Wir machen Druck, wenn das Internet im Dorf ausfällt. Wir sind der Lautsprecher, wenn die Kinderklinik Hilfe braucht oder Vereine zu sterben drohen. Und manchmal müssen wir auch über den König von Thailand recherchieren. Was Lokaljournalismus, die kleinste vierte Gewalt im Land, bewegt.
Nein, ich bin kein auf Undercover-Recherchen spezialisierter Investigativ-Reporter, dem Whistleblower in Kapuzenpullis alle paar Wochen auf einem abgelegenen Parkplatz geheime Dokumente zustecken. Aber Menschen rufen mich an oder schreiben mir, wenn ihr DHL-Paket in der App-gesteuerten Packstation gelandet ist, sie aber kein Smartphone besitzen. Wenn ihnen jemand einen toten Fisch in den Briefkasten geworfen hat. Wenn sich ihre Frau das Bein gebrochen hat, weil der Winterdienst seit Tagen nicht räumt. Oder wenn bei der Rettungsorganisation, für die sie seit Jahren ehrenamtlich den Kopf hinhalten, etwas bei den Gehaltsabrechnungen falsch läuft.
Mit dem schnellsten Tragflächen-Elektroboot der Welt über den Starnberger See rasen? Einen Wettersatelliten, der bald ins All fliegt, aus nächster Nähe sehen? Mit einem Landwirt die Kühe für die Almsaison verladen? Den Kabeltausch an der Höchstspannungsleitung begleiten? Mitten unter anonymen Alkoholikern sitzen oder die Corona-Beatmungsstation besuchen? Wir Lokaljournalisten dürfen und machen das alles neben unserem täglich Brot (Polizeimeldungen, Gemeinderat, Vereinsberichte).
Die schönen Reportagen-Termine sind aber nur eine Seite unseres vielfältigen Jobs. In Zeiten, in denen man den Überblick über die globalen Krisen fast verliert, on- und offline Fake News verbreitet werden und selbst Menschen mit mittlerem Einkommen in und um München knapsen müssen, bin ich froh, dass mein Beruf etwas bewirken, ja die Welt im Kleinen verbessern kann. Erklären und hinterfragen, die Wahrheit, die oft in der Mitte liegt, aus vielen Aussagen und Quellen destillieren: Das treibt mich und meine Kolleginnen und Kollegen an.
Die vierte Gewalt im Kleinen
Aber bin ich schon die vierte Gewalt im Land, wenn ich beim Telekommunikationsanbieter nachfrage, warum die Menschen in der Pöckinger Lindenbergsiedlung seit Wochen keine Internetverbindung haben? Wenn ich die Pressestelle der S-Bahn München damit konfrontiere, dass die automatische Zugtür jemandem eine Krücke weggezogen hat, die kilometerweit mitfuhr und zur Gefahr wurde? Oder wenn ich einen obdachlosen Mann mit Selbstmordgedanken unbürokratisch an die Hilfsstelle der Caritas vermittle? Ich meine ja. Denn der einzelne Bürger steht in solchen Fällen oft machtlos großen Apparaten gegenüber. Und dann sind wir Lokaljournalisten sein Anwalt. Oft reicht schon ein Anruf, eine E-Mail unsererseits – und auf einmal bewegt sich etwas.
Doch manchmal muss auch Lokaljournalismus hartnäckig und investigativ sein. Und manchmal betrifft eine Recherche sogar den König von Thailand. Es war 2020, als der Bürgerverein Tutzinger Liste sich an unsere Starnberger Lokalredaktion wandte. Eine ehemalige Wirtschaftsprüferin konnte nachweisen, dass Tutzing ein sechsstelliger Betrag in der Gemeindekasse fehlte – Geld von Rama X. Nach vielen Telefonaten, E-Mails und Hintergrundgesprächen konnte ich berichten, dass sich nicht etwa der reiche Monarch weigerte, für seine Luxus-Villa am Starnberger See Zweitwohnungssteuer zu zahlen, sondern die Gemeinde den König über Jahre nicht zur Kasse gebeten hatte. Und das, obwohl die finanziell gebeutelte Kommune das Geld dringend für Straßensanierungen und Co. gebraucht hätte und nebenbei alle Bürger gleich behandeln muss.
