Die Verfolgungsjagd der US-amerikanischen Küstenwache mit einem Tankschiff der berüchtigten russischen Schattenflotte hat wochenlang für Schlagzeilen gesorgt. Sie zeigt, wie sehr sich das US-Involvement in Venezuela auf Russland auswirkt. Der Kreml hat sich über Jahre hinweg in Venezuela eingekauft und steht nun vor dem Problem, dass all das möglicherweise umsonst war. Der US-Angriff auf den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro trifft auch eine zweite asiatische Großmacht: China.
Wie Venezuela Chinas Straßen speist
Erstens hat China (genau wie Russland) viele Milliarden in Venezuela investiert und sieht seine Felle davonschwimmen. Zweitens gilt das Reich der Mitte als einer der wichtigsten Importeure von venezolanischem Rohöl. Kein Land der Welt nimmt so viel davon ab wie China. Laut Gus Vasquez, einem Fachmann für den gesamtamerikanischen Ölmarkt bei der Preisberichtsagentur Argus Media, liegt das an der besonderen Natur des Öls.
Im Detail handelt es sich um Merey-16, ein schweres Öl mit einem „außergewöhnlich hohen Anteil an Bitumen“ für den Straßenbau. Dieses Öl gelangt vorrangig in die chinesische Provinz Shandong, wo eine Vielzahl von Raffinerien dort 40 Prozent des chinesischen Bitumens produziert. Vasquez spricht hier von 250.000 Barrel pro Tag.
Drosselung in Chinas Wirtschaft: Rohöl könnte fehlen
Zwar kann China auf eine Bandbreite von Anlieferern zugreifen (das meiste Öl kommt zum Beispiel aus Russland und aus dem Iran), aber der Wegfall der venezolanischen Lieferungen könnte zu einem glatten Stillstand führen. Zum Vergleich: Die Raffinerien in Shandong bezogen vor der Blockade pro Tag rund 430.000 Barrel venezolanischen Öls, dagegen aber nur 130.000 Barrel aus dem Iran.
„Jede Unterbrechung der Importe von schwerem saurem Merey-Rohöl aus Venezuela würde bedeuten, dass dort entweder die Bitumenproduktion ab März gedrosselt werden muss, oder dass China teurere Rohölsorten kaufen muss“, erklärt Vasquez gegenüber FOCUS online. Die Drosselung hält er für am wahrscheinlichsten.
Ob das für China ein größeres Problem darstellt, ist fraglich. Auf Nachfrage teilte der Ölexperte Tom Reed, wie Vasquez von Argus Media, mit, dass sich erstens noch ein Teil venezolanischen Öls im Umlauf befinden würde, außerdem würden 2026 sowieso weniger Infrastrukturprojekte in China vorangetrieben. Als wichtiger schätzt Reed die Auswirkungen auf den globalen Ölmarkt ein.
„Die Übernahme der venezolanischen Öl-Assets durch die USA sorgt für eine Bewegung von Ölsorten wie Merey weg vom Shandong-Markt hin auf den weltweiten Ölmarkt, und wird in der Theorie mehr Abwärtsdruck auf die globalen Rohölpreise legen.“ OPEC-Schnitte hätten lange für Engpässe bei schwerem, saurem Rohöl gesorgt. Damit könnte es vorbei sein.
China umgeht gezielt West-Sanktionen
Mit seinen Öl-Importen hat China lange die Wirtschaft Venezuelas unterstützt. Der Thinktank Atlantic Council gab dazu an, das Land würde hauptsächlich in Stablecoins und anderen digitalen Währungen bezahlen, um gezielt westliche Sanktionen zu umgehen. Ähnlich hatte China seit 2022 mit Russland gehandelt: Nachdem Europa als hauptsächlicher Käufer für russisches Öl entfallen war, war China eingesprungen und hatte Russlands Wirtschaft quasi vor dem Kollaps gerettet.
Für US-Präsident Donald Trump ist all Teil seiner Bemühungen, die wachsende Vorherrschaft Pekings in Südamerika zu behindern. Die Botschaft dahinter: In Amerika ist kein Platz für eine zweite Großmacht. Trump selbst hat diese neue Strategie bereits „Donroe-Doctrine“ genannt, quasi eine Neuauflage der im 19. Jahrhundert geltenden Monroe-Doktrin. Diese hatte unter anderem vor ausländischer Einmischung in Gesamtamerika gewarnt.
Übermacht aus Peking: Trump könnte zu spät handeln
Experten gehen jedoch davon aus, dass es dafür schon zu spät ist. Das Weiße Haus kann so viel fordern, dass die südamerikanischen Länder ihre Beziehungen zu China kappen, wie es will – China sei den USA allerdings viele Jahre voraus. „Über praktisch die gesamte Laufzeit des 21. Jahrhunderts hatte China die Oberhand in allen wirtschaftlichen Belangen Lateinamerikas“, zitierte Bloomberg dazu Enrique Dussel Peters, Chef des Mexico-China-Studies-Center der National Autonomous University of Mexico. Die tief vernetzten Lieferketten, die Peking aufgebaut hat, ließen sich nur schwerlich aufdröseln.
Chinas Güterhandel mit der Region ist seit dem Jahr 2000 um rund das Vierzigfache gewachsen. 2024 soll er ein Volumen von 518 Milliarden US-Dollar umfasst haben. Speziell beim Bitumen ist die asiatische Großmacht eher Importeur als Exporteur: 2023 hatte es einen Anteil von 1,22 Prozent am gesamten Export (Observatory of Economic Complexity). Das meiste Bitumen lieferte es an die Demokratische Republik Kongo.