130 Jahre Tradition unter acht Kastanien: Gasthof zur Mühle in Ismaning feiert Jubiläum

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Auf der Holzbrücke an der Mühle: Familie Seidl mit (v.l.) Anton und Sandra, die den Gutshof seit 2002 leiten, den Kindern Anton und Maria, die die nächste Generation bilden, und den Großeltern Anton und Rosa, die aus der Mühle unter anderem ein Tanzlokal gemacht haben, in dem sich etliche Ismaninger Paare näher kamen. © Gerald Förtsch

Die Familie Seidl hat einen Grund zum Feiern: Seit 130 Jahren gibt es den Gasthof zur Mühle in Ismaning und die Zukunft ist mit der nachfolgenden Generation auch schon gesichert.

Ismaning - An einem heißen Julitag stoßen die Gäste mit einem Krug Bier in der Hand an. Vorne am Ausschank holen sich die Ersten bereits die zweite Runde vom Bierfass, das Anton Seidl sen. eben angezapft hat. Die Kellnerinnen im Dirndl bringen Krustenbraten, Obazden und Wurstsalat an die Tische. Kinder flitzen durch die Gänge. Eine Blaskapelle sorgt für Biergartenstimmung. Schaut man sich ein Foto von 1930 an, fällt kein Unterschied auf. Die acht Kastanienbäume sind etwas gewachsen. Sonst ist alles gleich geblieben. Seit 130 Jahren kommen die Ismaninger gerne im Gasthof zur Mühle zusammen.

Frisch gezapftes Bier schmeckt am besten: Anton Seidl mit den Brauern von Hacker Pschorr.
Frisch gezapftes Bier schmeckt am besten: Anton Seidl mit den Brauern von Hacker Pschorr. © Gerald Förtsch

Ursprünglich sollte das Jubiläum am Johannistag gefeiert werden. Ein besonderer Tag für den Gasthof: Seit dem 24. Juni 1894 besteht die Partnerschaft mit Hacker Pschorr. Wegen des Wetters musste die Familie das Biergartenfest zum 130. Bestehen ihres Gasthofes zweimal verschieben. Zwei Wochen später fährt die Brauerei doch noch mit einem Anhänger voller Bierfässer und einer Blaskapelle vor.

Wo Wasser ist, da dreht sich immer was.

Seit 2002 leitet der vierte Anton den Gasthof. Mit Ehefrau Sandra will er, dass sich die Gäste wie Zuhause fühlen. „Unsere Mühle ist das Wohnzimmer Ismanings“, sagt Sandra Seidl, ihr Mann stimmt zu: „Mit unserem Mühlenteam schaffen wir Erinnerungen, die im Kopf bleiben.“ Wenn die Seidls abends ins Bett gehen, hören sie die Krüge klirren. Auf der Brücke neben der Mühle unter den Trauerweiden haben sich unzählige Hochzeitspaare fotografieren lassen. Es sind die besonderen Dinge im Leben, die in der Mühle stattfinden: Geburtstag, Kommunion, Firmung oder eben ein lauschiger Sommerabend, an dem die Blasmusik spielt. „Wir sind Treffpunkt und machen's anderen schön“, sagt Sandra Seidl. „Das zu sehen und selbst zu genießen, ist ein Stück vom Glück.“

Seidl hat das Mühlhauser Anwesen 1857 gekauft

Die Familie blickt auf über 130 Jahre Tradition im Gastgewerbe zurück. 1894 teilte Johann Seidl seinen Gutshof unter seinen Söhnen auf. Sein Vater hatte das Mühlhauser Anwesen in Ismaning um 1857 gekauft, ein Gutshof mit Säge- und Getreidemühle. Sein Motto: „Wo Wasser ist, da dreht sich immer was.“ Der erste Enkelsohn Johann bekam die Sägemühle, das heutige Kultur- und Bildungszentrum Seidl-Mühle, und der jüngere Anton, die kleinere Mühle im Ortskern zwischen Kirche und Schloßpark. Jener Anton Seidl eröffnete 1894 zur Getreide-Mühle eine Gaststätte, den Gasthof zur Mühle. Vier Jahre später brannte die Getreidemühle bei einem Blitzschlag ab, und ein Wasserkraftwerk zur Stromversorgung entstand. 1940 übernahm sein Sohn Anton die Gaststätte samt Landwirtschaft und erweiterte sie nach dem Krieg zu einem Gasthof mit Fremdenzimmern. Immer mehr Leute strömten sonntags nach der Kirche in die Stube, um den Krustenbraten seiner Frau zu genießen. In den 1970er Jahren etablierte der dritte Anton mit Frau Rosa ein Tanzlokal in der Mühle. Etliche Paare näherten sich beim Discofox im „Beatschuppen“ an. Das Hotel zur Mühle eröffnete das Ehepaar im September 1982 mit 99 Zimmern und ergänzte ein paar Jahre später Konferenzräume und Wellnessbereich.

Unsere Mühle ist das Wohnzimmer Ismanings.

Heute führen Sandra und Anton Seidl den Gasthof. Die Kinder Anton und Maria packen im Biergarten mit an. „Die nächste Generation steht in den Startlöchern“, sagt Papa Seidl. Beide gehen auf die Hotelfachschule. Dabei hat die Gastrobranche wie viele andere mit Personalmangel, Bürokratie und Inflation zu kämpfen. Aber Anton Seidl ist überzeugt.: „Die nächste Generation wird die Probleme der Zeit lösen.“

Das Wohnzimmer Ismanings unter 130 Jahre alten Kastanienbäumen.
Das Wohnzimmer Ismanings unter 130 Jahre alten Kastanienbäumen. © Gerald Förtsch

Unter den 60 Mitarbeitern arbeitet mehr als die Hälfte seit Jahren für Familie Seidl. Franz Rohleder, Küchenchef seit fast 30 Jahren, kocht an Spitzentagen für 600 Gäste. In den drei Stuben haben 160 Leute Platz. Bekannt ist die Mühle für den Krustenbraten und den „Mühlenteller“ mit gegrillten Medaillons von Rind und Hähnchen mit Gemüse und Spätzle. Weil Anton Seidl passionierter Jäger ist, landet im Herbst viel Wild auf dem Teller. Zweimal im Jahr bespricht Rohleder mit den Seidls das Menü. „Er ist einfach unglaublich“, sagt Seidl. „Ihm fällt immer wieder etwas Neues ein.“ Regional, saisonal und vollwertig muss es für die Seidls sein. „Bei uns kann man die bayerische Esstradition genießen.“

Die Mühle war sogar schon einmal im Fernsehen. Beim Tatortabend fiel den Seidls auf: „Der Mörder haut vom Hotelzimmer über den Seebach in den Biergarten ab.“ Aber auch andere Stars fanden den Weg in den Gasthof: das verrückte Paar Harald Juhnke und Grit Böttcher, genauso wie Otto von Habsburg, letzter Kronprinz von Österreich-Ungarn. Aber wenn die richtigen Menschen beisammensitzen, das Bier kühl ist und der Wurstsalat schmeckt, kommt auch ohne VIP-Gäste Stimmung auf.

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