Investigative Recherchen im Lokaljournalismus
Äußerst investigativ ging meine Kollegin Christiane Mühlbauer vom Tölzer Kurier vor. Sie wurde für ihre monatelange Recherchearbeit zu Unregelmäßigkeiten in einer kommunalen Kläranlage mit dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse – die höchste Auszeichnung für den Merkur jemals – und dem Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung geehrt. Unter dem Titel „Eine schmutzige Geschichte“ erklärte sie, dass 13 Schlüssel zur Kläranlage im Umlauf waren, dass unkontrolliert Fäkalien eingeleitet wurden und dass es bei der Auftragsvergabe für die Klärschlamm-Entsorgung nicht korrekt zuging.
Der Kurier half auch einer Frau dabei, sich 30 Jahre später bei ihren Lebensrettern zu bedanken. Sie war erst fünf Jahre alt, als das Auto ihrer Familie in eine Klamm stürzte. Ihr Opa, ihre Oma und ihr Bruder kamen ums Leben. Nach einem Aufruf in der Zeitung meldeten sich Einsatzkräfte von damals und trafen die Frau, die die Vergangenheit so ein Stück weit abschließen konnte.
In Garching lief einer jungen Familie, die sich gerade den Traum vom Eigenheim erfüllt hatte, 2024 der Keller voll. Die Versicherung zahlte nicht, die Verzweiflung war groß. Auf den Merkur-Artikel hin meldete sich ein Bauunternehmer aus dem Allgäu. Der selbstlose Mann hatte schon Wasserschäden im Ahrtal beseitigt – und half auch in Garching.
Armut im ach so reichen Starnberg
Als Lokalredakteur im ach so reichen Starnberg musste ich lernen, dass auch dort die Lebensmittel-Tafeln immer mehr Bedürftige versorgen müssen. Zum Glück gab es an Weihnachten die Spendenaktion „Miteinander gegen Armut“ von Merkur und tz. Und mir wurde klar, dass der klamme Landkreis dem Kreiskrankenhaus nicht mal eben so die dringend benötigte zentrale Monitoranlage für die Kinderklinik kaufen kann. Sondern, dass diese Investition nur mithilfe eines Fördervereins möglich ist – und dank mehrerer Artikel, die Menschen mit Spenderherz erreichten.
Ich könnte jetzt noch viele Beispiele aufzählen, aber wo soll ich anfangen? Bei geretteten Nachbarschaftshilfen, Jugendtreffs und Dönerläden von Garmisch bis Freising? Bei Leukämiekranken, die den passenden Stammzellenspender gefunden haben? Die Bandbreite an Problemen, Missständen, Ärgernissen, aber auch freudigen Ereignissen und positiven Nachrichten, mit denen wir es täglich in den Redaktionen zu tun haben, ist unerschöpflich. Oft können wir helfen, einen Konflikt aus der Welt zu schaffen. Und manchmal helfen wir Menschen auch einfach nur durchs Zuhören. Nicht immer springt ein Artikel heraus, aber diese Dialoge stärken die Bindung zu Ihnen, liebe Leser. Und die ist uns ungemein wichtig – weil wir jeden Tag voneinander profitieren.
Ippen.Media ist die größte Plattform für Lokaljournalismus
Eine lebendige Demokratie braucht starke, unabhängige Lokalmedien – heute mehr denn je. Um diese Bedeutung herauszustellen, veranstaltet das Netzwerk von Ippen.Media heute den Tag des Lokaljournalismus. Das Netzwerk von Ippen.Media ist die größte Plattform für Lokaljournalismus in Deutschland. Mehr als 80 Marken sind Teil des Netzwerkes: darunter der Münchner Merkur, die tz, die Frankfurter Rundschau, die HNA, die Kreiszeitung und der Westfälische Anzeiger, jeweils mit ihren lokalen Titeln. Täglich erscheinen rund 750 000 Ausgaben der Tageszeitungen und wöchentlich mehrere Millionen Ausgaben der Wochenzeitungen. Die digitalen Angebote, zu denen auch merkur.de gehört, werden jeden Monat rund 300 Millionen Mal besucht. Damit zählt das Netzwerk von Ippen.Media zu den größten digitalen Medienhäusern in Deutschland. Insgesamt erreicht das Netzwerk rund die Hälfte aller Deutschen. 2000 Journalisten berichten täglich aus und über weit mehr als 100 Landkreisen: von Freising bis Frankfurt, von Starnberg bis Salzwedel. Mehr dazu auf merkur.de, unserer Merkur-App – oder registrieren Sie sich doch gleich für einen unserer regionalen Newsletter unter merkur.de/newsletter.