Russland hat 16 strategische Langstreckenbomber vom Osten an die Front nach Murmansk transportiert. Die Arktisregion hat militärisch hohe Bedeutung für Putin.
Olenja – Ungeachtet der anhaltenden diplomatischen Bemühungen um ein Ende des Ukraine-Krieges hat Russland erst am Mittwoch (26. November) weitere schwere Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt Kiew und Saporischschja im Südosten der Ukraine verübt. Und es scheint, als bereite Wladimir Putin bereits die nächste schwere Angriffswelle vor. Russland soll laut dem Portal militarnyi unter Berufung auf Monitoring-Kanäle mindestens 16 strategische Langstreckenbomber des Typs Tu-22M3 näher an das ukrainische Kriegsgebiet verlegt haben.
Die Bomber waren zuvor im Osten Russlands stationiert und sind am Dienstagabend (25. November) auf dem Flugplatz Olenja in der Region Murmansk gelandet. Zur Einordnung: Olenja liegt etwa 1800 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, und die maximale Einsatzreichweite der Tu-22M3-Bomber mit einer Nutzlast von 12.000 Kilogramm beträgt 2410 Kilometer. Damit wäre es den Flugzeugen möglich, auf die Ostukraine zu feuern. Das Prekäre: Die Flugzeuge können mit den Kh-22- und Kh-32-Überschall-Marschflugkörpern ausgestattet werden.
Wegen Verlegung von Bombern: Trotz Friedensverhandlungen warnen Experten vor massiven Angriffen
Militärexperten werten die Verlegung der Bomber als deutliches Zeichen für die Vorbereitung eines massiven Angriffes auf die Ukraine. Denn die Kh-Überschall-Lenkwaffen stellen aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit und ihrer Flughöhe von über 22 Kilometern ein extrem schweres Ziel für die ukrainische Luftverteidigung dar. Außerdem verfügen sie über einen großen Sprengkopf, der erheblichen Schaden anrichten kann.
Bis zur sogenannten Operation Spinnennetz im Juni, die zur Zerstörung und Beschädigung mehrerer strategischer Langstreckenbomber führte, wurden Tu-22M3-Bomber regelmäßig für Luftangriffe auf die Ukraine eingesetzt. Nach dieser Operation verlegte man die Flugzeuge jedoch in den Fernen Osten, wo sie seither nur ein einziges Mal zum Einsatz kamen. Der bislang letzte Angriff mit Tu-22M3-Bombern auf ukrainisches Territorium erfolgte dann Anfang August 2025, als eine Rakete auf Mykolajiw abgefeuert wurde und dabei mehrere Wohnhäuser zerstörte.
Putins Militärstrategie im Ukraine-Krieg: Bomber werden zu Russlands „Tor der Arktis“ verlegt
Die Wahl Murmanks als Stationierungsort ist strategisch durchdacht. Die Region besitzt für Russland eine herausragende strategische Bedeutung, da sie als Hauptstützpunkt der russischen Nordflotte fungiert, die als schlagkräftigste und modernste unter den russischen Flotten gilt und mit neuesten Atom-U-Booten der Borei-Klasse ausgestattet ist. Als einziger eisfreier russischer Hafen in der Arktis gibt es praktisch keine Alternative zu diesem Stützpunkt, weshalb dort sowohl nuklear bewaffnete U-Boote als auch strategische Langstreckenbomber stationiert sind.
Darüber hinaus dient Murmansk als Russlands wichtigstes „Tor zur Arktis“ und ermöglicht die Kontrolle über das europäische arktische Gebiet. Mit dem Klimawandel hat die Arktis aufgrund des schmelzenden Eises an geostrategischer Bedeutung stark gewonnen, da neue Seewege und Ressourcenzugänge entstehen. Russland hat deshalb auf der Halbinsel Kola in den vergangenen Jahren enorm aufgerüstet und plant den weiteren Ausbau der militärischen Infrastruktur bis 2030, um seine Machtstellung in der Arktis zu sichern und bei einem möglichen Wettrüsten mit dem Westen strategisch vorbereitet zu sein.
Überblick: Warum Murmansk militärisch wichtig ist
| Nukleares Arsenal | Stationierung der modernsten russischen Atom-U-Boote der Borei-Klasse mit ballistischen Interkontinentalraketen - Herzstück von Russlands nuklearer Zweitschlagsfähigkeit |
| Geografische Vorteile | Einziger ganzjährig eisfreier russischer Hafen in der Arktis - ohne Alternative für Russlands Zugang zu arktischen Gewässern |
| Flottenkapazitäten | Heimathafen der russischen Nordflotte mit über 200 U-Booten während der Hochzeit - größte U-Boot-Konzentration der Welt |
| Strategische Kontrolle | Kontrolle über die Nordostpassage und neue durch Klimawandel entstehende Seewege - Schlüssel zur Arktis-Dominanz |
| Ressourcenschutz | Militärische Absicherung der geschätzten 13 Prozent der weltweiten Ölreserven und 30 Prozent der Erdgasreserven in der russischen Arktis |
| NATO-Abschreckung | Machtprojektion direkt vor der Haustür der NATO-Mitglieder Norwegen und (bald) Finnland - strategische Einschüchterung des Westens |
Vorteil in Ukraine-Verhandlungen: Putins Bomber sollen militärischen Druck erhöhen
Obwohl der Ukraine-Krieg nun mehr als drei Jahre andauert, erfolgt die Verlegung der Bomber zu einem bemerkenswerten Zeitpunkt: Während international über mögliche Friedensverhandlungen zur Beendigung des Ukraine-Krieges diskutiert wird und verschiedene Akteure diplomatische Initiativen vorantreiben, verstärkt Russland gleichzeitig seine militärischen Kapazitäten an der Front. Diese scheinbar widersprüchliche Strategie könnte darauf abzielen, die eigene Verhandlungsposition durch militärischen Druck zu stärken, oder aber signalisieren, dass Moskau trotz aller Friedensrhetorik weiterhin auf eine militärische Lösung des Konflikts setzt.
Trotz aller Warnsignale äußerten sich US-Präsident Donald Trump und hochrangige russische Vertreter zuletzt positiv zu den aktuellen Bemühungen um ein Ende des Ukraine-Krieges. Nachdem Trump einen 28-Punkte-Friedensplan vorgelegt hatte, der nach diplomatischen Bemühungen auch durch die Europäer einige Änderungen erfahren hat, stehen weitere US-Russland-Treffen bevor. Moskau bestätigte mittlerweile ein von Trump angekündigtes Treffen seines Sondergesandten Steve Witkoff mit dem russischen Staatschef Putin in Moskau nächste Woche (Quellen: dpa, militarnyi) (bg)