, der am Centre for Longitudinal Studies des University College London forscht, hat sich in einer in diesem Jahr veröffentlichten Studie genauer mit den Zahlen zur extremen Langlebigkeit beschäftigt und kommt zu dem Schluss: Viele dieser Daten sind „von innen heraus verfault“. Das klingt drastisch, aber lassen Sie uns das Ganze genauer unter die Lupe nehmen.

Über Nils Behrens

Nils Behrens
Privat Nils Behrens

Nils Behrens ist der Chief Brand Officer von Sunday Natural und der Host des Gesundheitspodcasts HEALTHWISE. Zuvor war er über 12 Jahre als Chief Marketing Officer das Gesicht der Lanserhof Gruppe und Gastgeber des erfolgreichen "Forever Young"-Podcasts. In über 200 Experteninterviews erforschte er Wege zu einem längeren und fitteren Leben. Als Dozent an der Hochschule Fresenius und auf LinkedIn berichtet er regelmäßig über neue Studien im Gesundheitssektor. In seiner Freizeit ist er passionierter Läufer, Triathlet und Radrennfahrer.

Was sind „Blue Zones“ und warum faszinieren sie uns so?

Der Begriff „Blue Zones“ wurde durch den Forscher Dan Buettner geprägt, der Gebiete wie Okinawa (Japan), Sardinien (Italien) oder Nicoya (Costa Rica) als Vorbild für Langlebigkeit nannte. Dort sollen Menschen nicht nur häufiger die 100 überschreiten, sondern dabei auch noch geistig und körperlich fit bleiben. Ihre Geheimnisse? Eine pflanzenbasierte Ernährung, soziale Verbindungen, Bewegung im Alltag und das Vermeiden von Stress.

Aber so ansprechend das klingt, könnte es sein, dass wir hier einer Illusion aufsitzen. Newman und andere Kritiker werfen nämlich die Frage auf: Wie verlässlich sind die Daten, die solche Altersrekorde belegen? Oft basieren diese Informationen auf mündlichen Überlieferungen oder fehlerhaften Geburtsurkunden – besonders in Ländern, in denen es früher keine systematische Altersdokumentation gab.

Die Schwächen der Langlebigkeitsforschung

Wie Newman in seiner Studie betont, gibt es in vielen Fällen schlichtweg keine genauen Aufzeichnungen über Geburts- und Todesdaten. Besonders in ärmeren oder ländlichen Regionen wurden Menschen ohne offizielle Dokumente geboren, und es war jahrzehntelang Usus, das Alter lediglich zu schätzen. Und hier liegt das Problem: Die Altersschätzungen können fehlerhaft sein und die Lebenserwartung künstlich in die Höhe treiben.

Ein weiteres Problem ist die Selektion der Daten. Oft werden die extremsten Fälle hervorgehoben, um eine faszinierende Geschichte zu erzählen – wer hört schließlich nicht gerne von einem vitalen 120-Jährigen? Doch diese Anekdoten verzerren die Realität. Die Durchschnittsalter dieser Regionen wird oft nicht erwähnt, da es weit weniger spektakulär ist.

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Sind 120 Jahre überhaupt möglich?

Das Altern an sich ist ein komplexer biologischer Prozess, den die Wissenschaft noch lange nicht vollständig versteht. Was wir jedoch wissen: Es gibt eine genetische Grenze. Die französische Frau Jeanne Calment, die offiziell als ältester Mensch der Welt gilt, starb im Alter von 122 Jahren. Doch auch ihre Geschichte wurde bereits mehrfach in Frage gestellt.

Laut aktuellen Studien könnte die maximale menschliche Lebensspanne irgendwo bei etwa 115 Jahren liegen. Alles darüber hinaus sei, so Newman, eher Ausnahme als Regel. Dies bedeutet nicht, dass es unmöglich ist, älter zu werden – aber es könnte wesentlich seltener und untypischer sein, als uns viele Geschichten glauben lassen.

Die Rolle von Lifestyle und Genetik

Natürlich gibt es viele Faktoren, die unser Altern beeinflussen. Ernährung, Bewegung und Stressbewältigung sind unbestritten wichtig, aber sie können die genetischen Grundlagen nicht völlig außer Kraft setzen. Menschen in den Blue Zones führen oft ein einfaches Leben, das stark von traditionellen Werten geprägt ist – weniger verarbeitete Lebensmittel, enge Familienstrukturen, regelmäßige körperliche Aktivität. Das alles sind wunderbare Ansätze, die jeder in seinen Alltag integrieren kann, aber sie garantieren nicht, dass wir 120 Jahre alt werden.

Zudem ist Genetik ein wesentlicher Faktor. Selbst in den Blue Zones erreichen nicht alle Menschen ein hohes Alter und es ist wahrscheinlich, dass diejenigen, die es tun, einfach über besonders vorteilhafte Gene verfügen. Diese Gene können das Risiko für Krankheiten wie Herzleiden oder Krebs verringern, aber auch hier gibt es keine Garantie.

Verfälschte Daten und verzerrte Erwartungen

Was bedeutet das alles für uns, die nach dem Geheimnis des langen Lebens suchen? Zunächst einmal ist es wichtig, mit realistischen Erwartungen an das Thema heranzugehen. Extreme Langlebigkeit – wie sie uns in vielen Medienberichten präsentiert wird – ist wohl eher die Ausnahme als die Regel. Die Forschung zeigt immer deutlicher, dass viele dieser beeindruckenden Altersangaben nicht ganz korrekt sind und oft auf falschen oder unvollständigen Daten beruhen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir die Prinzipien aus den Blue Zones komplett über Bord werfen sollten. Ein gesunder Lebensstil mit bewusster Ernährung, ausreichend Bewegung und sozialer Vernetzung bleibt nach wie vor das Beste, was wir tun können, um unsere Chancen auf ein langes und gesundes Leben zu erhöhen. Nur sollten wir uns nicht von irreführenden Zahlen oder Erwartungen unter Druck setzen lassen.

Länger leben, ja – aber um jeden Preis?

Die Sehnsucht nach einem langen Leben ist tief in uns verankert, doch die Qualität dieses Lebens ist mindestens genauso wichtig wie die Quantität. Es ist schön, nach den Geheimnissen der Blue Zones zu streben, aber am Ende sollten wir uns fragen: Wollen wir wirklich ewig leben oder lieber die Zeit, die wir haben, in voller Gesundheit und mit Freude genießen?

Die Wissenschaft mag uns eines Tages näher an die Grenze der 120 Jahre bringen, doch bis dahin sollten wir uns auf das konzentrieren, was wir kontrollieren können: unsere Lebensweise, unsere Beziehungen und unser Wohlbefinden im Hier und Jetzt. Denn das ist letztendlich das wahre Geheimnis eines langen und erfüllten Lebens – und das ganz ohne falsche Versprechungen.

Content stammt von einem Experten des FOCUS online EXPERTS Circles. Unsere Experts verfügen über hohes Fachwissen in ihrem Bereich. Sie sind nicht Teil der Redaktion. Mehr erfahren.