Was passiert, wenn Menschen monatelang von der Welt abgeschnitten sind? Eine Antarktis-Studie zeigt die überraschenden Veränderungen.
Concordia – Die Antarktis ist der unwirtlichste und abgelegenste Kontinent der Welt und doch ist die Region für die Forschung sehr wichtig. Nicht nur zum Klimawandel und dem Schmelzen der Pole wird in der Antarktis geforscht – auf 3233 Metern Höhe und bei Außentemperaturen von bis zu minus 70 Grad Celsius kümmern sich Forscherinnen und Forscher in der Concordia-Station auch um ganz anderen Themen. Eines davon sind die Auswirkungen extremer Lebensbedingungen auf den menschlichen Körper.
Eine kürzlich veröffentlichte Studie hat sich dabei der Isolation in der Antarktis gewidmet – neun Monate lang sind die Forscherinnen und Forscher von der Außenwelt abgeschnitten. Ein Forschungsteam fragte sich deshalb: Wie verändert sich der Geschmacks- und Geruchssinn, wenn Menschen monatelang in Isolation leben? Die Studienergebnisse wurden im Fachjournal Scientific Reports veröffentlicht.
Studie untersucht Menschen, die neun Monate auf der Antarktis in Isolation lebten
Für die Studie wurden 19 Personen während zweier Überwinterungs-Missionen an der Antarktis-Station Concordia untersucht – ein Großteil davon war männlich, das Durchschnittsalter betrug 39,2 Jahre. Die Tests fanden sechs Wochen vor der Abreise in die Antarktis, dreimal während der Isolation und sechs Monate nach der Rückkehr aus der Antarktis statt.
Das Forschungsteam nutzte standardisierte Tests, um die Geruchs- und Geschmacksfunktion zu messen:
- Geruchssinn: Schwellenwert, Unterscheidungsvermögen, Identifikation des Geruchs
- Geschmackssinn: Wahrnehmung von süß, sauer, salzig und bitter in verschiedenen Konzentrationen
Störungen von Geruchssinn und Geschmackssinn bei Isolation in der Antarktis
Die Ergebnisse des Forschungsteams zeigen, dass während der Isolation in der Antarktis Geruchsstörungen bei den Teilnehmenden deutlich zunahmen. Zu Beginn hatten 21 Prozent der teilnehmenden Personen eine verminderte Geruchswahrnehmung, während des langen Antarktis-Aufenthalts stieg dieser Wert auf bis zu 37 Prozent. Besonders die Fähigkeit, Gerüche zu identifizieren, nahm im Laufe der Zeit ab.
Beim Geschmackssinn zeigte sich vor allem eine Verschlechterung der Wahrnehmung von Salz. Der Anteil der Teilnehmenden mit verminderter Salzempfindlichkeit verdoppelte sich während der Antarktis-Isolation auf 32 Prozent. Nach der Rückkehr normalisierte sich dieser Wert wieder. Gleichzeitig verbesserte sich bei einigen Teilnehmenden die Wahrnehmung von süßen und bitteren Geschmäckern. Die Forschenden vermuten, dass die erhöhte Empfindlichkeit für süßen Geschmack eine Anpassung an den höheren täglichen Kalorienbedarf sein könnte oder eine Reaktion auf Stress darstellt.
Antarktis-Erkenntnisse sind auch für den Alltag relevant
Besonders auffällig: die Einschätzungen der Teilnehmenden stimmten oft nicht mit den tatsächlichen Testergebnissen überein. Während der Isolation berichteten zwischen 21 Prozent und 37 Prozent der Teilnehmenden über Veränderungen ihrer Geruchsempfindlichkeit, doch nur bei einem Teil von ihnen konnten diese Veränderungen auch in den Tests nachgewiesen werden. „Diese begrenzte Übereinstimmung ist in der Literatur gut dokumentiert, sowohl unter Standardbedingungen als auch in anderen ICE-Umgebungen, wie beispielsweise Weltraummissionen“, erklärt das Forschungsteam. „ICE“ steht dabei für die englischsprachigen Begriffe „isolated, confined, and extreme“, also „isoliert, eingeschränkt und extrem“.
Die Erkenntnisse aus der Antarktis seien nicht nur für Langzeitexpeditionen oder Langzeit-Raumflüge relevant, sondern auch für alltäglichere Situationen, ist sich das Forschungsteam sicher und zählt beispielsweise die Langzeitpflege, Pandemie-Lockdowns, U-Boote und andere „abgelegene Arbeitsstätten“ auf. (Verwendete Quellen: Studie) (tab)