In der Debatte um die Wehrpflicht gibt es einen neuen, radikalen Vorstoß: „Auch Ältere sollen ihren Beitrag leisten.“ Die Senioren-Union lehnt dieses Modell ab.
Noch dieses Jahr will der Bundestag das Gesetz für einen neuen, auf Freiwilligkeit basierenden Wehrdienst beschließen. Nach den Plänen der schwarz-roten Koalition soll es künftig eine verpflichtende Musterung für alle jungen Männer ab Jahrgang 2008 geben. Die Debatte um die Quasi-Rückkehr zur Wehrpflicht war zuletzt emotional geführt worden – und wird nun um eine Facette reicher: den Vorschlag eines Dienstes auch für die Älteren.
Philosoph für Wehrpflicht für alle: „Auch Ältere sollen ihren Beitrag leisten“
Jörg Tremmel ist überzeugt, dass die Politik in etlichen Entscheidungen die Belange jüngerer beziehungsweise künftiger Generationen vernachlässigt. Er ist Vorstandsmitglied der Stiftung Generationengerechtigkeit und fände es nur fair, wenn etwa beim Wehrdienst auch die Älteren berücksichtigt werden würden. „Auch Ältere sollen ihren Beitrag leisten“, sagte Tremmel im Gespräch mit unserer Redaktion. „Wer fit ist und sich bisher nicht für die Gemeinschaft engagiert hat, soll nach dem Arbeitsleben, aber noch vor dem Renteneintritt einen Dienst machen.“ Heißt: „Jung und Alt sollen gemeinsam an der Suppentafel stehen oder beim Militär aktiv sein.“
Eine Einschränkung macht er allerdings bei dieser Art Wehrpflicht für alle. „Wer bereits einen zivilen oder militärischen Dienst geleistet hat, wäre von der Regelung ausgenommen“, sagt Tremmel. Für andere hingegen gelte: „Viele andere haben für sich selbst viel geleistet, klar, sie haben ihr Leben vorangebracht, Karriere gemacht und so weiter. Aber damit haben sie nicht automatisch auch etwas für die Gesellschaft getan.“ Man könne daher über den Wehr- beziehungsweise Zivildienst für diese Menschen nachdenken.
Wehrpflicht für Alte? „Wirkt vermessen“
Die Senioren-Union, eine Organisation der CDU, lehnt diesen Vorschlag ab. „Engagement muss freiwillig bleiben, besonders für jene, die schon so viel geleistet haben“, sagte uns Hubert Hüppe, Chef der Senioren-Union. „Statt neue Pflichten zu erfinden, sollte man das vorhandene Engagement stärken, bessere Rahmenbedingungen für Ehrenamt schaffen und echte Generationenprojekte fördern – ohne Zwang, sondern aus Überzeugung.“
Ein Wehr- beziehungsweise Zivildienst für Jung und Alt „mag auf den ersten Blick nach einem Ansatz klingen, der Generationen verbindet“, sagt Hüppe, erkennt dabei aber auch eine Schieflage. „Denn anders als junge Menschen, die am Beginn ihres Berufslebens stehen, haben ältere Generationen bereits jahrzehntelang zum wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Fundament dieses Landes beigetragen“, so der CDU-Politiker. „Vor diesem Hintergrund wirkt es in der Tat vermessen, gerade sie erneut in eine Pflicht zu nehmen, nur weil sie sich dem Rentenalter nähern und körperlich noch leistungsfähig sind.“
Dass die Wehrpflicht für alle kommt, ist ohnehin unrealistisch. Es handelt sich vor allem um ein Gedankenspiel des Philosophen Tremmel. Der ist davon überzeugt, dass die deutsche Politik von einer Gerontokratie gezeichnet ist. „Demokratie ist die Herrschaft des Volkes. Gerontokratie ist die Herrschaft der Älteren“, so der 55-Jährige. „Denn diese stellen die Mehrheit der Wahlberechtigten.“ Das habe Folgen. „Die älteren Politiker jedenfalls denken nur an die nächste Wahl, nicht an die nächste Generation“, sagt Tremmel. Er sieht neben dem Wehrdienst auch andere Beispiele, konkret: „Klimaschutz, das fehlende Atommüllendlager, Pflege- und Gesundheitspolitik oder Staatsverschuldung.“ Zudem zeige die aktuelle Rentenpolitik einen „Generationenkonflikt vor aller Augen“.
Eine Idee, um für mehr Generationengerechtigkeit zu sorgen: ein „unbegrenztes Wahlalter“, wie Tremmel im Interview mit unserer Redaktion erklärt: „Man soll sich altersunabhängig in die Wählerliste eintragen können und dann das Wahlrecht bekommen.“ (Quellen: Gespräch mit Jörg Tremmel, Senioren Union)